Meine innere Stopptaste

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Wenn der Stress überhandnimmt, kann einem buchstäblich die Luft ausgehen. Wie sollen wir da überhaupt zur Ruhe finden? Doris Bewernitz hat für sich ein Ritual gefunden.

Manchmal möchte ich die Zeit anhalten. Wenn der Stress überhandnimmt. Wenn alles zu schnell geht, ich nicht mehr weiß, was ich zuerst machen soll. Wenn ich mich verloren habe zwischen all meinen Terminen. Dabei mache ich diese Termine selbst. Und warum? Weil ich so viel will. Bücher schreiben, den Garten gestalten, Menschen treffen, Neues lernen. Ich bin gierig aufs Leben. Ich vergesse immer wieder, dass meine Kraft begrenzt ist.

Und täglich grüßt die To-do-Liste

Dabei müsste ich es besser wissen. Mit fast sechzig ist mir die Dringlichkeit, mein Leben zu entstressen, klar. Käme die berühmte Fee vorbei und ich hätte einen Wunsch frei, ich würde mir Ruhe wünschen. Doch Feen sind selten. Ich muss das Problem wohl selbst angehen. Ich weiß, dass Stress Gift für mich ist. Dass ich davon krank werde.
Ich weiß auch sicher, dass ich dem Stress nicht entgehe, indem ich mich noch mehr anstrenge. Jeden Morgen schaue ich auf meine To-do-Listen und bekomme Herzrasen. Jeden Tag versuche ich wenigstens das zu erledigen, was am dringendsten ist. Abends stelle ich fest, dass ich nur einen Bruchteil davon geschafft habe. Wie durch Zauberei wachsen die Aufgaben nach. Sich noch mehr zu hetzen ist folglich nicht die Lösung. Die Ruhe, die ich suche, kommt ganz bestimmt nicht zustande, wenn ich endlich alles abgearbeitet habe.

Wie zur Ruhe finden?

Doch wodurch kommt sie zustande? Ich wusste das doch mal. Warum entscheide ich mich immer wieder für den Stress? Warum entscheide ich mich immer wieder gegen die Ruhe? Es ist doch meine Entscheidung, allein meine! Ich vermute, es hat etwas mit Training zu tun. Das Funktionieren, mich beeilen, durchhalten, habe ich tausende Male trainiert. Folglich kann ich es. Anhalten jedoch, langsam sein, Pausen machen, bei mir sein, all das habe ich nicht annähernd so oft geübt. Das wäre nun aber mal dran. Doch wie? Wodurch kommt Ruhe zustande? Wie kann ich langsamer werden?
Mit diesen Fragen stand ich heute Morgen in der Bahn. Ich hatte verschlafen und mich abgehetzt. Ich hatte einen Arzttermin und es war klar, dass ich zu spät kommen würde. Ich versuchte mich zu beruhigen, sagte mir, dass die Welt nicht untergeht, wenn man zu spät kommt. Sofort musste ich an das aktuelle Manuskript denken. Ich hatte noch eine Woche bis zur Abgabe. Es fehlten noch fünfzig Seiten. Das war unmöglich zu schaffen. Den Garten musste ich auch gießen. War genug Wasser in den Regentonnen? Fürs Wochenende sollte ich Geburtstagsgeschenke kaufen. Dann fiel mir siedend heiß ein, dass ich bis zum nächsten Morgen den Essay abgeben musste. Ich hatte das zugesagt, doch ich kam nicht ins Thema rein. Und was sollte ich mit dem Buchauftrag machen? Annehmen? Ablehnen? Die Agentur wollte gestern eine Antwort. Ein Jahr würde ich für das Buch brauchen. Wollte ich das? Schaffte ich das? Und wenn nicht – konnte ich es mir leisten abzusagen?

Den ganzen Artikel finden Sie in unserer bewusster leben Ausgabe 6/2018

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