Meine kleine Teeauszeit

Der Genuss einer schönen Tasse Tee ist eine Auszeit vom Alltag und ein gutes Mittel der Entschleunigung. Eine Teezeremonie kann uns innerlich zur Ruhe bringen und uns zu einer neuen Sicht der Dinge verhelfen. Unsere Autorin Lihong Koblin berichtet über ihre kleine Teeauszeit.

Oft nachmittags oder abends, manchmal auch schon kurz nach dem Frühstück, um mich bei einer etwas anspruchsvolleren Schreibtischarbeit zu kräftigen, stelle ich mein Teegeschirr auf den Tisch, suche mir einen passenden Tee aus und setze eine Kanne Wasser auf. Ein paar Schritte der Zubereitung reichen normalerweise schon aus, um das Hineinspringen in die nächste „To-Do-Liste” merkbar zu verlangsamen. Wenn das gedeckte „Tischlein” strahlt, der frische Teeduft aufsteigt und der feine Geschmack sich in meinem Gaumen Schicht für Schicht entfaltet, scheint das Eilige auf einmal nicht mehr ganz so dringlich, das Mühsame weniger zäh und das Schwere hat auf einmal leichte Aspekte in sich.

Ein Raum der inneren Freude

Es ist nicht wirklich mit Worten zu fassen, was genau dieser gute „himmlische Teeschluck“ alles beinhaltet. Es wird auch kaum möglich sein, seine Wirkung unter dem Mikroskop zu untersuchen und zu analysieren. Aber der Geschmack ist konkret, die daraus entstehende Freude und Zufriedenheit genauso. Es gibt ohnehin vieles auf dieser Welt, was unsichtbar ist, was uns aber trotzdem oder gerade deshalb spürbare Kraft und Liebe schenken kann. Sich eine Tasse Tee zuzubereiten ist weder technisch kompliziert noch zeitlich aufwendig. Es erfordert keine große Geschicklichkeit und Wasser zu kochen ist auch kein Hexenwerk.

Meist können wir uns bei dieser einfachen Tätigkeit schon gut entspannen, weil sie uns Sicherheit verleiht. Wenn wir uns selbst beobachten, können wir bald feststellen, dass unsere Bewegungen bei der Teezubereitung mit der Zeit langsamer und sanfter werden und der Raum für die innere Freude größer und stabiler wird. Guter Tee bietet einen sehr feinen Geschmack, der alle Sinne weckt und schärft, der sich im Laufe mehrmaliger Aufgüsse (was man beim guten chinesischen Tee immer macht) entwickelt und entfaltet. Von zart, leicht und blumig bis nussig, kräftig und schwer. Der komplexe Geschmack eines guten Tees ist wie gute Musik.

Auf der Suche nach sich selbst


Nach Art und Weise der Fermentation und Verarbeitung gibt es sechs verschiedene Teesorten in der chinesischen Teefamilie, welche insgesamt mehrere Tausend verschiedene Tees beinhaltet. Die Teewelt ist so riesig, dass sogar Teeexperten in China sich immer wieder auf den Weg machen, um neue Tees zu entdecken. Aber keineswegs müssen wir uns vor dieser riesigen Teewelt abschrecken lassen oder gleich den erstbesten Tee kaufen. Es ist gut zu wissen, dass Tee ein sehr individuelles Getränk, ja eigentlich mehr als nur ein Getränk ist. Unser Körperzustand, unsere geschmackliche Sensibilität und auch ästhetische Vorlieben sowie die Trinkzeit sind alles Faktoren, die Einflüsse auf ein Teeerlebnis haben können. Der besondere Wert eines Tees liegt eben nicht nur in der höheren Qualität der Teeblätter, welche man auch nicht nach einheitlichen Standards messen kann. Viel wichtiger ist es, den besten passenden Tee für sich zu entdecken und das kann auch mit der Teeerfahrung im Laufe der Zeit ein anderer werden.
Lihong Koblin

Lihong Koblin ist Autorin des mit dem Gourmand Award ausgezeichneten Titels „Teezeit“ (Drachenhaus Verlag), in dem sie mit dem Leser eine kurzweilige und lehrreiche Reise in die chinesische Teewelt unternimmt. LiHong Koblin stammt aus einer Familie bekannter Wushu-Meister in Qingdao. Die traditionelle chinesische Medizin, Qigong, Taiji und die chinesische Teekultur begleiteten sie von klein auf. Heute lebt sie mit ihrer Familie in Freiburg, wo sie ein Taiji-Institut leitet und Teezeremonien veranstaltet.

Den ganzen Artikel finden Sie in unserer Ausgabe bewusster leben 5/2019

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