Meine schwierige Mutter

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Auch wenn die Beziehung zur eigenen Mutter problematisch und mit beiderseitigen Schuldgefühlen belastet ist, ist es möglich, im Erwachsenenalter ein gutes Leben zu führen und den Ballast des Elternhauses abzuwerfen. Wir zeigen, wie man Belastendes hinter sich lassen und das eigene Leben zum Besseren wenden kann.

Seien wir ehrlich: Es gibt Menschen, mit denen möchten wir nicht gerne unsere Zeit verbringen. Gehören dazu solche, die uns nahestehen, kann die Sache kompliziert werden. Ist es gar die eigene Mutter, gestaltet es sich schon als schwierig, überhaupt Gesprächspartner für dieses Problem zu finden – obwohl doch sehr viele Menschen unter einer schwierigen Beziehung zu ihrer Mutter leiden. Umso wichtiger, das Thema anzugehen und Hilfe zur Selbsthilfe zu finden.

„Du sollst Vater und Mutter ehren.“ Wenn das nur immer so leicht wäre.

„Es ist eigentlich so, dass sie immer an mir herumnörgelt. Ich kann mich einfach nicht mehr mit ihr unterhalten. Alles dreht sich nur im Kreis und man wird krank davon.“ „Wer von euch hat auch mit ihr den Kontakt abgebrochen und gelernt mit dieser Entscheidung zu leben?“ So oder ähnlich lauten unzählige Einträge in einschlägigen Selbsthilfe-Foren des Internets. Der Mensch, um den es hier geht, ist eine der wichtigsten Personen und zugleich der Mensch, der uns am längsten kennt. Und meistens meint er auch, uns am allerbesten zu kennen – ganz sicher aber besser, als wir uns selbst kennen: die eigeneMutter.
Selbst wenn die belastenden Erfahrungen mit ihr lange hinter uns liegen, tragen wir an ihren Folgen womöglich ein Leben lang. Sogar dann noch, wenn sie schon lange tot ist. Warum ist das so? „Verdeckte Schuldgefühle und unerfüllte Liebe“, so bringen Waltraud Barnowski-Geiser und Maren Eiser-Heinrichs in ihrem Buch „Meine schwierige Mutter“ die psychologischen Hintergründe auf den Punkt, wenn es um die Beziehung zur eigenen Mutter geht. Gerade für eine Tochter kann es äußerst schwierig werden, der totalen Inanspruchnahme durch eine besitzergreifende Mutter zu entgehen: „Wiederholt trägt sie die Mutter durch tiefe Täler der Traurigkeit, um anschließend doch von ihr beschuldigt zu werden: Verantwortung zu tragen für alle Krisen, für das schlechte Leben der Mutter überhaupt.“ Irgendwo tief im Unterbewusstsein ist es eben bei uns allen verankert, das biblische Elterngebot: „Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren.“ Am allertiefsten wohl der ungeschriebene Zusatz: „Ganz besonders aber deine Mutter!“

Vom Umgang mit eigenen Schuldgefühlen

Bei vielen Betroffenen setzt denn auch zuverlässig das Schuldgefühl ein: „Das darf ich aber doch nicht sagen“, denken sie dann, „Wenn sie das wüßte“ und „Wie undankbar bin ich eigentlich?“ Bei manchen erwachsenen Kindern ist das schlechte Gewissen so mächtig, dass sie sich schlicht verbieten, weiter darüber nachzudenken.
Andere fühlen sich in solchen Momenten des klaren Blicks paradoxerweise verwirrt, diffus, manchen wird sogar schwindlig. Diese körperlichen Anzeichen zeigen oftmals an, dass der kritische Blick auf die eigene Mutter für die Betroffenen ein Tabuthema darstellt. Möglicherweise kennen sie gar nicht den Ursprung ihres quälenden Schuldgefühls, sondern fühlen sich einfach schuldig, ohne einen besonderen Anlass.
Menschen, bei denen die mütterliche Stimme als Richterin besonders präsent ist, erleben häufig starke Gefühle der Gereiztheit, der Hilflosigkeit und Resignation. Auch können Schuldgefühle ihren Ausdruck in körperlichen Beschwerden finden wie beispielsweise Magenschmerzen, Atemnot oder Schlafstörungen. Die Liste negativer Einflüsse solcher Schuldgefühlen auf unser Wohlbefinden ist lang.

Das Jetzt-besser-leben-Programm für erwachsene Kinder schwieriger Mütter

Wo gibt es Hoffnung für erwachsene Kinder mit schwierigen Eltern? Immerhin: Das Problem wird nicht länger totgeschwiegen. Es findet zunehmend Eingang nicht nur in Selbsthilfeforen im virtuellen Raum, sondern auch in die Behandlungszimmer von Psychotherapeuten, Psychologen und sogar Hausärzten. Neuerdings gibt es sogar ein Selbsthilfeprogramm, das „Jetzt-besser-leben-Programm für erwachsene Kinder schwieriger Mütter“. Es basiert auf drei zentralen Ansätzen:

1. Team Körper-Seele-Geist aktivieren
Körper, Seele und Geist müssen darin unterstützt werden, wieder gut zusammenzuarbeiten. Nur anders denken hilft genau so wenig, wie „nur noch fühlen, Kopf ausschalten“. Therapeutische Begleitung, in der Kindheitsbelastungen behandelt werden, dürfen die Körper- und Gefühlsebene nicht ausklammern.

2. Alte und neue Erfahrungen verknüpfen: Heimat finden
Alte Erfahrungen müssen durch gute neue ersetzt werden, die so neue Bahnungen im Gehirn möglich machen. Dazu gehören sowohl neue Körpererfahrungen, neue Erfolgserlebnisse und Bewertungen wie auch die Erfahrung von Sicherheit und Macht statt Ohnmacht sowie die Zusammenarbeit kindlicher und erwachsener Anteile. Das Alte muss sich so gut mit dem Neuen verknüpfen, damit der Mensch gern in sich wohnt und sich nicht mehr in sich selbst fremd fühlt.

3. Neu und anders schwingen: Resonanzerfahrungen ermöglichen
Gesehen und gehört werden, sich „erkannt“ fühlen, gespiegelt werden durch andere Menschen, aber auch durch neuartige Erfahrungen mit kreativen Medien wie etwa dem Resonanzspender Musik, ermöglichen es, tatsächlich anders zu schwingen, sich lebendiger und besser zu fühlen.

Fakt ist und bleibt: Wir müssen mit den Menschen zurechtkommen, die uns das Schicksal an die Wiege gestellt hat. Der Blick ins Dunkel ist eine Möglichkeit, die Selbsterkenntnis zu vergrößern und einen Weg zu finden, das Leiden hinter sich zu lassen. Das Tabu der schwierigen Mutter zu brechen, bedeutet, aufzubrechen in ein neues Leben! 
Johannes Hartlieb

Den ganzen Artikel finden Sie in unserer Ausgabe bewusster leben 4/2017

 

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