Migräne

Migränekopfschmerzen beeinträchtigen den Alltag von Millionen Menschen. Oft leiden sie tage- und nächtelang. Doch gibt es überhaupt wirksame Mittel dagegen? Die Professorin Dagny Holle-Lee, selbst immer wieder von Migräneanfällen betroffen, forscht seit Jahren zu den Ursachen, Symptomen und Behandlungsmöglichkeiten der Schmerzen. Sie muss also wissen, was hilft.

Längst sind die Zeiten vorbei da Kopfschmerzen noch als „hysterische Frauenkrankheit“ abgetan wurde. Tatsache ist: Rund 54 Millionen Deutsche – also ca. 70 Prozent der Bevölkerung – leiden regelmäßig darunter. Männer wie Frauen. Die Internationale Kopfschmerzgesellschaft unterscheidet über 200 Kopfschmerzarten. Am häufigsten sind der Spannungskopfschmerz, Clusterkopfschmerz und Migräne.

Den Spannungskopfschmerz kennen wir alle: ein unangenehmer Schmerz im Kopf, der mehrere Tage anhalten kann, aber nie so stark wird, dass er den Alltag beeinträchtigt. Da hilft es den Betroffenen manchmal bereits, wenn sie etwas mehr trinken oder Sport treiben.
Der Clusterkopfschmerz ist da schon wesentlich schlimmer. Er ist gekennzeichnet durch extrem starke einseitige Schmerzen im Bereich der Augen, der Stirn und der Schläfe. Die Schmerzattacken treten episodisch am Tag oder in der Nacht auf und können bis zu drei Stunden andauern.

Migräne – ein unterschätztes Leiden

Ganz anders dagegen ist die Migräne. Nach den Spannungskopfschmerzen die zweithäufigste Kopfschmerzart. In Deutschland leiden über acht Millionen Menschen darunter – damit ist sie eine der häufigsten Schmerzerkrankungen. Bereits Kinder können an Migräne leiden. Typisch ist aber ein Beginn nach der Pubertät. Am häufigsten treten Migräneanfälle jedoch zwischen dem 35. und 45. Lebensjahr auf. Betroffen davon sind etwa drei Mal mehr Frauen als Männer. Jede Fünfte hat im Laufe ihres Lebens mindestens einen Migräneanfall. Wer an mehr als 15 Tagen pro Monat Migräneschmerzen mit unterschiedlichem Schweregrad hat, leidet an einer chronischen Migräne. Ein typischer Anfall dauert zwischen vier und 72 Stunden und gliedert sich meist in bestimmte Phasen, die unterschiedlich lange dauern. Mehrere Stunden bis zwei Tage vorher kann sich eine Migräne ankündigen. Die Vorboten sind oft Gereiztheit, Müdigkeit, eine fast schon depressive Gefühlslage sowie Licht- und Lärmempfindlichkeit. Für 15 Prozent der Migränepatienten kündigen sich die Schmerzen bereits im Vorfeld durch massive Sehstörungen und Gesichtsfelddefekte an, die mit Gleichgewichtsstörungen, Schwindel, Lähmungen und Sprachstörungen einhergehen können.

Die akute Kopfschmerzphase

Ein pulsierender, pochender Kopfschmerz: So beschreiben Betroffene den Migräneschmerz, der während der akuten Phase in unregelmäßigen Abständen wiederkehrt. Schmerzen, die Betroffene in der Regel vollkommen niederstrecken. Außenreize wie Licht, Gerüche, Berührungen und Geräusche sind dann fast nicht mehr auszuhalten. Dazu kommen Schwindel, Übelkeit und Erbrechen. Diese Phase ist nur mit Ruhe und Dunkelheit zu überstehen. Wenn die Kopfschmerzen dann endlich abgeklungen sind, klagen viele Betroffene noch tagelang danach über Erschöpfung.

Eine angeborene Krankheit

Fragt man Dagny Holle-Lee, die als Oberärztin das Kopfschmerz- und Schwindelzentrum an der Klinik für Neurologie des UK Essen leitet, dann ist Migräne eine angeborene Erkrankung, die sich von einer Generation auf die nächste, d. h. von Mutter und/oder Vater auf die Kinder, überträgt. Die Zahlen der Deutschen Gesellschaft für Schmerztherapie bestätigen die Migränespezialistin: Danach haben mehr als 70 Prozent der Betroffenen nahe Familienangehörige, die ebenfalls unter Migräne leiden.
Und was weiß man über die Ursachen? Holle-Lee bezeichnet die Disposition zur Migräne als eine Art vererbte „Softwarestörung im Gehirn“, die bei bestimmten Außenreizen oder hormonellen Faktoren die Schmerzen auslöst. Sie fügt hinzu: „Bis heute weiß man nicht, an welcher Stelle im Gehirn genau die Migräneattacke startet. Wenn man sehr oft unter Migräne leidet, hat das Gehirn zwischen den einzelnen Migräneattacken gar keine Zeit mehr, wieder in den Normalzustand zu gelangen. Man kann sich das ein bisschen wie einen Sonnenbrand des Gehirns vorstellen. Das Schmerznetzwerk bleibt weiter empfindlich, und sobald auch nur kleinere Reize kommen, z. B. Stress oder ein wenig Aufregung, feuern die Neuronen sofort wieder, und die Entzündung startet erneut.“

Es spielen aber auch noch viele andere Faktoren eine Rolle, wenn es darum geht, wie ausgeprägt sich eine Migräne zeigt. „Ich vergleiche das gerne mit Spielern auf einem Fußballfeld. Viele Spieler müssen zusammenarbeiten, damit am Ende ein Tor fällt, und so wird es bei der Migräne auch sein. Zahlreiche Faktoren werden zusammenkommen müssen, damit letztlich eine Migräne auftritt,“ so Holle-Lee.

Prof. Dr. med. Dagny Holle-Lee ist zertifizierte DMKG (Deutsche Migräne- und Kopfschmerz-gesellschaft) Kopfschmerz-expertin und leitet als Oberärztin das Kopfschmerz- und Schwindelzentrum an der Klinik für Neurologie des UK Essen. Sie leidet selbst seit vielen Jahren an Migräne. Ihre erste Attacke hatte sie während ihres Studiums und schon allein deshalb kann sie den Leidensdruck nachvoll-ziehen. Das war auch der Anlass, der sie dazu motivierte, sich wissenschaftlich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Holle-Lee gehört zu den dreißig weltweit besten Kopfschmerz-expertInnen.

Zum Weiterlesen: Dagny Holle-Lee, Diagnose
Kopfschmerz und Migräne
Herbig Verlag
128 Seiten, Preis: 14 Euro

Den ganzen Beitrag finden Sie in unserer Ausgabe bewusster leben 5/2021

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