Mitfühlen

Empathie ist in vielen Lebensbereichen der Schlüssel zum Erfolg. Mit anderen zu empfinden, stärkt das soziale Miteinander und die eigene seelische Gesundheit. Wir zeigen, wie es gelingen kann, den Blick auf andere zu richten, ohne sich selbst dabei zu vergessen

Ich sehe und verstehe deinen Schmerz!“, sage ich zu meiner besten Freundin. Und meine jedes Wort genauso. Das Ziehen im Magen, das Pulsieren in der Brust, der Nebel im Kopf – das alles erlebe ich auch, wenn ich mich von einer Person enttäuscht und verletzt fühle, ein Streit ungeklärt bleibt. „Vielleicht sprecht ihr einfach noch mal darüber. Er hat es vielleicht gar nicht so gemeint, wie es jetzt bei dir ankommt. Manchmal sagen wir gemeine Dinge im Affekt“, versuche ich meine Freundin zu trösten.

Ist es nicht so, dass heutzutage immer wieder von uns verlangt wird, egoistisch zu handeln? Statt den Anderen zu verstehen, geht es immer mehr um eine Individualisierung und Wettbewerbsorientierung, bei der jeder die Poleposition für sich beansprucht. Vom Business- über den Mindset-Coach, von den sozialen Medien bis hin zum Journalismus: Alle predigen uns, wie wichtig es ist, uns selbst an erste Stelle zu setzen.
Doch wie viel Egoismus tut uns gut? Wenn sich nur noch alles um uns selbst dreht – wer schaut dann noch auf andere? Wer ist noch nachsichtig mit seinen Mitmenschen? Denn genauso, wie wir instinktiv unsere eigenen Gefühle spüren, haben wir auch ein Verlangen, anderen zu helfen und nachsichtig zu sein, wenn wir sie nicht gleich zu hundert Prozent verstehen.

Was ist eigentlich Empathie?

Das Wort „Empathie“ leitet sich aus dem griechischen „Pathos“ ab und bedeutet so viel wie „mitleiden“ und „mitfühlen“. Wer empathisch ist, kann sich in andere hineinversetzen, kann nachempfinden, was sie gerade durchmachen. „In der antiken Philosophie hatte die Empathie schon immer einen festen Platz. Man entdeckt sie auf der Suche nach dem erfüllten Leben unweigerlich im Rahmen des Konzepts der eudaimonia. Eudaimonia beschreibt einen Zustand des vollkommenen menschlichen Wohlbefindens, in dem eine Person ein erfülltes und bedeutungsvolles Leben führt“, sagt Sina Haghiri, Herausgeber einer der erfolgreichsten deutschen Psychologie-Podcasts und Autor des Buches „Mit Nachsicht“, in dem er erklärt, warum es uns selbst guttut, empathisch mit anderen zu sein.

Selbstliebe ist die Voraussetzung für Empathie

Nur wer selbst sicher auf zwei Beinen steht, kann andere gut festhalten. Mit anderen Worten: Eine gesunde Portion Selbstliebe ist nötig, um überhaupt empathie-fähig zu sein. „Mir sind extrem selten Personen begegnet, die andere Menschen im Allgemeinen für grundschlecht, faul, aggressiv, dumm, hinterrücks oder auf sonst irgendeine Weise falsch halten, aber mit sich selbst im Reinen sind“, so der Psychotherapeut und Autor Sina Haghiri.
Selbstliebe muss nicht zwangsläufig zu egoistischem Handeln führen. Eine zu starke Fokussierung auf die eigenen Vorteile kann möglicherweise aber die Grenzen anderer verletzen und überschreiten. Für Haghiri ist klar, dass der Mangel an Empathie auf ein verändertes Menschenbild zurückzuführen ist: „Das unnachgiebige Menschenbild des zwanzigsten Jahrhunderts, unsere eigene Tendenz, überall Gefahr zu sehen, und die Reizüberflutung durch negative Nachrichten oder verbitterte Social-Media-Inhalte bringen – wenn wir uns nicht dagegen wehren – auch in uns das Schlechteste hervor.“ Seiner Meinung nach verändern diese Einflüsse also nicht nur unseren Umgang mit anderen, sondern auch uns selbst: „Wenn wir glauben, dass da draußen die Anderen immer rücksichtsloser, egoistischer und aggressiver werden, dann werden wir es selbst.“

Eine angeborene Fähigkeit

Die Fähigkeit zur Empathie ist uns angeboren, muss sich aber in den ersten Lebensjahren noch entwickeln. In einem Alter von 1,5 Jahren beginnen Babys damit, zwischen sich und ihren Mitmenschen zu unterscheiden. Davor dreht sich ihre Welt vor allem um die eigenen Bedürfnisse. Bis zum dritten Lebensjahr nimmt die „Ich-Bezogenheit“ immer weiter ab. Kinder lernen, mitzufühlen – etwa, wenn die eigene Mutter lacht und sie dementsprechend mit einem Lächeln darauf reagieren. Interessant ist die Tatsache, dass bereits im frühen Kleinkindalter die Erkenntnis eintritt, dass man nicht mit jedem Menschen „mitfühlen“ muss. Denn mit etwa vier Jahren werden beispielsweise nur noch Freunde des Kindes „getröstet“ und ausschließlich bekannten Personen mit Empathie begegnet. Haben wir als Erwachsene des 21. Jahrhunderts vollkommen verlernt, empathisch zu sein? Und wenn ja: Wie können wir diese Fähigkeit zurückgewinnen?

Nachsichtig sein – mit mir und anderen

Der Psychotherapeut Haghiri beobachtet zunehmend die Konsequenzen des sinkenden Vertrauens in andere: Die mentale Gesundheit und Beziehungen leiden darunter, viele Menschen klagen über Depressionen und Einsamkeit. Doch Haghiri ist davon überzeugt, dass empathisches Verhalten und Nachsicht durchaus etwas ist, das wir uns wieder aneignen können: „Nachsicht ist keine Eigenschaft, die man als Mensch nun einmal besitzt oder nicht. Genauso wie viele andere psychische Phänomene ist sie eine Fähigkeit, und als solche kann sie trainiert werden. Das Ziel ist dabei niemals, sie zum Automatismus zu machen. Nicht jede Situation und nicht jede Person verdienen Nachsicht. Aber dennoch wäre es für uns selbst in vielen Situationen von großem Vorteil, zur Nachsicht fähig zu sein“, so Haghiri.

Zum Weiterlesen: Sina Haghiri, Mit Nachsicht. Wie Empathie uns selbst und vielleicht sogar die Welt verändert, Kösel Verlag, 20 Euro

Den ganzen Artikel finden Sie in unserer bewusster leben Ausgabe 3/2024

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