Ohne Worte

Die Meditationslehrerin Sylvia Wetzel erklärt die Bedeutung des Schweigens im Retreat mit einem Küchengleichnis: Die Übung ist der Topf, die Konzentration das Feuer, die Übende die Kartoffel und das Schweigen der Deckel. Veronika Schantz ließ sich drei Wochen lang im symbolischen Dampfkochtopf weichkochen.

Anfang der 90er Jahre erzählte mir ein Freund, dass er gerade von einem dreiwöchigen Schweige-Retreat zurückgekommen sei. Ich habe ihn wohl angestarrt, als hätte er mir gestanden, 21 Tage freiwillig in einer dunklen schalldichten Folterkammer verbracht zu haben. „Und was macht man da so?“, erkundigte ich mich. „Akzeptieren, dass nichts bleibt, wie es ist, und alles anders kommt, als erwartet“, lautete die kryptische Antwort.

Rendezvous wider Willen

Nun sitze ich im Zug auf dem Weg ins Seminarhaus Engl, um drei Wochen zu schweigen. Eine Freundin, der ich davon erzählte, hat mich angestarrt, als würde ich freiwillig 21 Tage in einer dunklen schalldichten Folterkammer verbringen. Menschen und Zeiten ändern sich. Vor rund zwanzig Jahren begann ich, Yoga-Stunden zu nehmen und mich für Meditation zu interessieren. Kurzentschlossen meldete ich mich damals für einen Wochenendkurs an. Dort angekommen, bemerkte ich neben der Rezeption ein großes Schild mit der Aufschrift: „Bitte nehmen Sie Rücksicht auf unsere Schweige-Gruppe“. „Die Armen“, dachte ich mir da noch, bis mich beim Abendessen die Erkenntnis traf, in eben dieser Schweigegruppe gelandet zu sein.
Noch heute bin ich dankbar, dass ich die Kursbeschreibung nur überflogen hatte, denn aus diesem ersten Rendezvous wider Willen hat sich eine nachhaltige Liebesbeziehung mit der Stille entwickelt. Seitdem besuche ich regelmäßig Schweige-Retreats, erhöhe langsam aber stetig die Dosis und empfinde es als unglaublichen Luxus, einmal nicht reden zu müssen. Erzählen wir uns gegenseitig ständig Geschichten, erstarren Erfahrungen zu Salzsäulen. Schweigen dagegen öffnet Spielräume, in denen Geschichten bleiben, Paradoxes und Widersprüchliches nicht sofort unter den Wortteppich gekehrt werden, und Ungewissheit, Staunen und Zweifel freien Auslauf haben.

Auf dem Weg ins Schweigen

Da der Bummelzug in jedem niederbayerischen Kuhdorf zu halten scheint, bleibt meinem Geist viel Zeit, sich die nächsten drei Wochen auszumalen. Wie laut sich in den ersten Tagen die Stille anhören wird, weil Schweigen die Aufmerksamkeit ins Innere verlagert, sodass sonst unbeaufsichtigte Gedanken, Selbstgespräche und kopfinterne Diskussionen plötzlich offen zu Tage treten. Erst allmählich breitet sich diese wohltuend wache Ruhe aus, um dann kurz vor Ende einer leichten Aufgeregtheit zu weichen. Während die mit Schneeresten gefleckte Landschaft an mir vorbeigleitet und ich ein belegtes Brötchen achtlos in mich hineinstopfe, denke ich daran, wie köstlich und intensiv Essen schmecken kann, wenn man einfach nur isst und nicht damit beschäftigt ist, möglichst geistreiche Sätze zu formulieren.
Diesmal habe ich die Seminarbeschreibung genau gelesen. Mich erwartet keine Hardcore-Schweige-Veranstaltung mit Wecken um vier Uhr morgens und täglich mindestens zehn gnadenlosen Meditationsstunden. Dieses Schweige-Retreat richtet sich an Frauen mit viel Meditationserfahrung, die innerhalb eines festen Rahmens frei über ihren Tagesablauf bestimmen können.
Als ich das idyllisch gelegene Seminarhaus erreiche, hört man überall noch lebhafte Stimmen und herzhaftes Lachen. Zimmer werden vergeben und die Aufgaben für die einstündige Mitarbeit im Haus verteilt. Nach dem Abendessen und einer kurzen Einführungsveranstaltung läutet die Seminarleiterin das Schweigen offiziell ein, und schon auf dem Weg von der Meditationshalle zurück in unsere Zimmer hat sich die Atmosphäre merklich verändert.

Das Schweigen beginnt

Um sechs Uhr ertönt der Morgengong. Vor dem Frühstück um acht Uhr besteht schon die Möglichkeit dreimal eine halbe Stunde zu meditieren. Dann folgt die Stunde Hausarbeit. Bis zum Mittagessen und von 15 Uhr bis zum Abendessen kann, wer will, wieder in der Halle sitzen. Alle halbe Stunde erklingt hier die Klangschale, dann öffnet sich die Tür, ein paar gehen, andere strömen herein. Im Haus gibt es einen Yogaraum, wer Gehmeditation üben will, kann auch in den immer wieder einmal verschneiten Garten. Dreimal die Woche hält Sylvia Wetzel einen Vortrag und im Anschluss daran lüftet sich für ca. 45 Minuten der Schweigedeckel, sodass sich die Teilnehmerinnen im Flüsterton mit einer zugelosten Partnerin über ihre Erfahrungen austauschen können. Einzelgespräche mit der Meditationslehrerin sind möglich…
Veronika Schantz
Den ganzen Artikel von finden Sie in unserer Ausgabe bewusster leben 3/2019


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