Plane nicht – lebe!

„Wie wollen wir leben?“ – eine Frage, die uns nicht erst beschäftigt, seitdem sich unser Alltag in den letzten Monaten grundlegend geändert hat. Eines ist dabei sehr klar geworden: Wir können unser Leben nicht nach dem einen starren Masterplan ausrichten, denn so funktioniert die Welt nicht mehr. Nina Martin hat ganz persönlich erlebt, wie es ist, wenn der eigene Lebensentwurf plötzlich in Scherben zerbricht. Mitte Zwanzig kam die Diagnose: lebensbedrohliche Herzrhythmusstörungen – und mit ihr eine Neuorientierung Ihrer Prioritäten. Aus dieser Erfahrung heraus hat sie ein Buch geschrieben, in dem sie ihre eigens entwickelte “Mosaik-Methode” vorstellt – eine Lebenshilfe, durch die man mit vielen kleinen Erfahrungsbausteinen das Mosaik seines Lebens individuell gestaltet. Wir sprachen mit der Autorin:

Liebe Nina, dein Buch „Plane nicht – lebe!“ ist ein sehr persönliches. Was war deine Motivation, das Buch zu schreiben?

Das Buch ist in der Tat sehr persönlich. Es basiert auf meiner eigenen Geschichte – auf der Konfrontation mit der Endlichkeit meines Lebens. Mit 25 Jahren musste ich nämlich feststellen, dass ich wegen einer unentdeckten Herzrhythmusstörung bereits ungezählte Male fast gestorben wäre. Es war mir ein Bedürfnis, diese Geschichte und meine Gedanken aufzuschreiben – zuerst in einigen Zeitungsartikeln und schließlich in einem Buch. Es ging mir um die Frage: Wie will ich mein Leben leben, wenn es endlich ist? Dabei ist „Plane nicht – lebe!“ keineswegs bedrückend oder schwer, sondern genau so, wie ich meine Endlichkeit erlebt habe: Als etwas Positives, das einem Energie für die eigene Lebensgestaltung geben kann. Im Buch stelle ich die Mosaik-Methode vor, einen Ansatz, durch den man sein Leben durch kleine Erfahrungsbausteine aktiv gestalten kann. Es gibt auch viele Übungen zum selbst Ausprobieren.

Was können wir denn aus der Beschäftigung mit unserer eigenen Endlichkeit ziehen?

Die eigene Endlichkeit ist ein Thema, mit dem wir uns oft nicht gerne auseinandersetzen. Ich finde allerdings, dass wir sehr viel Positives aus dem Gedanken ziehen können, dass unser Leben nicht unendlich weitergeht. Wir können uns zum Beispiel sehr viel bewusster dafür entscheiden, wie wir unser Leben gestalten wollen. Dieses Bewusste ist für mich Kern meiner neuen Lebensweise: Oft leben wir unser Leben, ohne uns selbst bewusst zu machen, wie viele Entscheidungen wir treffen können. Wir unterschätzen unsere eigene Gestaltungsfreiheit. Die Mosaik-Methode hilft uns, genau diese Gestaltungsfreiheit zu nutzen.

Die Beschäftigung dem Tod kann oft abschreckend sein. Wie gehst du mit der Angst um, die das Thema mit sich bringt?

Der Tod kann einem in der Tat Angst machen. Mir auch. Ich habe mich mit vielen schwierigen Aspekten des Themas noch nicht auseinandergesetzt, zum Beispiel mit Trauer oder dem Sterbeprozess. Allerdings beinhaltet das Thema Tod eben auch das Thema Endlichkeit. Und dieses Thema, also die schlichte Tatsache, dass unser Leben irgendwann einmal vorbei sein wird, hat für mich nichts mit dem Tod zu tun, aber sehr viel mit dem Leben. Die Endlichkeit konfrontiert uns mit der Frage: Wie wollen wir leben? Das finde ich überhaupt nicht abschreckend.

Was können wir also tun, um die Frage „Wie will ich leben?“ für uns zu beantworten?

Ich glaube, dass wir uns zuerst von der Vorstellung lösen müssen, dass wir radikale Schritte brauchen, um unser Leben zu verändern. Das wird uns oft von der Unterhaltungsindustrie (von Filmen, Büchern, und so weiter) suggeriert: die Helden und Heldinnen kündigen ihren Job, verlassen ihre Partner und machen sich auf in die Fremde, um ein erfülltes Leben zu finden. Ich glaube, dass das nicht nötig und auch nicht hilfreich ist. Denn so viel Mut, alles einfach hinter mir zu lassen, hätte ich persönlich nicht. Dann mache ich lieber so weiter wie bisher. Bei der aktiven Lebensgestaltung geht es für mich eher um kleine Schritte, die in meinen Alltag passen und die alle zusammengenommen eine große Veränderung im Leben bewirken können.

Auch sollten wir die Vorstellung loslassen, dass wir durch Nachdenken und Reflektieren alleine herausfinden können, was wir wollen. Oft wissen wir schlicht nicht, wie wir auf bestimmte Veränderungen reagieren werden. Wir müssen sie ausprobieren und danach entscheiden, ob sie zu uns passen.

Es geht also um kleine, alltagsnahe Veränderungen und eine nachgelagerte Reflexion: Ist das etwas für mich oder nicht?

Wie sieht das konkret im Alltag aus?

Die Mosaik-Methode besteht aus drei Schritten. Im Ersten betrachtet man sein Leben aus der Vogelperspektive: Wir stellen uns unser Leben als Mosaik vor, das aus unterschiedlichen Lebensbereichen besteht. Je nachdem, wie viel Raum ein Lebensbereich gefühlt für uns einnimmt, wird er im Mosaik platziert. Es geht zunächst um eine ehrliche Momentaufnahme: Was gefällt mir an meinem jetzigen Mosaik, was nicht? Welcher Lebensbereich nimmt zu viel Platz ein, welcher zu wenig? Dann geht es im zweiten Schritt darum, mein gewünschtes Mosaik zu entdecken: Wie hätte ich mein Leben gerne?

Die wichtigste Frage für den dritten Schritt ist natürlich: Wie komme ich von meinem jetzigen Mosaik zum gewünschten Mosaik? Dafür planen wir kleine Veränderungen, wie ich sie eben beschrieben habe. Wir halten uns vor Augen, welche Veränderungen in unseren jetzigen Alltag hineinpassen würden, und setzen zunächst nur diese um. Dann reflektieren wir: Bringen uns diese Veränderungen weiter oder wollen wir etwas anderes ausprobieren?

Wie hat sich dein Leben verändert, seit du die Mosaik-Methode anwendest?

Ich habe schon immer gerne geschrieben. Als Kind habe ich sogar einmal einen Fantasy Roman veröffentlicht. Allerdings stellte ich nach meiner Sterblichkeitserfahrung fest, dass mein „Schreibstein“ im Mosaik fast nicht vorhanden war. Das wollte ich unbedingt ändern. Nach vielen kleinen Schritten arbeite ich heute als selbstständige Autorin. Diese Veränderung fand allerdings nicht schlagartig statt. Erst begann ich, journalistisch zu schreiben, bis ich mich schließlich wieder an Bücher traute. Ganz nach der Mosaik-Methode eben.

Wenn wir uns nur eine Sache aus diesem Interview merken, was sollte das deiner Meinung nach sein?

Dass wir viel mehr Gestaltungsfreiheit im Leben haben, als wir oft denken! Selbst wenn wir viele Dinge nicht verändern oder beeinflussen können, sollten wir versuchen, den Raum zu entdecken, der uns zur eigenen Gestaltung bleibt. Er ist oft größer als wir denken!

Zum Vertiefen:
Nina Martin, “Plane nicht – lebe!”, Rowohlt Verlag, 12,99 Euro

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