Raus aus der Krise!

Krisen gehören zum Leben, sie fordern uns heraus, uns zu entwickeln.“ In unserem Gespräch macht die renommierte Jung’sche Analytikerin und Psychotherapeutin Verena Kast Mut, die in der Krise liegenden Wachstumsmöglichkeiten zu nutzen.

Frau Kast, lassen Sie uns über Krisen reden, die niemand gerne hat und von denen doch keiner von uns verschont bleibt. Wer Ihr neues Buch „Der schöperische Sprung“ liest, bekommt ja fast Lust auf die nächste Krise. Weshalb können Sie so positiv auf Krisen blicken?

In der vergangenen Zeit wurde viel über „Posttraumatisches Wachstum“ geforscht, der Fähigkeit, an Traumata zu reifen. Die Frage, die sich uns stellt, ist daher: Reift man auch durch Krisen? Denn ich bin schon der Ansicht, dass auch Krisen eine Art von kleineren oder größeren Traumata sind. Nun reift man nicht einfach dadurch, weil man eine Krise hat, sondern man reift, weil man diese Krise lebt und durchsteht, weil man Altes loslässt und Neues entwickelt. Wer einmal eine Krise bewältigt hat, verfügt fortan über mehr Lebenskompetenz. Und wenn wir auf unser Leben zurückblicken, werden wir erkennen können, dass wir schon viele Krisen überstanden haben. Es ist einem oftmals nur gar nicht bewusst, dass diese überstandenen Krisen ein Zeichen für gewachsene Lebenskompetenzen sind. Und dass sie von der Fähigkeit künden, gut mit dem Leben umgehen zu können. Für mich – und da bin ich ganz klassische Jungianerin – gehört Veränderung zum Menschen. Und bei der Krise handelt es sich um Veränderung. Wir geraten ja mitunter genau deshalb in eine Krise, weil wir uns nicht verändern wollen oder uns der Veränderung entgegenstellen. Oder weil uns ein Schicksalsschlag ereilt, der von uns von einem Moment zum nächsten eine so extreme Veränderung verlangt, die wir gar nicht leisten können.
Ich bin fest davon überzeugt, dass Krisen uns dazu auffordern, wieder schöpferisch zu werden. Und ich glaube, dass eine Krise dann entsteht, wenn wir uns nicht mehr zugestehen, schöpferisch zu sein. Deshalb habe ich in meinem Buch die Idee „Wachsen durch Krisen“ formuliert. Weil es mir wichtig ist, Menschen mit dem Gedanken vertraut zu machen, dass sie an einer Krise wachsen können. Viele Menschen haben nur das Gefühl, dass eine Krise unglaublich anstrengend und unangenehm ist. Und dabei werden diese positiven Gefühle des Wachsens und des sich danach zufriedener und freudvoller Fühlens, sehr leicht übersehen. Genau das sind meines Erachtens aber sehr wichtige Gefühle.

Der Umgang mit Krisen erfordert von uns somit eine Einstellung und eine Haltung, die für Entwicklung und Wachstum offen ist. Wie aber gehen wir mit schwierigen Gefühlen wie der Angst um, die in der Krise auftauchen?

Die Krise selbst ist ein äußerst unangenehmer Zustand. Und als Therapeutin erlebe ich natürlich immer wieder, dass Krisen mit ganz viel Angst verbunden sind. Das ganze Leben verengt sich. Eine Krise ist eine Art Geburtskanal. Entweder wird etwas Neues geboren oder es bleibt stecken und die Schwierigkeiten halten an. Die psychologische Krise selbst dauert höchstens
4 bis 6 Wochen. Sie ist unglaublich anstrengend und spitzt sich schnell zu. Das ist eine Situation, in der man andere Menschen braucht. Menschen, mit denen man sprechen kann. Das muss gar nicht mal ein Therapeut sein oder das Kriseninterventionszentrum. Das kann auch der Taxifahrer sein, der Kellner, die Friseurin. Einfach Menschen, die einem zuhören. Sobald man mit anderen Menschen spricht, wird die Angst weniger. Und wenn man mit einem anderen Menschen spricht, dann fällt einem auch wieder etwas ein. Man wird „entängstigt“. Und dadurch erhält man wieder neue Ideen. Im Normalzustand hat man ja viele Ideen, wie man mit schwierigen Situationen umgehen kann. Doch in der Krise verengt sich das so, dass man plötzlich überhaupt keine Lösung mehr sieht. Das ist ja genau das Wesen der Krise: Wir haben das Gefühl, dass es keine Lösung gibt und dass es nie wieder eine Lösung geben wird. Und dass es nie wieder gut werden wird. Das ist diese ungeheure Zuspitzung in der Krise. Und es ist eine immense Entlastung, wenn man dann plötzlich feststellt, dass es doch noch Optionen gibt.

Daher Ihre Bezeichnung vom „schöpferischen Sprung“. Welche Ressourcen und Kraftquellen sind es, die uns dabei unterstützen, eine Krise zu bewältigen?

Es gibt hier viele Aspekte. Einer davon ist die Vitalität. Das ist eigentlich etwas ganz Unpsychologisches, doch es ist eine Tatsache, dass es einfach Menschen gibt, die eine viel stärkere Vitalität haben als andere. Eine wichtige Rolle spielt auch die Frage: Wie ist man mit mir als Kind umgegangen? Habe ich freundliche Blicke von den Eltern oder eher unfreundliche und kritische erhalten? Wenn jemand nur abwertende Blicke bekommen hat, dann ist das Selbstwertgefühl und in Folge auch die Selbstwirksamkeit kleiner. Sehr unterstützend ist es auch, wenn man mit dem Problem nicht alleine konfrontiert ist, sondern mehr Menschen davon betroffen sind. Das macht es einfacher, denn man kann sich gegenseitig helfen. Gemeinschaft, Solidarität und Verbundenheit werden als sehr unterstützend erlebt. Es geht da auch um die Frage: Bin ich eingebunden in einem Netz von hilfreichen Beziehungen? Habe ich das Gefühl, mich im Notfall auf jemanden verlassen zu können? Und dann gibt es auch noch so etwas wie Robustheit.
Das Konzept kommt aus dem Amerikanischen. Es gibt robuste Menschen, die einfach mehr ertragen können. Wenn sie mit etwas Schwierigem konfrontiert werden, haben sie das Gefühl, es ist ihnen zumutbar. Für sie ist klar: Das Leben selbst ist mir zumutbar. Diese Menschen kommen in der Regel auch aus robusten Elternhäusern. Von Viktor Frankl, dem Wiener Psychoanalytiker und Shoah-Überlebenden, haben wir auch erfahren, wie wichtig es ist, dass wir uns in der Krise Vorstellungen machen können von einer Zeit nach der Krise. Phantasie und Vorstellungskraft sind etwas sehr Wichtiges für die Bewältigung. Ich muss mir also nicht vorstellen, wie alles den Bach runtergeht, sondern ich kann mir ebenso gut vorstellen, wie alles gut wird. Die Aufzeichnungen von Viktor Frankl über seine Zeit in den Konzentrationslagern belegen, dass er sich immer wieder vorgestellt hat, wie das später sein wird, wie er das, was er jetzt gerade erlebt, anderen erzählen wird. Vorstellungskraft ist etwas ganz Normales, jeder hat sie, doch bei manchen ist sie besser entwickelt. Das hat schon auch damit zu tun, ob sie im Elternhaus gefördert wurde. In manchen wurde die Vorstellungskraft nur als Träumerei oder Einbildung abgetan. In anderen wurde sie dann nur für Befürchtungsphantasien genutzt. Letzteres ist besonders schlimm, denn es fördert die Angst.

In Ihrem Buch „Der Sinn der Angst“ fordern Sie ja in Anlehnung an den Existenzphilosophen Karl Jaspers den „Mut zur Angst“ ein. Die Angst, so schreiben Sie, trägt die Kraft zur Verwandlung in sich. Wie können wir dieses Potenzial der Angst wirksam nutzen?

Angst ist eine Herausforderung. Es braucht Mut, sich ihr zu stellen. Wenn wir vor der Angst zurückweichen und die Herausforderung nicht annehmen, dann werden wir in der Folge immer ängstlicher. Auch hier hilft die Verbundenheit mit anderen und die Resilienz. Wenn ich weiß, dass ich Kompetenzen und Ressourcen habe, dann kann ich mich in die Angst fallen lassen. Die Altersforschung hat mittlerweile herausgefunden, dass man im Alter ganz leicht zwei sich widersprechende Emotionen wie etwa Angst und Hoffnung gleichzeitig fühlen kann. Beides zusammen ist möglich. Das ist schwierig, Menschen in der Psychotherapie nahe zu bringen. Groß angelegte Studien aus Amerika haben gezeigt, dass es Menschen ab einem gewissen Alter möglich ist zu sagen: „Ich bin verzweifelt, doch zugleich freue ich mich auch.“ Das hat mit Altersweisheit zu tun. Eine Kompetenz, die man im Alter erlangt. Wer das kann hat natürlich viel weniger Stress.

Müssen wir damit warten, bis wir 80 sind? Oder können wir uns diese Kompetenzen auch schon früher aneignen?

Wir sind ja dummerweise so programmiert, dass wir das, was uns Angst macht, viel leichter behalten als das, was uns Freude macht. Deshalb kämpfe ich ja so wahnsinnig um die Freude. Denn wir können uns umprogrammieren. Indem wir freudige Situationen wahrnehmen und für einen Moment behalten. Das ist bewusstes Leben. Bewusster Leben. Bewusster diese Situationen genießen. Auf das, was Freude macht, die Aufmerksamkeit richten. Das beginnt für mich schon mit dem Tee am Morgen. Wenn ich auf Reisen bin, bin ich meist etwas enttäuscht von dem Tee, den ich bekomme. Und wenn ich dann wieder zu Hause bin, freue ich mich doppelt über meinen Tee am Morgen.
Es müssen nicht immer die großen Freuden sein, es sind die vielen kleinen Freuden, auf die wir unseren Blick richten sollten. Wenn wir uns freuen, dann sind wir im Modus des Bekommens. Wir freuen uns, weil wir etwas Schönes erlebt oder gesehen haben. Und das bewirkt, dass wir uns sofort besser fühlen. Wir wissen heute, dass Emotionen anstecken. Freundliche und heitere Menschen können andere Menschen aufheitern. Das Leben ist, wie es ist.
Es gibt Schwierigkeiten, es gibt Schicksalsschläge und es gibt den Tod. Das alles können wir nicht ändern. Aber wir können unsere Haltung zum Leben verändern. Genau deshalb habe ich in meinem Buch auch über „Posttraumatisches Wachstum“ geschrieben, was bislang vor allem die Amerikaner im Zusammenhang mit schweren Traumata gemacht haben. Ich finde aber, das Gleiche kann man auch im Hinblick auf weniger schwere Krisen tun.
Ich finde es wichtig zu wissen, dass wir in einer Welt leben, in der es schwierige Situationen gibt, dass diese schwierigen Situationen einen jedoch nicht zerstören müssen. Und mehr noch: Dass wir an ihnen sogar wachsen können.
Das Gespräch führte Christa Spannbauer

Das Interview finden Sie in unserer Ausgabe bewusster leben 5/2017

 

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