Kraftorte für die Seele

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Wir können kaum etwas gegen die rasende Beschleunigung unseres Alltags tun. Nur eines vielleicht: Hin und wieder dem Hamsterrad den Rücken kehren und uns Zeit für unsere wahren Bedürfnisse nehmen. Und die heißen: Abschalten, Innehalten, die Seele baumeln lassen. Warum das an manchen Orten besonders gut funktioniert, das erfahren Sie hier.

Mal ganz ehrlich: Wann  haben Sie das letzte Mal den Alltag so richtig hinter sich gelassen? Wie viele Monate ist das her? Und wo waren Sie da? Denken Sie doch mal für einen Augenblick zurück an diese Zeit, diese Tage oder sogar Wochen. Wie hieß der Ort?

Ein Kraftort schenkt uns neue Einsichten

Es gibt sie tatsächlich, diese Orte, an denen die Beschleunigung des Alltags keine Rolle spielt. Überall sind sie zu finden, in Wäldern, auf freier Flur, auf Berggipfeln, einer Alm, an geheimnisvollen Seen oder am sich schier bis ins Unendliche ausdehnendem Meer: Orte, an denen die Hektik der Welt vorüberzieht wie Gewitterwolken.  An solchen Plätzen können wir auch noch heute das ganze Jahr über zurück zu unserer ureigenen Kraft finden. Man muss sie nur finden.
Orte der Kraft sind höchst individuell. Ob sie uns zur Ruhe kommen lassen, das sagt uns unser Gefühl. Viele dieser Orte liegen  meist abseits der großen Städte und All-inclusive-Angebote. Manchmal haben Menschen ihre Spuren hinterlassen, Steine gesetzt oder Bilder in den Fels geritzt, um diese Orte als Orte der Kraft zu markieren und um ihren Dank auszudrücken. Manchmal aber erkennen wir sie erst, wenn uns ihre Kraft umfängt. An solchen Orten können wir förmlich spüren, dass wir hier unsere Sorgen loslassen können, um Raum für Neues in unser Leben zu lassen.
Und genau das ist auch das Wesen der Magie eines Kraftortes: Er schenkt uns eine neue Sicht auf die Dinge. Wo wir zuvor noch Probleme gesehen haben, entdecken wir auf einmal neue Möglichkeiten für uns. Und jeder, der mit wachem Geist und offenem Herzen durch die Welt geht, kann solche Kraftorte entdecken. Heilquellen, Kultstätten, Kirchen, Findlinge, Burgruinen, Jahrhunderte alte Baumriesen, geheimnisvolle Höhlen, antike Tempel: Kraftorte sind mehr als nur Energiespender – sie sind wie lebendige Wesen, mit denen wir in Beziehung treten können. Zwischen Mensch und Ort gibt es einen Austausch, der beide bereichert. Ein Kraftort ist ein Ort, an dem die Seele mit der sie umgebenden Landschaft vollkommen und absichtslos verschmilzt.
In dem Moment, in dem wir den Kraftort wahrnehmen, bekommt er die Kraft, unser Leben zu verändern. Je aufmerksamer und bewusster wir uns auf die Wahrnehmung einlassen, umso deutlicher werden wir diesen Impuls zur Veränderung auch spüren.
Das ist das eigentliche Geheimnis eines Ortes der Kraft: Er schenkt uns die Möglichkeit, für einen Augenblick über unseren Alltag und uns selbst hinauszublicken, weil wir uns mit etwas verbinden, das um ein Vielfaches größer ist als wir selbst.

Das Geheimnis des Kraftortes

Es gibt in Deutschland viele berühmte Orte der Kraft, angefangen von den Externsteinen bei Detmold über den Kyffhäuser in Thüringen oder den Untersberg in Berchtesgaden. Regelrechte Wunder sollen sich an manchen dieser Orte zugetragen haben. Aber nicht der Ort alleine produziert diese Kraft, sondern die Beziehung zwischen Mensch und Ort lässt diese Kraft entstehen. Gerade an „prominenten“ Plätzen gibt es etwas, das über die Persönlichkeit des Einzelnen hinaus-reicht. Dieses Etwas ist gespeichert in Märchen und Legenden: Sie zeigen, dass schon unzählige Menschen vor mir mit diesem Ort in Beziehung standen. Sie alle haben zur Bedeutung dieses Ortes beigetragen – und der Ort gibt diese Energie an mich zurück.
Wir suchen uns unseren Kraftort als Individuum mit all unseren Sorgen und Nöten selbst aus. Wenn wir ihn finden, dann gibt er uns die Möglichkeit, unseren Alltag in einem größeren Zusammenhang, einer anderen Dimension  zu sehen und unseren Blick zu weiten. Vielleicht finden wir dabei neue Ansätze zur Lösung unserer Probleme.
Die Mythen der Kraftorte regen uns an, mit unseren eigenen inneren Kraftquellen in Kontakt zu treten. Aus diesen inneren Quellen können wir die Kraft schöpfen, neue Wege bei der Bewältigung unseres Alltags zu gehen. Nicht jeder Kraftort ist gleich gut für jede Fragestellung geeignet. Jeder Ort hat seine spezielle Signatur.

Verschmelzen mit etwas Größerem

Es gibt Orte, die erzählen sehr häufig Geschichten von Liebe und Leidenschaft, von Treue und Verbundenheit zwischen Menschen oder zwischen Natur und Mensch. Die Kraft, die wir hier erfahren können, trägt den Charakter der Verbindung: die Grenzen zwischen mir und der Welt um mich herum werden durchlässiger und verschwinden sogar. Orte der Liebe laden uns ein, mit etwas Größerem zu verschmelzen. Wir verlassen sie oft mit einem Gefühl, dass der Trennung von einem geliebten Menschen gleicht: wir blicken zurück und mit jedem Schritt, der uns von ihnen fortbringt, wächst die Sehnsucht, wieder zurückzukehren. Die Erfahrungen, die wir an diesen Orten machen, bleiben als liebevolle Erinnerungen in unserem Herzen. Es ist, als ob wir selbst Jahre später noch in Kontakt stehen – oft genügt es, unsere Augen zu schließen, und schon fühlen wir uns an einen Ort der Liebe zurückversetzt, spüren die Eindrücke, die wir dort gesammelt haben, gegenwärtig in uns weiter-wirken.
Typische Orte der Liebe finden wir an Flüssen und besonders an Brücken und Furten, an Seen, Brunnen und Teichen, auf Waldlichtungen, in Gärten und Parks, bei Schlössern, in Höhlen und Grotten, am Meer. An solchen Orten können wir uns selbst Fragen stellen wie:  
– Wie verbunden fühle ich mich gerade mit dem Leben?
– Wonach sehne ich mich gerade?
– Was fehlt mir in meinem Leben, damit ich mich ganz und vollständig fühle?
– In welchen Lebensbereichen wünsche ich mir mehr Liebe und Miteinander?

Was brauche ich?

Orte der Ordnung haben einen fast gegenteiligen Charakter. Hier treffen wir eher Märchen, Mythen und Sagen an, in denen von großen Taten, Schicksalen und Wundern berichtet wird, vielleicht von Königen und Rittern, von Magiern und Hexen, manchmal auch von Teufeln und Dämonen. Es sind Orte, die uns daran erinnern, dass wir in eine höhere Ordnung eingebettet sind, in der auch wir eine bestimmte Rolle spielen. Orte, an denen wir weniger zum Verweilen eingeladen werden, sondern die uns beeindrucken, vielleicht sogar befremden. Sie fordern unsere Aufmerksamkeit, aber sie suchen nicht unsere Nähe.
Sie machen uns klar, dass wir Teil eines Ganzen sind und daher Verantwortung für unsere Handlungen tragen. Orte der Ordnung erkennen wir an der Macht, die sie über uns ausüben. Ihre Kraft kann in uns eine Flamme der Begeisterung entzünden – oder den Schatten der Furcht über uns legen. Wie es uns in der Begegnung mit diesen Orten ergeht, hängt ganz davon ab, ob wir einen guten Kontakt zu uns selbst haben, denn sie konfrontieren uns mit unserer Bestimmung.
Wer bereit ist, diese Bestimmung zu akzeptieren, findet dort die Kraft, aktiv zu werden und der Gestalter seines eigenen Lebens zu werden. An solchen Orten können wir uns selbst Fragen stellen:  
– Was brauche ich, um mehr Halt in meinem Leben zu bekommen?
– Was ist meine Bestimmung, mein Lebensziel?
– Wie gut kann ich mit Themen wie Macht und Autorität umgehen?
– Wie bereit bin ich, mein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen?
Typische Orte der Ordnung finden wir in Burgen und Burgruinen, in großen Kirchen und Kathedralen, an Kultstätten wie Steinkreisen, auf Berggipfeln, an historischen Stätten, Grabanlagen, an monumentalen Felsen und Bäumen.

Orte der Versenkung

Es gibt auch spezielle Orte, die uns zur Versenkung in uns selbst einladen. An ihnen fällt es uns leicht, über uns selbst und unser Leben nachzudenken. Es sind Orte voller Poesie und Inspiration: gerade künstlerisch veranlagte Menschen werden hier neue Kraft für ihre kreative Arbeit finden, ebenso Menschen, die sich ganz der geistigen Arbeit verschrieben haben. Doch nicht nur sie profitieren von der stillen Kraft der Erkenntnis: Jeder, der sich auf die Suche nach einer Lösung für seine Problem macht, ist hier willkommen. Diese Plätze helfen uns, auf das Wesentliche zu stoßen und erlauben uns einen Blick hinter die Oberfläche des Alltäglichen. Sie bringen uns in Berührung mit unserer geistigen Dimension.
Zu den typischen Orten der Erkenntnis gehören ruhige Ecken in Parkanlagen, kleine Kapellen am Wegesrand oder andere Orte des Gebets und der spirituellen Einkehr wie Tempel und Klöster, Bäume mit Bänken darunter, ein murmelnder Bach, ein Felsvorsprung mit Blick in das Tal, ein Platz auf einer Waldlichtung, ein ruhiger begrünter Innenhof, manche Plätze auf alten Friedhöfen. Hier können wir uns folgende Fragen stellen:  – Wie finde ich den Überblick über meine aktuelle Situation?
– Welche Erkenntnisse fehlen mir noch, um eine schwierige Situation, in der ich mich befinde, zu lösen?
– Was brauche ich, um in meinen gegenwärtigen Problemen Chancen für die Entwicklung meiner Persönlichkeit zu sehen?

Eigene Kraftorte entdecken

Sicher wartet auch in Ihrer Nähe ein Kraftort auf seine Entdeckung. Gibt es eine kleine Kapelle am Wegesrand? Einen versteckten Weiher? Einen alten Baum in der Mitte Ihres Dorfes? Eine verwunschene Höhle im Wald? Machen Sie sich vertraut mit dem Ort, schließen Sie Bekanntschaft. Je mehr Sie über ihn wissen, umso bereitwilliger wird er sich ihnen offenbaren. Lesen Sie seine Geschichte und entdecken Sie seine Sagen und Legenden.
Suchen Sie diesen Ort immer wieder auf. Öffnen Sie einfach Ihre Sinne, und während Ihr äußeres Auge sich an der Landschaft erfreut, gehen Sie auf Entdeckungsreise in Ihre innere Landschaft und finden so zu neuen Erkenntnissen.

Den Artikel und viele Auszeit-Tipps finden Sie in unserer bewusster leben Ausgabe 2/2017

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