schnell.liebig

Was bedeutet es, nicht nur verliebt zu sein, sondern auch eine Beziehung zu führen? Wie macht man nach jahrelanger Unabhängigkeit mit seinem Single-Ich Schluss, ohne sich selbst in einem WIR zu verlieren? Und was wissen wir eigentlich darüber, wie sich eine gute Beziehung anfühlen soll? Lina Mallon über die Liebe in Zeiten von Tinder, über zu viele Möglichkeiten in der Liebe und darüber, warum eine ganze Generation Angst davor hat, nicht zu genügen.

Lina Mallon hat sich dank Dating-Apps mit rasanter Geschwindigkeit sieben Jahre lang ver- und entliebt, um schlussendlich zu erkennen: Singles in den Zwanzigern sind nicht beziehungsunfähig, nicht zu arrogant oder zu ängstlich für die Liebe, sondern einfach zu schnell unterwegs. Zu viele Optionen und Nachrichten sorgen dafür, dass man sich kaum noch auf nur eine Person konzentrieren kann.

In ihrem Buch „schnell.liebig“ räumt Lina Mallon mit Datingmythen auf, erzählt, wie sich die Suche nach der großen Liebe wirklich anfühlt, teilt Anekdoten von miesen oder guten Dates und schmerzhaften Trennungen. Und sie stellt wieder fest: Wir sind verdammt ungeduldig geworden und geben einfach viel zu schnell auf, wenn uns eine Kleinigkeit am anderen nicht passt. Wir sprechen mit Lina Mallon über die Liebe in Zeiten von Dating-Apps:

Lina, wie hat Tinder unser Datingverhalten beeinflusst?
Tinder hat uns schnell-liebiger gemacht. Wir können einander viel leichter ersetzen. Wir lernen so schnell neue Menschen kennen, dass sie sich teilweise sogar gleichen, weil wir manchmal mit so viel Tempo und so viel Wunsch nach Ablenkung unterwegs sind, dass wir nicht mehr genau genug hingucken. Das ist jetzt die eher negative Seite. Aber auf der anderen Seite hat Tinder auch dazu geführt, dass wir uns nach einer Weile wieder viel direkter und ehrlicher fragen: Was will ich eigentlich? Ich glaube, dass Tinder ironischerweise dazu führt, dass wir wieder offener diskutieren, welche Form von Liebe wir wollen – und welche überhaupt nicht zu uns passt.

Was meinst du, macht deine Generation so schnell.liebig?
Wir leben in einer Zeit voller Impulse von außen, werden ständig stimuliert. Es fällt uns schon schwer, uns ohne Unterbrechung auf einen Podcast oder einen längeren Artikel zu konzentrieren. Sich für Monate nur auf einen Menschen zu fokussieren, ihn wirklich kennenzulernen, fühlt sich für viele von uns wie eine riesige Herausforderung an.

»Die vermeintliche Ziellosigkeit, mit der wir alle in Flirts oder Dates gehen, ist nicht der absolute Freiraum, in dem die Magie passiert, sondern der Grund dafür, warum wir in Unsummen von ungeklärten Beziehungen festhängen – manchmal auch noch Monate, nachdem sie endeten.«

Warum sind viele leicht geknüpfte Beziehungen oft schon vorbei, bevor sie überhaupt angefangen haben?
Eine Antwort auf diese Frage habe ich leider nicht. Ich habe aber zumindest eine Theorie: Wir suchen und sehnen uns nach Liebe und Nähe. Wenn wir sie mit jemandem teilen können, greifen wir zu. Das Problem ist also nicht die Angst vor Nähe, sondern dass das Gefühl, unendliche Möglichkeiten zu haben, auch den Druck aufbaut, uns unbedingt für die bestmögliche, schönste, perfekte Liebe entscheiden zu müssen. Nur wie erkennt man sie? Wir haben Angst vor falschen Entscheidungen – und vielleicht treffen wir darum lieber keine endgültige, als eine vermeintlich Falsche.

Du kritisierst, dass wir zwar alles, was uns glücklich macht, vom Anderen nehmen, aber nicht mehr bereit dazu sind, auch Verantwortung für den Anderen zu übernehmen. Woran meinst du, liegt das?
Viele Menschen lehnen die Liebe, die ihnen gegeben wird, deshalb ab, weil sie Angst davor haben, dass sie nicht genug zurückgeben können. Ich glaube, dass hinter den schnellen Abbrüchen von Beziehungen nicht immer nur Egomanie oder der Wunsch nach mehr stecken, sondern auch viel Unsicherheit. Wir haben Angst, dass wir der Liebe, die wir haben könnten, nicht gerecht werden und dass wir scheitern. Und statt vielleicht zu scheitern, lassen wir es lieber ganz sein.

Lina Mallon ist freiberufliche Kolumnistin und Fotografin und lebt zwischen Hamburg und Kapstadt. 2010 gründete sie den Blog www.linamallon.de, dessen Herzstück die Kolumne »Twentysomething« ist. Dort berichtet sie seit über fünf Jahren frei, ehrlich und ungeschönt von ihrem Single-leben, von Dates, Rotweinmomenten und gemachten Fehlern. Seit 2017 produziert sie den gleichnamigen Podcast #TWENTYSOMETHING, der es unter die Top 10 der deutschsprachigen Themen schaffte.

Zum Weiterlesen:
Lina Mallon,
zweit.nah
Eden Books
14,95 Euo

Den ganzen Beitrag finden Sie in unserer Ausgabe bewusster leben 5/2021
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