Wie ich die Liebe zu mir fand

Die Bestsellerautorin Jana Crämer haderte lange Zeit mit sich. Was zählt, so sagt sie heute voller Selbstbewusstsein, ist, dass du dich selbst liebst. Sie nimmt uns mit auf ihren ganz persönlichen Weg zu mehr Selbstliebe.

Ich weiß nicht, wie es dir geht, aber kannst du ein „Sei nicht so hart zu dir selbst!“ von deinen Liebsten annehmen? Nein, ich meine jetzt nicht das „Zum-einen-Ohr-rein-zum-anderen-Ohr-wieder-raus-Nicken“, gepaart mit einem „Alles-ist-bestens-Lächeln“, das die meisten von uns wohl mit den Jahren perfektioniert haben. Aber darum geht es mir nicht. Ich meine dieses tiefe, ehrliche Gefühl von Durchatmen und den Ärger loslassen. Also ich kann für mich sagen, dass ich es länger als mein halbes Leben lang nicht konnte. Ganz im Gegenteil: Die längste Zeit meines Lebens habe ich mich so sehr gehasst und meinen Körper verabscheut, dass jedes liebe Wort von außen eine unbeschreibliche Wut in mir ausgelöst hat. Warum Wut? Weil ich glaubte, diese freundlichen Worte, diese Fürsorge, dieses Verständnis fürs Scheitern nicht verdient zu haben. Zuneigung und Freundlichkeit stand mir maximal im Tausch gegen irgendeine von mir erbrachte Leistung oder einen Gefallen zu. Und mir selbst mit Freundlichkeit begegnen? Womit sollte ausgerechnet ich, ich, die ständig mit allem und am meisten von sich selbst überfordert war, völlig ohne Gegenleistung etwas Gutes verdient haben?

Ich wusste nicht, was Selbstliebe sein soll

Ein warmes Bad mit Teelichtern, ein gemütliches Stündchen auf der Couch und dazu einen leckeren Tee? Auf gar keinen Fall! Jahrzehntelang habe ich mir selbst keine bedingungslose Me-Time zugestanden, in der es einfach nur um mich und Wohlbefinden ging. Selbstliebe, Selbstwert und Selbstfürsorge waren in dieser Zeit absolute Fremdworte für mich. Ziemlich traurige Bilanz, wenn man bedenkt, dass ich auch schon Anfang 40 bin. Völlig egal, ob es um die verpasste Chance auf der Arbeit ging, die längst über Bord geworfenen Vorsätze, die ich mir nur allzu gerne immer wieder zum Jahresanfang gesetzt und dann jeden Montag lauwarm aufgebrüht hatte, oder die Wut auf mich selbst, weil ich den Anforderungen des Alltags nicht gewachsen war. Ich wollte es doch so unbedingt schaffen, noch viel mehr als die vergangenen 73 Male, wo ich bereits weit über meine Grenzen hinausgegangen bin. Um abzuliefern, um dazu zu gehören, ja, um es allen anderen und auch mir selbst zu beweisen. Alles oder nichts. Es schaffen oder versagen.

„Selbstliebe musste ich mühsam lernen“

Jana Crämer

Selbstzweifel war mein ständiger Begleiter

Wenn ich heute davon erzähle, wie ich mich noch bis vor wenigen Jahren ständig verglichen habe, keiner Bewertung standhalten konnte und egal wobei, nie gut genug zu sein schien, schaue ich jedes Mal auf zustimmendes Nicken und in erschöpfte Augen. So unglaublich viele in unserer immer schneller werdenden Gesellschaft kämpfen diesen von quälenden Selbstzweifeln angezettelten Kampf, in dem es nur Verlierer gibt. Dieses Gefühl, sich ständig optimieren und dabei permanent beweisen zu müssen, tritt jedes Selbstwertgefühl mit Füßen. Und was wollen wir uns eigentlich beweisen? Meist, dass wir es doch wert sind, geliebt zu werden. Leider oftmals genau von den Menschen, die uns nicht gerade gut behandeln. Für die verbiegen wir uns und ignorieren unsere Gefühle, verschieben unsere Grenzen zu unseren Ungunsten und gehen jeden Extrameter. Allzu gern auch ein paar Meter mehr, denn schließlich verbrennt jeder Gang Kalorien. Klingt doch irgendwie verrückt, oder? Ja, finde ich heute auch. Zum Glück!

Meine Reise zu mir selbst

Dieses inzwischen völlig selbstverständliche Bedürfnis, mir selbst mit Liebe zu begegnen, stellte sich natürlich nicht von heute auf morgen ein. Ich musste es mühsam lernen. Im Nachhinein betrachtet war es ein unglaublich spannender und sehr lehrreicher Weg, den ich vermutlich niemals gegangen wäre, wenn ich nicht die ersten holprigen Meter geschubst worden wäre. Yepp! … ziemlich unsanft sogar, denn dass ich meinen vorhin bereits erwähnten Alles-ist-Bestens-Gesichtsausdruck perfektioniert hatte, wurde mir knallhart vor Augen geführt, als mich ein Verlag darum bat, ein Buch zum Thema „Selbstliebe“ zu schreiben. Und statt erstmal Bedenkzeit zu fordern und dann höflich abzulehnen, habe ich einfach nur bis über beide Ohren strahlend geantwortet: „Ja, ich will!“

Zum Weiterlesen: Jana Crämer, Unvergleichlich Du!, Oetinger Verlag, 14 Euro

Den ganzen Artikel finden Sie in unserer bewusster leben Ausgabe 2/2024

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