Sieben Irrtümer über ein langes Leben

Amerikanische Wissenschaftler haben die wahren Gründe für ein langes und glückliches Leben entdeckt. Das Überraschende daran: Ihre Erkenntnisse widersprechen den sonst üblichen Ratschlägen.

arum eigentlich erreichen manche Menschen in allerbester Gesundheit ein hohes Alter, während andere krank werden und früh sterben? So lautet die wohl spannendste Frage, die sich die Menschheit schon seit Jahrhunderten stellt. In jüngster Zeit hat sich der amerikanische Wissenschaftler Howard Friedman gemeinsam mit seiner Mitarbeiterin Leslie Martin dieser Frage gewidmet.
Was ist die Ursache dafür, dass Menschen mit ähnlichem Hintergrund sich hinsichtlich ihrer Gesundheit und Lebensdauer unterscheiden? Um eine Antwort auf diese Frage zu finden, haben Howard Friedman und Leslie Martin das weltweit umfangreichste Datenmaterial über die Persönlichkeitsmerkmale, Lebensstil und Lebensdauer von etwa 1500 Menschen, die alle um 1910 geboren sind, ausgewertet. Über einen Zeitraum von mehr als achtzig Jahren wurde darin das Leben dieser Männer und Frauen genau unter die Lupe genommen.
Die Erkenntnisse der beiden Wissenschaftler widersprechen in mancherlei Hinsicht dem, was wir bislang glaubten. Manches Patentrezept für ein langes Leben entpuppte sich sogar als Irrtum. Doch um welche Irrtümer handelt es sich dabei?

1. Irrtum: Verheiratete leben länger

Es ist nicht gut, wenn der Mensch alleine lebt. So lautet in Abwandlung eines Bibelzitats die allgemeine Ansicht. Wer verheiratet ist, hat jemand, der sich mit um die eigene Gesundheit kümmert. Deshalb, so heißt es, leben verheiratete Menschen länger als alleinstehende. Doch das stimmt nicht immer. Verheiratete Menschen, so haben Friedman und Martin herausgefunden, leben nämlich nur dann länger, wenn sie sich von ihren Charaktereigenschaften her für eine langfristige partnerschaftliche Beziehung eignen und diese selbst auch als glücklich erleben. Für unglücklich Verheiratete gilt das Gegenteil. Die Menschen, die in einer unglücklichen Ehe lebten, hatten sogar häufiger Krankheitssymptome und schlechte Gesundheitswerte. Die Ansicht, Ehen seien für ein langes Leben notwendig, ist also eine grobe Vereinfachung. Es hängt eben vor allem von der Qualität der Ehe ab.

2. Irrtum: Arbeit macht krank

Gemeinhin werden harte Arbeit und übermäßiger beruflicher Stress als Risiken für die Gesundheit betrachtet. Wer sich in dieser Hinsicht mehr schone, der habe auch die Energie für ein längeres Leben. Die Studie der beiden Amerikaner hat diese Ansicht aber nicht bestätigt. Sie hat dagegen gezeigt, dass diejenigen, „die in der Kindheit sorglos, unzuverlässig und ohne Ehrgeiz gewesen waren und später im Beruf wenig bis nichts zustande brachten, ein gewaltiges Ansteigen ihres Sterberisikos“ in Kauf nahmen. Anders ausgedrückt: Diejenigen, die den größten Berufserfolg hatten, lebten im Schnitt fünf Jahre länger als die Erfolglosen.

3. Irrtum: Optimisten leben länger

Wer positiv denkt, der tut viel für seine Gesundheit. Das meinen wir doch. Doch ist diese Denk- und Lebensweise wirklich ein Grund für ein langes Leben? Friedman und Martin konnten die Richtigkeit dieser These nicht bestätigen. Natürlich konnten die Optimisten im Falle einer Erkrankung dadurch, dass sie eine positive Haltung und Lebenssicht einnahmen, viel für ihre Gesundheit tun. Doch letztlich stießen die Forscher auf eine der größten Überraschungen ihres Forschungsprojekts: Fröhliche und optimistische Menschen hatten eine geringere Wahrscheinlichkeit, alt zu werden, als deren ruhigere und ernstere Pendants. Der Grund: Menschen mit einem hohen Fröhlichkeitswert tranken häufig mehr Alkohol und rauchten viele Zigaretten. Und meist waren sie in Bezug auf ihre Gesundheit zu sorglos. Erfüllung und Erfolg im Beruf waren bei den untersuchten Personen ein Garant für ein langes Leben.

4. Irrtum: Glückliche leben länger

Menschen über sechzig bezeichnen sich häufiger als glücklich als solche zwischen dreißig und vierzig. Daraus eilig zu folgern, dass glückliche Menschen länger leben als unglückliche, ist aber ein Trugschluss.  Friedman und Martin haben dazu festgestellt, dass vor allem diejenigen ein langes Leben hatten, die mit ihrem Leben zwar zufrieden waren, aber dem Glück nicht unbedingt hinterherjagten. Im hohen Alter bezeichneten sie sich als glücklich, weil sie gesund waren und deshalb noch rege am sozialen Leben teilnehmen konnten. Ihr Glück war eher ein Nebenprodukt auf ihrem Weg zu einem langen Leben und nicht die Ursache dafür. Friedman und Martin stellen fest: „So liegt die Ursache, dass gesunde Menschen glücklich sind, aber glückliche Menschen nicht unbedingt gesund, darin, dass ein bestimmter Lebensstil uns auf den Weg zu einem langen Leben führt, der uns seinerseits glücklich und erfüllt sein lässt.“

5. Irrtum: Sorge dich nicht

Es gibt Menschen, die werden ihr ganzes Leben lang von Sorgen geplagt. Als Folge davon gelten schlaflose Nächte und eine übergroße Ängstlichkeit dem Leben gegenüber. All zu viele Sorgen, so heißt es, sollen sogar mitunter die eine oder andere Krankheit hervorrufen. Doch die Studie von Friedman und Martin kann das nicht bestätigen und wartet mit einem unerwarteten Ergebnis auf: Wer sich häufig Problemgedanken und Sorgen machte, der nahm diese eben auch zum Anlass, um sich um seine Gesundheit zu kümmern. Und das wirkte sich äußerst günstig auf die Lebensdauer aus. Vor allem bei Menschen, die keine Partner oder nahen Familienangehörigen hatten, welche ihnen auf den richtigen Pfad helfen konnten und mit auf die Gesundheit des anderen achteten, und vor allem bei Männern konnte sich eine Tendenz zum moderaten Besorgtsein positiv auf die Lebensdauer auswirken. Wer sich um seine Gesundheit sorgt, lebt eben länger.

6. Irrtum: Religion hilft

Die Studie von Friedman und Martin hat auch bestätigt: Religiöse Menschen lebten häufig länger. Sie stellten aber dabei die Frage: Liegt die Ursache dafür wirklich in der Tatsache, dass Menschen an Gott glauben? Ist es wirklich das, was sie länger leben lässt? Nein, sagen Friedman und  Martin. Wichtiger für die Tatsache, dass diese Menschen eine hohe Lebenserwartung hatten, war der Umstand, dass sie in besonderer Weise auf ihr soziales Netzwerk und ein mitmenschliches Engagement in der Gemeinde achteten. Sämtliche untersuchten Personen mit einem religiösen Bezug hatten auch überdurchschnittlich viele enge Freunde und soziale Bindungen, auf die sie sich verlassen konnten. Und genau diese  Voraussetzungen sind es, die ein langes Leben garantieren.

7. Irrtum: Die Guten sterben früh

Vor über dreihundet Jahren schrieb Daniel Defoe, Autor des berühmten Romans „Robinson Crusoe“: „Die besten Menschen entgehen ihrem Schicksal nicht, die Guten sterben früh, die Schlechten spät.“ Für die Richtigkeit des Zitats haben Friedman und Martin keinerlei Indizien gefunden. Dagegen stellten sie fest, dass Menschen, die sie als besonders umgänglich, umsichtig und hilfsbereit klassifiziert hatten, zu den besonders Langlebigen gehörten. Ihre Forschungsergebnisse zeigten, dass es im Allgemeinen die Guten waren, die ihr Schicksal selbst bestimmten, und einerseits auf andere und andererseits auch auf sich selbst und somit auf ihre Gesundheit mehr und gewissenhafter achteten. Und genau diese Eigenschaften sind die Voraussetzung für den Lebensstil eines Menschen, dem ein langes Leben prognostiziert werden kann. Der Wahrheit näherkommt deshalb der Satz: „Die Schlechten sterben früh, und den  Guten geht es prima.“                           ¦
Winfried Hille

Den Artikel finden Sie im bewusster leben SONDERHEFT GESUNDHEIT 2/2017

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