Die Slow-Revolution – Die Lust am langsamen Leben

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So wie einst die Bio-Bewegung als Sehnsucht nach natürlichen Lebensmitteln und Ablehnung von Giften in unserer Nahrung ihren Anfang nahm, so steht die Slow-Bewegung, also die Sehnsucht nach dem echten Leben und einer Abkehr von der digitalen Dauerberieselung, heute erst am Anfang.

Wir leben in der Illusion, dass wir alles schaffen können, wenn wir es nur schneller machen. Erst wenn wir unsere To-Do- Listen erledigt haben, glauben wir, werden wir glücklich sein. Das Glück gibt es immer erst morgen, nie im Jetzt. Doch die Gleichung geht nicht auf, denn für unser „Immer-mehr“ und „Immer-schneller“ gibt es keine Ziellinie. Und so erschöpft sich der Mensch allmählich in der Beschleunigungsspirale und das Glück, das er erreichen und genießen will, rückt in immer weitere Ferne. Obwohl die technische Beschleunigung eigentlich dazu hätte führen müssen, dass uns mehr Zeit zur Verfügung steht, weil wir für vieles heute einfach weniger Zeit benötigen, genießen wir keinesfalls das Mehr an Freizeit, das wir dadurch gewonnen haben, sondern leiden an dessen Gegenteil: unter Zeitknappheit. Wie kommt das?

Langsamkeit als Akt der Verweigerung

Ein Grund dafür liegt im Anspruch, möglichst viele Optionen zu realisieren aus jener unendlichen Palette der Möglichkeiten, die uns die Welt heute eröff net. Seit dem Siegeszug der digitalen Medien, nehmen diese Optionen ständig zu. Nichts scheint mehr unmöglich. Das Leben auszukosten, ist zum zentralen Streben des modernen Menschen geworden – ein riesiger Erfahrungshunger ist entstanden, der allerdings nie gestillt werden kann: „Ganz egal, wie schnell wir werden, das Verhältnis der gemachten Erfahrungen zu denjenigen, die wir verpasst haben, wird nicht größer, sondern konstant kleiner“, sagt der Zeitforscher Hartmut Rosa. Es zeigt sich, dass die Beschleunigung einen „Schatten“ hat: den „rasenden Stillstand“. Obwohl nichts bleibt, wie es ist, ändert sich doch nichts Wesentliches mehr. „Hinter aller Buntheit verbirgt sich nur die Wiederkehr des Immergleichen …, die sich zu einer komplementären Kehrseite der Beschleunigungsdynamik verdichten und in der Metapher des rasenden Stillstands ihren entsprechenden Ausdruck findet“, so Rosa. Und mit diesem Stillstand ist nicht nur jener in der äußeren Welt, sondern auch ein Stillstand in unserer inneren Welt, unserer Seele gemeint. Vor lauter Aktionismus kommt uns der Sinn für Persönlichkeitsentwicklung und unsere psychischen Bedürfnisse immer mehr abhanden. Und so bleibt für unsere seelischen Bedürfnisse, unsere Träume, Fantasien und Visionen immer weniger Zeit. Es ist also höchste Zeit, dass wir unser Leben wieder auf Ziele hin ausrichten, die lohnenswert sind. Widerständigkeit ist zu einer allzu oft vergessenen, wenn nicht gar verhöhnten Tugend geworden. Doch genau um diese Tugend geht es, wenn wir bewusster leben wollen. Es geht darum, die Bedürfnisse unserer Seele wieder zu ihrem Recht kommen zu lassen und sie im Alltag besser zu beachten. Das Zauberwort heißt „Langsamkeit“. Wir müssen lernen, langsamer leben, wenn wir uns innerlich lebendig halten wollen. Wir müssen dazu gegen eine Denk- und Handlungsweise aufb egehren, deren Prämissen allein in der Verwertung der Zeit nach ökonomischen Gesichtspunkten liegen – uns bewusst gegen sie aufl ehnen. Das Motto der neuen Slow-Bewegung lautet denn auch: Raus aus der alles beherrschenden Zeitmaschine! Doch geht das überhaupt in einer Welt, in der wir jederzeit praktisch auf alles Zugriff haben und die Digitalisierung nahezu alle Lebensbereiche und schließlich auch uns fest im Griff hat?

Zurück in die Gegenwart

Seit wir das Smartphone immerzu in der Tasche haben, verändern sich unsere Alltagsgewohnheiten radikal. Wer einmal in einem ICE gefahren ist, der weiß, wie diese Veränderung aussieht: Die Menschen sind unentwegt mit ihrem Smartphone oder Tablet beschäftigt. Vorbei die Zeiten, als sie sich noch auf den Mitreisenden eingelassen, einfach nur so der vorbeirauschenden Landschaft nachgesehen oder gar ein Buch gelesen haben. Immer in Habacht-Stellung reagieren sie auf jedes Piepsen aus der Hosentasche, das die neueste WhatsApp-Nachricht, E-Mail oder einen neuen Facebook- oder Twitter-Post signalisiert. „Wir sind heute durch die modernen Kommunikationsmedien in der Lage, in Echtzeit global zu kommunizieren“, sagt der Philosoph Rüdiger Safranski. „Wir erleben an jedem Jetzt-Punkt das Eindringen von so ungeheuer vielem Gleichzeitigem, was jetzt geschieht.“ Wir müssen also erst noch lernen, mit dem Andrang von so viel Gleichzeitigem fertig zu werden. Wenn wir erst einmal erkannt haben, wieviel richtiges Leben uns abhanden kommt, weil wir uns nie mehr nur noch an einem Ort befi nden, dann sollten wir jeden Tag bewusst digitale Fastenzeiten einlegen. Und wer es schaff t, in einer freien Minute eben nicht zum Smartphone zu greifen, der kann eine ganz neue Form des Glücks entdecken. Und dieses Glück entsteht schon allein aus dem Gefühl heraus, dem Gerät gegenüber autonom zu sein und sich immer mal wieder für den bewussten Blick auf die reale Umgebung entscheiden zu können.

Genau darum geht es beim langsamen Leben: dass wir uns ganz neu dem Abenteuer, den Geheimnissen der analogen Welt zuwenden, mit all unseren Sinnen und ohne Ablenkung, dass wir uns Zeit nehmen für Dinge, die für uns wertvoll und wichtig sind und sie mit Aufmerksamkeit und Bedächtigkeit tun. Und: dass wir uns dafür entscheiden, unsere Zeit souverän zu nutzen und sie nicht von anderen benutzen zu lassen. So wie einst die Bio-Bewegung ihren Anfang nahm, also die Sehnsucht nach natürlichen Lebensmitteln und die Ablehnung von Giften in unserer Nahrung, so steht die Slow- Bewegung, also die Sehnsucht nach dem echten Leben und der Abkehr von der digitalen Dauerablenkung, heute erst am Anfang. Auch die Bio-Bewegung hat ihre Zeit gebraucht, bis sie Fahrt aufnahm. Erst als die Menschen nach und nach verstanden, dass eine Bio-Tomate einfach besser schmeckt als eine Industrie-Tomate, wurde Bio zum Mainstream. Und so wird es auch mit der Slow-Bewegung sein. Wenn die Menschen verstehen, dass ein Nachmittag im wirklichen Leben mit echten Freunden und ohne jede digitale Ablenkung glücklicher macht als ein Nachmittag im weltweiten Netz und permanenter Kommunikation aus der Einsamkeit heraus, wird die Langsamkeit zu einem neuen Lebensgefühl.

„Den Puls des eigenen Herzens fühlen,
Ruhe im Inneren, Ruhe im Äußeren.
Wieder Atem holen lernen. Das ist es!“
(Christian Morgenstern)

Das Glück eines langsamen Lebens

Wir leben in einer seltsamen Zeit: Vor hundert Jahren hätte man uns vermutlich heute als nervenmüde Zeitgenossen eingestuft, gefangen in einem wahnhaften Aktionismus, der uns ständig vorwärtspeitscht – und uns doch nie bei uns selbst ankommen lässt. Und vielleicht werden wir in einigen Jahren für unsere heutige Zeit, in der wir uns weitgehend aus der realen Welt abgemeldet haben und in der Cyberwelt verschwunden sind, nur noch ein Lächeln übrighaben. Wo waren wir in all den Jahren? Überall und nirgends? Der wahre Luxus misst sich aber schon heute daran, wieviel analoge Zeiten und Räume wir uns leisten können. Das Glück des langsamen Lebens besteht im Genuss des jeweiligen Augenblicks und dem provokanten Nichterfüllen der herrschenden Vorstellungen von einem effizienten Leben. Es geht um die Entdeckung des Nahen und Naheliegenden, das wir übersehen, wenn wir nicht langsam und bedächtig werden. Es geht darum, das gute Leben zurückzugewinnen. Und das meint: Wir müssen wieder off ener werden für die alltäglichen Chancen, die das Leben uns in seiner ganzen Fülle bietet: für unsere Freunde, uns selbst und die Natur, die uns umgibt. Wenn ich freitags gefragt werde „Was machst du am Wochenende?“ und ich antworte „Ich mache nichts“, so ist mir das Mitleid meines Gegenübers gewiss. Nichtstun gilt nicht als sinnvolle Beschäftigung, sondern als sinnlose Zeitverschwendung. Doch vielleicht geht es genau darum: seine Zeit zu verschwenden.

Verschwende deine Zeit!

Der Begriff der Zeitverschwendung hat ein ebenso schlechtes Image wie der der Langsamkeit. Nach landläufi ger Auffassung besagt er, dass ein zur Verfügung stehender Zeitraum nicht ertragreich genutzt, nicht „sinnvoll“ verwertet wird. Doch die neue Lust an der Langsamkeit gründet gerade darauf, dass wir nicht nach dem ökonomischen Nutzen einer beanspruchten Zeitspanne fragen, sondern allein nach dem Nutzen, den dieser Zeitraum für uns selbst hat. Und den können wir nur so formulieren: dass wir in der verbrachten Zeit uns selbst wahrnehmen und alles, was in uns und um uns herum geschieht. Darin liegt der tiefere Sinn eines langsamen Lebens. Provokant lässt sich also formulieren: Je mehr Zeit wir verschwenden, umso langsamer wird unser Leben. Der positive Effekt der Zeitverschwendung tritt dann ein, wenn wir sie für uns bewusst bejahen und uns damit weigern, die uns zur Verfügung stehende Zeit zum Gegenstand des Konsums und der Selbstoptimierung zu machen. Wenn wir im herkömmlichen Sinne also gänzlich unvernünftig mit unserer Zeit umgehen, vollkommen „nutzlose“ Dinge tun, und uns so gegen die gängige Verwertung von Zeit wehren. Das kann ein Akt der Befreiung sein. Jede Zeitverschwendung intendiert eine Absichtslosigkeit unseres Tuns. Indem wir unsere Zeit verschwenden, wenden wir uns ganz bewusst der Unproduktivität zu und können so eine neue Sorglosigkeit und Souveränität gegenüber dem herrschenden Zeitdiktat empfinden. Allein darin zeigt sich der widerständige Akt, den ein langsames Leben hat.

Zeit ist der neue Luxus

Darüber hinaus eröff nen wir uns in einem souveränen Umgang mit der uns zur Verfügung stehenden Zeit einen Raum, in dem wir eine Erfahrung von Luxus machen können. Denn „Luxus ist Trotz“, sagt der Philosophieprofessor Lambert Wiesing. „Wenn nahezu überall das Zeitregime herrscht, wenn Funktionalismen alles beherrschen, dann wird eine Verweigerung durch irrationalen Aufwand attraktiv.“ Der Luxus, den ich mir in dem Erlebnis einer bewussten Zeitverschwendung gönne, besteht eben nicht in etwas Materiellem, sondern in meiner inneren Haltung und Gewissheit, nämlich der, dass ich meine Zeit unnütz verschwende, mich dem Zeitgeist also trotzig widersetze, dabei mich und mein Leben wieder neu erfahre und mir meiner selbst bewusst werde als derjenige, der sich den Luxus der Zeitverschwendung „leistet“.

“Den Puls des eigenen Herzens fühlen, Ruhe im Inneren, Ruhe im Äußeren. Wieder Atem holen lernen. Das ist es!”
(Christian Morgenstern)

Der Sinn der Zeitverschwendung liegt im Bruch eines Tabus. Und dieses Tabu lautet: „Du sollst deine Zeit nicht unnütz verbringen!“ Und als nützlich zählt nur das, was Ertrag abwirft. In der Zeitverschwendung tun wir genau das Gegenteil. So gilt sie zwar als unvernünftig, doch ich tue dann eben aus vernünftigen Gründen ganz bewusst Unvernünftiges. Ich frage dann nicht nach dem ökonomischen Ertrag meines Tuns, sondern tue vermehrt Dinge, die im ökonomischen Sinne keinen Nutzen bringen, für mich selbst aber wohl von Bedeutung sein können. Wer beispielsweise einfach nur nichts tut, nur in die Gegend schaut, faulenzt, dabei seinen Tagträumen nachhängt oder schläft, der bricht das Gesetz, wonach die verbrachte Zeit einen möglichst großen ökonomischen Nutzen haben sollte. Langsamer leben kann also heißen: Öfter mal nichts tun, dasitzen, Löcher in den Himmel schauen, nichts denken, versinken im eigenen Dasein, Nein sagen zu den Begehrlichkeiten, die permanent auf mich einprasseln.

Bummeln und Trödeln

Wer sich gegen die rasende Beschleunigung unserer Zeit entscheidet, wechselt von der Überholspur auf die Standspur des Lebens. Die Gegenwart und der augenblicklichen Moment ist dann das, was zählt. Das ist nicht immer einfach: Meist schlägt uns der Kopf dabei ein Schnippchen und wir entfernen uns in Gedanken aus dem Moment heraus und denken an all die vielen anderen Dinge, die wir noch unbedingt erledigen sollten.

Wir sind es im Alltag gewohnt, die Dinge, die getan werden müssen, möglichst schnell und eff ektiv zu tun. Wer sich für die Dinge, die man in kurzer Zeit erledigen kann, dagegen viel mehr Zeit nimmt, mehr als allgemein üblich, der ist wie das berühmte Sandkorn im Getriebe. Das Bummeln, also die bewusste Verlangsamung des Gehens, und das Trödeln, als Verlangsamung des Handelns verstanden, können so zu Formen des Widerstandes gegen eine sich immer mehr beschleunigende Zeit werden.

Beim Bummeln und Trödeln verschleppen wir die Zeit gewissermaßen und machen uns und anderen deutlich, dass unser Zeitmaß ein ganz anderes, ein ganz eigenes ist. Wir ticken dann auf einmal langsamer als die Welt um uns herum. Dazu kann es schon reichen, wenn wir an der Kasse des Supermarktes unsere auf dem Band herangleitenden Konsumgüter einmal ganz lustvoll, langsam und behäbig in die Einkaufstüte packen.

Schwänzen und unterlassen

Es gibt auch noch eine andere Form, die sich der Ökonomisierung der Zeit entgegenstellt. Sie besteht darin, uns bestimmten Verpfl ichtungen, die wir einmal eingegangen sind, einfach zu verweigern. Dabei muss es sich nicht gleich darum handeln, einen Tag „blau“ zu machen. Gemeint sind vor allem die sozialen und selbstauferlegten Verpfl ichtungen, bei denen wir uns hin und wieder fragen sollten, ob wir sie nicht auch einmal schwänzen könnten.

Dies soll kein Aufruf zu etwas Verbotenem sein, sondern den Sinn haben, dass wir auf diese Weise ganz plötzlich und ohne großen Aufwand eine bisher nicht geplante Zeitspanne für uns zur Verfügung haben. Die einzige Bedingung für diese kleine Unverschämtheit: Die dadurch frei werdende Zeit sollten wir nicht für die Erledigung anderer drängender Aufgaben verwenden, sondern – und darauf kommt es an – wir sollten sie mit gutem Gewissen ungenutzt lassen und zur bloßen Zeitverschwendung verwenden. Sinngemäß sollten Sie sich sagen: „Ich habe gerade Zeit, nutzen möchte ich sie aber lieber nicht.“ Wenn Sie sich so verhalten, dann – ich gebe es gerne zu – könnte sich Ihr Gewissen regen und Ihnen einfl üstern: „So etwas tut man doch nicht!“ Doch machen Sie sich dann einfach klar, dass Sie frei und Sie die Person sind, die über Ihre Zeit herrscht. Niemand anders.

Aktive Ziellosigkeit

Was man heute als Zeitverschwendung bezeichnet, das galt in der Antike als Ideal. „Die Muße ist die Schwester der Freiheit“, fand Aristoteles und sein Philosophen-Kollege Sokrates war sich sicher, dass Arbeit und Tugend einander ausschlössen. Und heute? „Ich kenne niemanden in meinem berufl ichen Umfeld, der nicht sonntags anfängt zu lesen, sich vorzubereiten. Früher dauerte ein Wochenende von Freitagmittag bis Sonntagabend, heute höchstens von Freitagabend bis Sonntagmittag. Das ist eine paradoxe Entwicklung seit den Nullerjahren, denn von der Verdichtung und dem Tempo unseres Arbeitslebens her gab es keine Zeit, in der wir den Sonntag dringender gebraucht hätten als jetzt. Aber wir haben ihn abgeschaff t“, stellt die Kommunikationswissenschaftlerin Miriam Meckel fest.

Gerade deshalb ist es so wichtig, dass wir den Müßiggang wieder neu als eine besondere Art des Abschaltens und der Zeitverschleppung entdecken. Nur „in der Muße verfügt man über die eigene Zeit“, wie Verena Kast schreibt. Ein leidenschaftlicher Müßiggänger fragt nicht nach Wirkung und Zweck seines Tuns, nach kalkuliertem Nutzen, vielmehr zielt er gerade auf das ab, was ihm verschwendet erscheint, er sieht das Müßige als das Schätzenswerte an. Gerade darin liegt die einzigartige Qualität seines „Tuns“. Müßiggang ist schöpferische Nichtarbeit, produktives Träumen, ist ein vollständiger Verlust des Zeit-Bewusstseins, eine Erfahrung der Gegenwart als Ewigkeit. Er ist die Königsdisziplin der Langsamkeit, der Zutritt in ein anderes Leben wie es auch sein könnte und wir erleben uns ganz neu in der Zeit: off ener, souveräner und langsamer.
Winfried Hille

Den Artikel und Tipps zum Abschalten finden Sie in unserer Ausgabe bewusster leben 3/2016

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