So strick ich mir ein dickes Fell

Vielen Frauen geht das so: Sie wünschen sich, in schwierigen­ Situationen weniger empfindlich zu sein, robuster zu werden und öfter mal cool zu bleiben. Anke Precht kennt das aus eigener Erfahrung und weiß heute, wie das geht.

Die Welt ist voll von wundervollen Frauen! Frauen mit umwerfendem Humor. Frauen mit Herz und Verstand. Frauen, die vor Ideen sprudeln. Frauen, die gute Lösungen haben für die unterschiedlichsten Probleme. Frauen mit bunten und wunderschönen Seelen. Frauen, die zig Aufgaben gleichzeitig wuppen und die so gut organisiert sind, dass sie ein kleines Unternehmen noch nebenbei mitmanagen würden. Frauen, denen die Welt wirklich am Herzen liegt. Kluge Frauen, gebildete Frauen, gefühlvolle Frauen, kompetente Frauen, Mega-Powerfrauen. Eigentlich müssten an jeder Straßenecke drei Frauen so um die Wette strahlen, dass es einen blendet. Die Welt müsste vor den Frauen auf den Knien liegen.

Frauen können unendlich viel bewegen

Nur: So ist es nicht. Viele Frauen strahlen nur im Verborgenen. Oder nur für ihre Männer. Oder sie sind resigniert, weil sie permanent Gegenwind bekommen. Die meisten Frauen verdienen nicht, was sie eigentlich verdienen, dümpeln in Jobs, die ganz okay sind, sie leisten dafür umso mehr und sind für andere da – aber nicht für sich selbst.
Als Psychologin frage ich mich: Warum ist das so? Wo ist das Strahlen dieser Frauen? Warum bringen sie es nicht auf die Straße? Und wie lässt sich das wieder ändern? Denn klar ist: Die Power ist da. Im Innern. Frauen können unendlich viel bewegen. Greta beweist es uns gerade tagtäglich. Sie hat genau das dicke Fell, das Frauen brauchen, um so zu sein, wie sie eigentlich sind – voll innerer Schönheit und Weisheit.
Ich weiß: Nicht jede Frau wird mit einem dicken Fell geboren. Manche haben es auch verloren. Aber ich bin felsenfest überzeugt: Es ist jederzeit und in jedem Alter möglich, sich wieder ein dickes Fell zu stricken – egal, wie viele Maschen einem früher mal runtergefallen sind. Kuschelig und warm schützt es dann vor Verletzungen.
Am meisten beschädigen Frauen ihr dickes Fell selbst – durch eigene unerfüllbare Ansprüche. Ich finde das tröstlich – denn damit können wir ja aufhören! Die strenge Gouvernante, die ätzende Nörglerin im Innern? Ich rate: freundlich verabschieden, wie einen abgelegten Liebhaber. Das stelle ich mir gerne bildhaft vor: Wie ich den Miesepeter, der mich darauf hinweist, was ich alles noch nicht geschafft habe, zur Tür begleite und ihn auf die Straße stelle. Dann mache ich mir einen Kaffee. Den habe ich mir jetzt wirklich verdient. Staub in der Ecke? Nicht jetzt

Zum Weiterlesen:
Anke Precht
Wie strick ich mir ein dickes Fell?
TRIAS Verlag, 17,99 Euro

Den ganzen Artikel unserer Ausgabe bewusster leben 6/2019

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