Tanz den Tango mit mir!

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Muskelsteifheit und Bewegungsstörungen sind typische Folgen der Parkinson-Erkrankung. Studien haben ergeben, dass das Tangotanzen die körperlichen Symptome lindert. Und es hat noch viele andere positive Effekte. Davon hat sich unsere Redakteurin Inge Behrens selbst überzeugt.

Tango ist ein trauriger Gedanke, den man tanzen kann“, sagte schon einst der argentinische Komponist Enrique Santos Discépolo. Wie traurig muss es erst sein, wenn Parkinsonkranke Tango tanzen? Ich kann mir nicht so recht vorstellen, wie jemand, dessen Körper sich mehr und mehr seiner eigenen Kontrolle entzieht, fließende Bewegungen ausführt und über das Parkett dahingleitet. Doch im Haus im Park in der Körber-Stiftung in Hamburg-Bergedorf findet ein beinahe normaler Tangokurs statt. Ich bin überrascht, mit welcher natürlichen Begeisterung und Freude die Teilnehmer Tango tanzen. Thomas, der bereits unter den klassischen Symptomen wie Muskelsteifheit und Tremor leidet, führt seine Tanzpartnerin gelassen und sicher über das Parkett. Die Wendungen und Richtungswechsel, die manchen Parkinsonkranken eigentlich so große Probleme bereiten, bewältigt er elegant. Etwas ungewöhnlich ist auch, dass der 90-minütige Kurs mit Aufwärm- und Koordinationsübungen im Sitzen beginnt. Wenn es mit einer Übung zu Anfang nicht so richtig klappt, ist das nicht weiter schlimm. Jeder scheint seine eigenen körperlichen Grenzen und die der anderen zu akzeptieren. Die Atmosphäre unter den acht Kursteilnehmern ist dementsprechend locker, heiter und entspannt. „Jeder versucht, jeden mitzunehmen“, erklärt Kursleiterin und Tangolehrerin Ingrid Saalfeld. Niemals wird beim Tanzen eine überzählige Person ausgeschlossen, notfalls tanzt man den Tango zu dritt.

Tangotanzen hat einen hohen therapeutischen Wert

„Das Tangotanzen macht nicht nur Spaß, sondern hat auch einen hohen therapeutischen Wert. Durch das regelmäßige Training konnte bei vielen Parkinson-Erkrankten die Medikamentendosis reduziert werden. Das wurde gerade durch eine amerikanische Studie bestätigt“, weiß Saalfeld. Tatsächlich berichtet der amerikanische Medizinjournalist Jon Palfreman in seinem Buch „Stürme im Gehirn“, dass eine neue Studie gezeigt habe, dass Parkinson-Patienten nach zwölf Monaten Tangotanzen ihr Gleichgewicht besser halten konnten, einen besseren und sicheren Gang aufwiesen und über verbesserte Multitasking- Fähigkeiten verfügten. Thomas, der seit einem Jahr regelmäßig an Saalfelds Kurs „Tango Argentino – für Menschen mit Parkinson“ teilnimmt, kann das nur bestätigen. Zu Beginn des Tanzkurses leide er meist sehr unter seiner Muskelsteifheit – nach dem Tanzen fühle er sich jedes Mal deutlich besser und beweglicher. Aber nicht allein Tangotanzen, sondern beinahe jede sportliche Betätigung hat positive Effekte. Um den Krankheitsprozess zu entschleunigen oder gar zu stoppen, raten Mediziner Parkinsonkranken deshalb, sich möglichst täglich zu bewegen. „Mittlerweile gibt es zahlreiche Studien, die die positiven Effekte von Körperübungen, Tai Chi oder Tangotanzen bei Parkinson oder Demenz belegen können“, berichtet Palfreman. „Ob Koordinationsübungen, Tai Chi oder Tangotanzen – Bewegungsangebote bringen definitiv Vorteile: Verbesserungen der physischen Funktionen, Lebensqualität, Fitness des Kreislaufs und der Herztätigkeit sowie Verbesserung der Wahrnehmung“. Die meisten Teilnehmer aus Saalfelds Tangokurs betreiben deshalb zusätzlich zweimal wöchentlich Gymnastik. Und der eine oder andere geht dann auch noch zum Walking oder regelmäßig spazieren. Deshalb weiß man nicht genau, welche Wirkung welcher der einzelnen Bewegungsformen oder sportlichen Betätigung genau zuzuschreiben ist.

Langsame und konzentrierte Bewegungen tun gut

Eine Studie der Privat-Universität Witten/ Herdecke will genau das jetzt herausfinden und vergleicht deshalb die Wirksamkeit von Tango Argentino und Tai Chi auf die Lebensqualität und Mobilität bei Morbus Parkinson. Die östliche Bewegungslehre Tai Chi ist eine tänzerische Bewegungsmeditation und beinhaltet Gleichgewichtsübungen und entspannende Atemübungen. Aus bisherigen Studien weiß man, dass die langsamen, konzentrierten Bewegungen sich positiv auf die Beweglichkeit auswirken. „Aber man hat noch unzureichend untersucht, ob und inwieweit Tangotanzen sich auf die Lebensqualität positiv auswirkt“, erklärt Désiree Lötzke, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Integrative Medizin der Uni Witten/Herdecke. Deshalb fragt man sich nun, welche Therapieform wirksamer ist. Eine Untersuchungsreihe mit Probanden wurde bereits abgeschlossen. Dazu haben jeweils zehn Paare an einem Tai Chi-Kurs und zehn Paare an einem Tangokurs teilgenommen, wobei die Probanden Tai Chi einzeln praktizieren müssen. Die Teilnehmer erhalten während des 10-maligen Kursbesuches drei Mal denselben Fragebogen. So können die Herdecker Forscher untersuchen, welche Veränderungen sich ergeben haben. Die zweite Untersuchungsreihe hat gerade erst im April begonnen. Es wird daher noch dauern, bis die Forscher die Studienergebnisse auswerten können.

Tango verbessert die Hirnfunktion und Intuition

Für Ingrid Saalfeld dürfte jetzt schon feststehen, welche Therapieform besonders wirksam ist: „Es ist einfach etwas anderes, ob ich mit einem Partner zur Musik tanze und mit ihm in Berührung bin oder allein für mich bestimmte Sportübungen mache“, sagt sie. Tango erfordere Kontaktimprovisation, so Saalfeld. Jederzeit – nach jedem Schritt – kann der Partner einen Richtungswechsel, eine Drehung vorgeben. Der Tango Argentino sei ein anspruchsvoller Tanz und weitaus schwieriger zu erlernen als ein Standardtanz wie Rumba oder Walzer. „Beim Tango, der im 4/4-Takt getanzt wird, gibt es zwar Schrittfolgen, aber keine festen standardisierten Tanzsequenzen, die man stur wiederholen muss. So bleibt das Gehirn ständig in Bewegung, aber auch die Intuition ist gefordert“, erklärt die Tangolehrerin. Während die Hirnfunktion bei den meisten Parkinsonkranken voll erhalten bleibt, verlieren viele Betroffene aber das Gespür für ihren Körper und seine Motorik. Genau diese Fähigkeiten wie beispielsweise Halte- und Stellreflexe werden beim Tangotanzen trainiert. Und Saalfeld weiß auch: „Je früher man nach der Parkinson-Diagnose intensiv mit dem Tangotanzen beginnt, desto größer sind die positiven Effekte“. Ganz nebenbei nehmen dadurch auch die Lebensfreude und -qualität zu – übrigens auch bei Menschen, die nicht an Parkinson leiden.
Inge Behrens

INFO:
Tanzschule Fun Tango,
Hamburg-Bergedorf,
Ingrid Saalfeld
www.funtango.de

Institut für Integrative Medizin
Universität Witten/Herdecke
Tel. (02330) 62 36 10

Aktivzentrum Dortmund
www.tango-therapie.com

Den Artikel finden Sie in unserer Ausgabe bewusster leben 03-2016

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