Teile und werde reich!

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Wer teilt, hat mehr vom Leben. Mehr Zusammenhalt, mehr Zufriedenheit, mehr Freude, mehr Liebe. Es scheint paradox: Wer viel und gerne gibt, erlebt sich als reich und wohlhabend.

Es ist ein weit verbreiteter Irrtum zu glauben, dass wir ärmer werden, wenn wir geben. Dabei ist doch genau das Gegenteil ist der Fall: Großzügigkeit bereichert das eigene Leben. Was die Religionen immer schon lehrten, bestätigen neue wissenschaftliche Studien. Geld und Güter machen uns dann am glücklichsten, wenn wir anderen Menschen damit eine Freude bereiten, wenn wir schöne Momente mit geliebten Menschen teilen und unseren Mitmenschen in Not helfen. Immer dann, wenn wir anderen Gutes tun, schüttet unser Gehirn Glückshormone und Opioide aus. Und diese fördern ein natürliches Wohlbehagen. Wir machen also nicht nur andere, sondern auch uns selbst glücklich, wenn wir geben. Nicht umsonst besagt eine alte Lebensweisheit: „Je mehr Freude wir anderen Menschen machen, desto mehr Freude kehrt ins eigene Herz zurück.“

Haben oder Sein?

Da neben dem Altruismus aber auch der Eigennutz Bestandteil unseres genetischen Programms ist, empfahl bereits Aristoteles in seiner Nikomachischen Ethik, sich bewusst in der Tugend der Freigiebigkeit zu üben. Denn wir sind immer vor die Entscheidung gestellt, ob wir unser Leben auf das Haben oder das Sein ausrichten wollen. Wollen wir Besitzen, Anhäufen, Festhalten? Geld und Güter horten und sie gegen andere verteidigen? Oder wollen wir ein Leben in Verbundenheit mit anderen führen, das zugleich die Gerechtigkeit in der Welt fördert? Klar ist: Habgier schürt eine feindselige Haltung untereinander. Kunden werden betrogen, Konkurrenten ruiniert, Arbeiter ausgebeutet. In der Existenzweise des Habens ist die Beziehung zur Welt die des Besitzergreifens und des Wegnehmens. Ihr liegt eine nagende Unzufriedenheit zugrunde, ein schmerzhafter Mangel, der durch die Anhäufung von immer mehr Dingen gestillt werden soll.

Die Haltung des Seins

Die Haltung des Seins hingegen ist von Offenheit, Großzügigkeit und Zufriedenheit geprägt. Ihr liegt es fern, sich hinter dem eigenen Besitz zu verbarrikadieren. Je weniger wir der Gier des Haben-Wollens zum Opfer fallen, je weniger wir vom Drang nach Besitz bestimmt werden, desto leichter fällt es uns, das zu wertschätzen, was wir haben und desto selbstverständlicher ist es auch, es mit anderen zu teilen. Wenn wir die vorhandenen Ressourcen teilen und tauschen, dann haben alle mehr davon. Eine Haltung, die sich auch die neue Share-Economy auf die Fahne geschrieben hat: Teilen, Tauschen und Leihen statt Besitzen, Konsumieren und Verschwenden. Carsharing, Co-Working-Spaces, Couch-Surfing, Tauschringe und Tauschpartys sind nur einige innovative Projekte dieser neuen Sichtweise auf die Welt. Sie ist Umsetzung dessen, was der Soziologe Erich Fromm bereits vor 60 Jahren in seinem Weltbestseller „Haben oder Sein“ schrieb: „Nicht der ist reich, der viel hat, sondern der, welcher viel gibt. Der Hortende, der ständig Angst hat, etwas zu verlieren, ist psychologisch gesehen ein armer Habenichts, ganz gleich, wie viel er besitzt. Wer dagegen die Fähigkeit hat, anderen etwas von sich zu geben, ist reich.“

Eine gute Tat

„Es gibt nichts Gutes, außer man tut es“. Diese Worte von Erich Kästner motivierten Theresa Voigt dazu, nicht nur Dinge, sondern vor allem Taten zu teilen. Und entschied sich an einem Silvesterabend dazu, jeden Tag des kommenden Jahres eine gute Tat zu verrichten. Und sie hielt Wort. Beherzt zog die junge Frau gleich am ersten Tag des neuen Jahres los, um Gutes zu tun, Freunden und Fremden unaufgefordert einen Gefallen zu tun, Hilfe im Alltag zu geben, sich Zeit für ihre Mitmenschen zu nehmen. Je länger sie es tat, so berichtete sie später in ihrem Buch „Von einer, die auszog, Gutes zu tun“, umso selbstverständlicher wurde es. Und desto mehr veränderte sich auch ihre Wahrnehmung. Die Welt war plötzlich voller Gelegenheiten für gute Taten. Nie sei sie zufriedener gewesen als in ihrem Gute-Taten-Jahr, sagt sie zurückblickend. Denn: „Jeden Tag eine gute Tat zu tun heißt auch, jedem Tag einen Sinn zu geben.“ Mit ihrem Experiment setzte die junge Frau aus freien Stücken das um, was sich die Pfadfinder bei ihrer Gründung vor 100 Jahren auf die Fahnen schrieben. Das Gemeinwohl mit dem Versprechen „Jeden Tag eine gute Tag“ zu stärken. Was aber ist eine gute Tat?
Theresa Voigt gab darauf eine ebenso einfache wie einleuchtende Antwort: „Eine gute Tat ist das, was man tut, um anderen eine Freude zu bereiten.“ Bereits ein freundliches Wort, ein aufmunterndes Lächeln, eine Geste der Hilfsbereitschaft macht unser aller Leben angenehmer und unbeschwerter. Davon profitiert auch die Welt. Denn jedes freundliche Wort, das wir teilen, jede Hilfe, die wir einem anderen in Not zukommen lassen, jede Zuwendung, die wir jemandem schenken, macht unsere Welt gleich ein kleines bisschen besser.

Das kostbare Gut teilen

„Ich hab‘ grad überhaupt keine Zeit! Ich bin voll im Stress!“ Wie oft hören wir diese Worte in diesen Tagen. Ja, Zeit ist ein rares Gut geworden. Nie scheint genug von ihr da zu sein. Ständig scheint sie uns davonzulaufen. Und so bleibt immer mehr von dem auf der Strecke, was das Leben lebenswert macht: Der kleine Plausch mit der Nachbarin am Gartenzaun. Der Besuch bei den betagten Eltern. Der Saunabesuch mit der besten Freundin. Der sonntägliche Familienausflug. Immer öfters verschieben wir das, was wirklich wichtig ist, auf später. Und verpassen dadurch so viele unwiederbringliche Momente mit den Menschen, die wir lieben. Dabei wissen wir doch nicht einmal, wie viele dieser kostbaren Momente uns bleiben. Wer garantiert uns denn, dass unsere betagten Eltern an Weihnachten noch am Leben sind, deren Besuch wir ständig aus Zeitgründen verschieben? Und wer sagt uns, dass unsere Kinder später überhaupt noch Lust dazu verspüren, mit uns einen Ausflug zu unternehmen?

Den wahren Wert der Dinge erkennen

Einem anderen Menschen unsere ungeteilte Aufmerksamkeit zu schenken, ist in dieser hektischen Zeit des Digitalen und Multitaskings eines der schönsten Geschenke, das wir diesem machen können. „Immer ist die wichtigste Stunde die gegenwärtige; immer ist der wichtigste Mensch, der dir gerade gegenübersteht; immer ist die wichtigste Tat die Liebe“, sagte daher Meister Eckhart, der christliche Mystiker des Mittelalters. Ja, unsere Lebenszeit ist das kostbarste Gut, das wir haben. Wir können sie aber nicht horten und auf ein Sparkonto legen, um sie bei Bedarf abzuheben. Versäumte Momente sind unwiederbringlich verloren. Sie sind nicht nachzuholen. Worauf also warten wir: Schenken wir uns Zeit mit anderen Menschen! Es ist ja gar nicht so einfach, den Wert der Dinge zu erkennen, wenn man sie noch nie entbehren musste. Wir Kinder des Wohlstands neigen dazu, unsere Teilhabe an den Gütern dieser Welt als selbstverständlich zu erachten. Wir glauben, dass wir selbst auf die wichtigsten Ressourcen des Lebens ein Anrecht hätten: auf sauberes Trinkwasser, sobald wir den Wasserhahn aufdrehen; auf gefüllte Regale, wenn wir einen Supermarkt betreten; auf eine warme Wohnung, wenn wir die Heizung andrehen. Wir vergessen, wie privilegiert wir sind und dass zahllose Menschen weltweit keinen Zugriff auf dieser Güter haben. Und dass selbst in Deutschland Menschen bei klirrender Kälte auf der Straße leben müssen.
Wie aber können wir neu wertschätzen, was uns so selbstverständlich geworden ist? Und wie können wir das Teilen dieser Güter lernen? Hierfür bediente sich der Zen-Meister Bernard Glassman ungewöhnlicher, doch sehr wirksamer Methoden. Gemeinsam mit seinen Schülern ging er jedes Jahr für eine Woche auf die winterlichen Straßen New Yorks, um dort ohne Geld, ohne Kreditkarte und einzig mit dem bekleidet, was sie am Körper trugen, das Schicksal von Obdachlosen zu teilen. Für ihn stand fest, dass Mitgefühl weniger in der Abgeschiedenheit eines Klosters als vielmehr in der direkten Erfahrung des Leids anderer Menschen zu erlangen ist. Für alle, die an solch einem Retreat teilnahmen, war es eine eindrückliche Lektion. Nie mehr, so berichteten die Teilnehmer danach, wären sie seitdem gedankenlos an einem obdachlosen Menschen vorbeigegangen. Die Trennung zwischen dem anderen und ihnen selbst habe sich aufgehoben. Gewachsen sei dagegen das Gefühl von Verantwortung für ihre Mitmenschen in Not, und die Bereitschaft, sich fortan für eine gerechte Verteilung materieller Güter einzusetzen.

Das Herz für andere öffnen

Je weniger wir uns also von den Hilfsbedürftigen dieser Welt getrennt fühlen, je unmittelbarer wir ihr Leid am eigenen Leib spüren können, desto entschiedener werden wir auch versuchen, dieses Leid zu lindern. Genau dazu möchte uns Weihnachten, das Fest der Liebe, einladen. Dazu, nicht nur unsere Liebsten zu beschenken, sondern unser Herz für all die Menschen zu öffnen, die unserer Großzügigkeit bedürfen. So kann jeder von uns etwas dazu beitragen, das Licht der Weihnacht zu hüten, zu teilen und gemeinsam zum Leuchten zu bringen.
Christa Spannbauer

Den Artikel finden Sie in unserer Ausgabe bewusster leben 6/2017

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