Umarme deine Verletzlichkeit

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Wir zeigen uns gern stark und unverwundbar, denn das scheint uns Schutz und Sicherheit zu garantieren. Doch auf Dauer geht es auf Kosten unserer Lebendigkeit. Wir sollten uns lieber mutig zu unseren Gefühlen bekennen – denn erst das macht uns stark und führt zu einem erfüllten Leben.

Neulich las ich vom „Eye- Contact-Experiment“. Initiiert wurde es von einer australischen Gruppe namens „The Liberators“, die seit Jahren Events und Experimente durchführt, in denen Menschen wieder mehr Nähe zueinander finden und gemeinsam Freude und Spaß erleben wollen. Das Experiment geht so: Man setzt sich gegenüber einer Person, die man oft nicht mal kennt und blickt ihr einfach in die Augen – ohne ein Wort zu sprechen. Und das über einen längeren Zeitraum. Zwei Menschen sitzen oder stehen sich also gegenüber, berühren sich nur kurz und dann sehen sie sich tief in die Augen. Das ist alles!

Es ist eine Auseinandersetzung mit Blicken – sehen, wie man angesehen wird. Es sei so einfach und kann doch so viel bewirken, versprechen die Veranstalter. Und was das bewirkt, das erleben die Mutigen, die sich dem Experiment stellen. Inzwischen gibt es das „Augen-Kontakt-Experiment“ auch in mehreren deutschen Großstädten – in München, Berlin, Hamburg – überall finden sich genug Menschen, die auf diese Weise minutenlang schweigend in die Augen eines Fremden schauen wollen.

Und was soll das? Die Aktion will zeigen, dass eine tiefe zwischenmenschliche Nähe überall möglich ist. Es ist eine Übung, sich anderen Menschen ungeschützt zu zeigen, Nähe zu erzeugen, ganz ohne Worte.
„Ich verstecke mich nicht, ich mache mich verfügbar“, so beschreibt eine Teilnehmerin des „Eye Contact Experiments“ in München das Erlebnis. Es geht ihr dabei darum, sich radikal offen zu zeigen und für eine gewisse Zeit auf die Schutzmauer zu verzichten, hinter der sie sich im Alltag so oft versteckt. Es geht ihr darum, sich einfach mal nahbar und verletzlich zu zeigen.

Die Schutzmauer, hinter der wir uns verstecken

Jeder kennt das: Weil wir in unserem Leben immer wieder mal verletzt wurden, ist unsere Bereitschaft, sich auf andere Menschen einzulassen und eine gewisse Verletzlichkeit zuzulassen, eher gering. Wir schützen uns zumeist gegen emotionale Schmerzen, und meinen, dass das nur gelingen kann, wenn wir eine hohe Mauer um uns und unsere Gefühle errichten. So verständlich das ist, wirklich empfehlenswert ist es nicht. Denn nicht nur, dass man so nur wenige Menschen an sich heranlässt, man nimmt sich selbst auch ein ganzes Stück an Unbefangenheit und Lebensqualität. Im Alltag haben wir Angst davor, uns so zu zeigen, wie wir wirklich sind. Wir haben Angst davor, schwach und verletzlich zu sein und davor, dass wir damit dann nicht umgehen könnten.

Die seelische Schutzmauer, von der hier die Rede ist, kennen wir alle. Von ihr versprechen wir uns ein Gefühl größerer Sicherheit. Wenn wir mit anderen zusammen sind, versuchen wir uns so zu geben, wie wir es von starken Menschen kennen: Immer gut drauf, mit einem Lächeln und nichts kann uns wirklich etwas anhaben. Alles andere könnte als Schwäche ausgelegt werden. Also verstecken wir unsere wahren Gefühle hinter einer Schutzmauer von Coolness, Überheblichkeit und gespieltem Selbstvertrauen. Wenn wir das tun, hat das vor allem einen Zweck: uns vor unserer eigenen Verletzlichkeit zu schützen.

Wir zeigen uns als besonders hart, feindselig oder ablehnend, damit niemand merkt, wie weich und verletzlich wir in unserem Kern eigentlich sind. Wir kritisieren, verteidigen, kämpfen immerzu, um nichts und niemanden an uns heranzulassen. Unser Streben gilt der Unverwundbarkeit und einer zur Schau gestellten Stärke, denn sie scheint uns Sicherheit zu versprechen.

Verletzlichkeit ist die Voraussetzung für ein erfülltes Leben

Immer aufpassen zu müssen, was man wem erzählt, und wem man sich anvertraut, ist auf Dauer aber allzu anstrengend und führt bestimmt nicht zu dem Leben, das wir uns vorstellen. Dabei sehnen wir uns danach, jemandem zu begegnen, der voller Verständnis, Fürsorge und Unterstützung ist. Solchen Menschen kann man aber nur begegnen und man kann sie nur als solche erkennen, wenn man ihnen auch die Gelegenheit gibt, uns ohne Schutzmaske so zu erleben, wir wir wirklich sind – und dazu zählt eben auch unsere Verletzlichkeit. Wer die Nähe anderer Menschen sucht der muss deshalb das Risiko, verletzt zu werden, eingehen. Nur so ist es möglich einander wirklich zu begegnen.
In einer Welt, die von leistungsorientierten Maßstäben beherrscht wird, erscheint Verletzlichkeit aber oft als Schwäche. Doch das Gegenteil ist der Fall: Die eigene Verletzlichkeit zuzulassen macht stark und bietet die Chance, Lebensprozesse mit Authentizität durchzustehen. Die Sozialwissenschaftlerin Brené Brown von der University of Houston hat in ihrem Buch „Verletzlichkeit macht stark – Wie wir unsere Schutzmechanismen aufgeben und innerlich stark werden“ genau das belegt. Darin berichtet sie von ihren Ergebnissen aus zwölf Jahren Forschung zu den Themen Scham und Verletzlichkeit. Sie hat tausende von Menschen interviewt und dabei zwei Gruppen von Menschen gefunden: Einerseits Menschen, die sich wertvoll und geliebt fühlen, die ein starkes Verbundenheitsgefühl zu anderen Menschen haben und ein erfülltes Leben führen. Und in der anderen Gruppe Menschen, die ständig um Liebe und Verbundenheit kämpfen müssen und sich immerzu fragen, ob sie gut genug sind.
Das, was die erste Gruppe von der zweiten unterscheidet, ist ihre Verletzlichkeit. Brené Brown fand heraus, dass die Menschen, die ein sehr erfülltes Leben führen, gleichzeitig auch diejenigen sind, die sich eher der eigenen Verletzlichkeit aussetzen und sich nicht so sehr hinter Schutzmauern verbarrikadieren. Es sind gleichzeitig diejenigen, die mit Mut immer wieder neue Dinge angehen, sich zeigen und ins Risiko gehen, ob im beruflichen oder privaten Bereich.
Entgegen der landläufigen Ansicht scheint es also so zu sein, dass die Verletzlichkeit in Wahrheit keine Schwäche, sondern eine Stärke und eine besondere Gabe ist. Das legen die Untersuchungen Brené Browns nahe. Und darüber hinaus scheint sie der wichtigste Indikator für das eigene Glückserleben zu sein. „Verletzlichkeit ist die Geburtsstätte von Liebe, Zugehörigkeit, Freude, Mut, Empathie und Kreativität“. (Brené Brown)

Verletzlichkeit ist der Kern all unserer Gefühle

Wenn wir uns dem Leben mit all seinen Facetten öffnen möchten, dann ist unsere Verletzlichkeit nicht das Hindernis als vielmehr der Weg dazu. „Verletzlichkeit ist der Kern aller Emotionen und Gefühle. Zu fühlen heißt, verletzlich zu sein. Zu glauben, Verletzlichkeit sei eine Schwäche, heißt, Gefühle für Defizitäres zu halten“, sagt Brené Brown.
Indem wir zu unserer Verletzlichkeit stehen, bekennen wir uns zum wirklichen Leben, zum wahren Menschsein mit all seinen Höhen und Tiefen. Nicht Unverwundbarkeit ist unsere Stärke, sondern Verletzlichkeit, aus der heraus die Nähe zum Leben real wird. Sie erst macht uns lebendig und zu authentischen Menschen, deren Gegenwart auch andere gerne suchen. Denn wer sich nicht länger hinter seinen seelischen Schutzmauern verbirgt, der zeigt sich so wie er ist und der macht es anderen Menschen erst möglich, ihn zu spüren, ihm zu begegnen und ihn zu lieben. Brené Brown sagt über den Zusammenhang von Liebe und Verletzlichkeit: „Wenn wir jemanden lieben, sind wir emotional exponiert. Zweifellos erzeugt das Angst, und ja, wir werden möglicherweise verletzt, aber können Sie sich ein Leben vorstellen, ohne zu lieben oder geliebt zu werden?“
Deshalb sollten wir lernen, selbstbewusst zu unserer Verletzlichkeit zu stehen und uns auf sie einzulassen – immer wieder – mit all den schwierigen Gefühlen, die damit einhergehen. Erst dann teilen wir unser Leben mit anderen Menschen und leben aus ganzem Herzen. Das mag für viele von uns Neuland sein, für andere ist es die Rückbesinnung auf bereits Erlebtes. Denn als Kind haben wir das noch gekonnt: uns schutzlos auf das Leben einzulassen, mit all seinen dunklen und hellen Seiten ohne Angst davor, uns zu verletzen. Die Schutzmauern, die uns heute umgeben, haben wir erst später aufgebaut. Glücklicher sind wir hinter ihnen nicht geworden. Vielleicht ist das auch die Erklärung dafür, warum es immer mehr Menschen zu einem „Eye Contact Experiment“ treibt.
Winfried Hille

Den ganzen Artikel finden Sie in unserer Ausgabe bewusster leben 06-2016

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