Vom gesunden Umgang mit Kränkungen

Kränkungen können jede noch so gute Beziehung zerstören. Daher ist es so wichtig, die eigenen Gefühle zu verstehen und zu akzeptieren.

Kränkungen tun weh. Doch was wäre ein Leben ohne Gefühle? Ohne Liebe, Freude, Sehnsucht? Aber auch: Ohne Hass, Trauer, Verzweiflung? Unsere Gefühle bestimmen, wo und wann wir uns gut oder schlecht fühlen. Sie bilden unser „Lebensgefühl“. Es gibt nahezu keine Situation, in der nicht Gefühle eine Rolle spielen. Selbst wenn ich mich für Wochen oder Monate irgendwohin allein zurückgezogen habe: Meine Gefühle werden mich begleiten und auf und ab schaukeln. Doch vor allem sind sie das A und O jeder zwischenmenschlichen Beziehung, ob am Arbeitsplatz, in der Familie oder in den Flitterwochen. Und hier möchten wir zwar alle möglichst gut miteinander auskommen, doch wie oft geht das schief! Uns kommen Neid, Angst, Ärger, Ungeduld und andere unschöne Gefühle in die Quere. Ein Weg, Konflikte und Disharmonie zu vermeiden, scheint zu sein, heftige Emotionen wie Wut, Eifersucht, Neid, Ekel oder Furcht gar nicht erst zu zeigen. Doch das ist eben nur scheinbar eine Lösung. Tatsächlich trägt die Unterdrückung solcher Gefühle nicht zu Frieden und Harmonie bei, sondern führt auf Dauer zu mehr Stress und Krankheit. Negative Emotionen sind zwar allgemein weniger beliebt als positive. Wenn ich aber richtig mit ihnen umgehe, können sie eine geradezu heilende Wirkung entfalten, wie der Allgemeinmediziner Alexander Sembritzki auf Grundlage seiner ärztlichen Praxis in seinem Buch „Wie Gefühle heilen“ darstellt. Ein besonders heikles Thema im zwischenmenschlichen Bereich ist die Kränkung. Ein falsches Wort, ein scheinbar geringschätziger Blick, und was in einer Beziehung vorher harmonisch zu sein schien, läuft plötzlich aus dem Ruder, schlägt womöglich sogar um in Ablehnung oder Hass.

Für Kränkungen gibt es viele Anlässe

Anne und Rüdiger arbeiten im Redaktionsteam einer Zeitschrift. Sie verliebten sich ineinander während einer gemeinsamen Recherche für einen Artikel über die Benachteiligung von Frauen im Beruf. Einige Wochen lang ist ihr gemeinsames Glück so offensichtlich, dass die Kollegen bereits wohlwollende Witze reißen. Doch eines Tages kommt Anne mit versteinertem Gesicht an ihren Arbeitsplatz, grüßt niemanden und starrt wie in Trance auf ihren Bildschirm. Rüdiger kommt später und begrüßt Anne wie immer herzlich. „Spar dir dein Süßholzgeraspel. Ich brauch dein falsches Getue nicht!“ Rüdiger ist fassungslos. „Wieso, was ist denn los?“ „Das weißt du ganz genau. Und jetzt lass mich in Ruhe. Ich habe zu tun.“ Anne bleibt für die nächsten Tage Rüdiger gegenüber verschlossen und nicht ansprechbar. Ihrer Freundin Bärbel vertraut sie an, dass Rüdiger sie vor Freunden abends in der Kneipe gezielt lächerlich gemacht habe. „Wieso, wie denn?“ „Er meinte, ich fühle mich als Frau im Beruf nicht gleichberechtigt behandelt und hätte in den Artikel mein gesamtes weibliches Temperament eingebracht. Wie ich da in die PC-Tastatur gehackt hätte, wie bei Beethovens 5. Sinfonie! Und dann hat er das vorgemacht und alle haben schallend gelacht. Wie kann er nur so gemein sein?“ Können Sie nachvollziehen, dass Anne gekränkt ist? Der Anlass für diese und andere Kränkungen mag ziemlich belanglos erscheinen. Andere würden vielleicht einfach mitlachen. Doch Anne konnte das nicht. Sie war in dem Moment schockiert und seelisch verletzt. „Als hätte er mir mit voller Wucht in die Magengrube geschlagen“, erzählt sie mit tränenerstickter Stimme ihrer Freundin und bald darauf ihrer Mutter. Nachts kann sie nicht schlafen. Ihre Gedanken kreisen um Rüdiger. Wie hatte sie sich nur so in ihm täuschen können. Er hatte sie von Anfang an nur benutzt. Aber das würde er büßen. Sie würde dafür sorgen, dass er auch spürt, wie weh so eine Demütigung tut. In der Redaktion bekommen nun alle mit, wie angespannt das Verhältnis zwischen Anne und Rüdiger ist. „Wer von euch hat mir diese Mail mit den Fotos von misshandelten Frauen geschickt?“ fragt Rüdiger laut – und alle ahnen, von wem die gekommen ist. „Du kannst dir ruhig mal genauer ansehen, was Machos wie du anrichten“, ist Annes verbitterter Kommentar. Hier geht es nicht um die Frage, ob Männer und Frauen gleichberechtigt sind oder wie sich Männer Frauen gegenüber fair verhalten sollten. Es geht um eine Kränkung. Jeder von uns hat schon wenigstens einmal eine Kränkung erlebt. Und damit wissen wir auch aus Erfahrung, wie weh das tut und wie sehr sie eine eigentlich gute Beziehung beeinträchtigen und manchmal sogar zerstören kann. Auf politischer Ebene können Kränkungen bekanntlich verheerende Wirkungen haben. Der verletzte Stolz eines Machthabers kann Kriege auslösen. Muslime fühlen sich gekränkt durch die Karikaturen ihres Propheten. Es scheint oft sehr schwer, fast unmöglich, aus dem explosiven Gemisch von Emotionen und gegenseitigen Anschuldigungen herauszukommen. Das gilt im öffentlichen Bereich ebenso wie im privaten.

Den ganzen Artikel und Tipps zum Abschalten finden Sie in unserer Ausgabe bewusster leben 03-2016

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