Vom richtigen Umgang mit der Zeit

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Wie wir uns mit der inneren Uhr und den natürlichen Zeitrhythmen verbinden und warum in einem bewussten Wechsel von Aktivität und Ruhe der Schlüssel zu einem gelasseneren Lebensstil liegt.

Kennen Sie die Geschichte von Momo und den Zeitdieben? Als in Momos Stadt die grauen Herren auftauchten, rechneten sie den Bewohnern vor, wie viel Zeit sie sparen könnten, wenn sie scheinbar unnütze Dinge unterließen. Die gesparte Zeit sollten sie bei der „Zeitsparkasse“ anlegen und später mit Zins und Zinseszinsen zurückerhalten. Und tatsächlich: Nach und nach ließen sich immer mehr Menschen von dieser Idee überzeugen. Sie begannen, durchs Leben zu hetzen, scheinbar unnütze Beschäftigungen aufzugeben, wurden im zeitökonomischen Sinne immer effizienter – doch gleichzeitig freudloser. Es dauerte einige Zeit, bis sie selbst feststellten, dass sie betrogen worden waren: Ihre Zeit für das Wesentliche wurde ihnen gestohlen.
So die Geschichte, die der Jugendbuchautor Michael Ende sieben Jahre lang aufschrieb und 1973 schließlich veröffentlichte. Vorausschauend traf er damit den heutigen Zeitgeist. Denn die grauen Herren aus Momos Städtchen haben inzwischen Besitz von unseren Köpfen genommen. Wir versuchen immer mehr aus unserem Tag herauszuholen, schlafen weniger. Gestresst zu sein, gilt beinahe als Auszeichnung, sich längere Zeit auszuruhen, wirkt auf viele suspekt, das schiere Nichtstun gilt als Todsünde.

Gerät der Körper aus dem Takt, sprechen die Organe nicht mehr miteinander

Dabei liegt im richtigen Wechsel von Aktivität und Ruhe der Schlüssel zur dauerhaften Gesundheit. Denn wie Prof. Dr. Maximilian Moser in seinem Buch „Vom richtigen Umgang mit der Zeit“ bemerkt: Der Körper, ja die gesamte Natur, hat ihren eigenen Rhythmus – und den können wir nicht überlisten. Alles schwingt in fein aufeinander abgestimmten Zyklen: Blumen öffnen sich zu bestimmten Tageszeiten, Jahreszeiten bringen unübersehbaren und steten Wandel mit sich.
Im Körper sind manche Rhythmen leicht zu beobachten, andere geschehen eher verdeckt. Wie jeder weiß, unterliegt unser Atmen einem Rhythmus. Was wenige wissen: Auch unsere Gene werden zu unterschiedlichen Tageszeiten aktiv. Unsere Körpertemperatur und Durchblutung ändern sich nach festgelegten, vom Körper selbst erzeugten Rhythmen. So wird unser Herzschlag nachts – und im Winter – etwas langsamer. Tagsüber – aber auch im Sommer – beschleunigt er sich. Im Tiefschlaf schwingt der Herzschlag mit der Atmung und stellt sich auf vier Herzschläge pro Atemzug ein.

Leben im Rhythmus der Zeit

Erst durch aufeinander abgestimmte Rhythmen kommen unsere Körperfunktionen überhaupt zustande. Und nur, wenn wir seine Rhythmen beachten, kann unser Körper seine Selbstheilungskräfte voll entfalten. „Gerät der Organismus aus dem Takt, sprechen die Organe nicht mehr miteinander und hören auch nichts mehr voneinander“, erklärt Prof. Moser. „Das ist auch der Zustand, der bei Krebskranken zu beobachten ist.“
Ein Organismus, der im Takt der natürlichen Rhythmen schwingt, reguliert sich dagegen viel besser. Regelmäßigkeit ist dabei der wichtigste Schlüssel.
„Hören wir also auf, Zeitsparer zu sein, und werden wir zu Zeit-Architekten“, empfiehlt Prof. Moser auf. „Gestalten wir unseren Zeit-Raum so angenehm und so schön wie möglich. Dazu benötigen wir zunächst eine Grundarchitektur, in die wir unsere detaillierte Zeitgestaltung einfügen können. Diese verlässliche Basis gibt es bereits, sie ist von der Natur vorgegeben: die Tages-, Wochen- und Jahresrhythmen.“

Die Tagesrhytmen

Am frühen Morgen machen die Kälte und Dunkelheit der Nacht allmählich der Wärme und Helligkeit der Sonne Platz. Unser Körper schüttet Cortisol aus. Dieses Hormon zügelt das Immunsystem und macht den Körper fit für den Tag. Unsere Herzfrequenz und Körpertemperatur steigen an.
Am Vormittag sind wir am leistungsfähigsten, sofern wir nicht chronisch erschöpft sind. Allerdings sollten wir auch jetzt nicht stundenlang durchack-ern. „Aus der psychologischen Forschung ist bekannt, dass ein erwachsener Mensch seine Aufmerksamkeit etwa eineinhalb bis maximal zwei Stunden auf eine Sache richten kann“, weiß Prof. Moser. Im Anschluss an jede dieser Leistungsphasen sollten wir uns deshalb stets eine Pause von jeweils 15 bis 30 Minuten gönnen.
Die Mahlzeiten sind neben den Schlaf-Wach-Zeiten die wichtigsten Taktgeber für unseren Körper, deshalb sollten sie regelmäßig und in Abständen von vier bis sechs Stunden erfolgen. Der Nachmittag eignet sich bei den meisten Menschen für produktive und kreative Arbeiten. Ein leichtes Abendessen zwischen 17 und 19 Uhr gibt dem Verdauungstrakt die Zeit, das Essen so aufzubereiten, dass es in der Nacht den Schlaf nicht stört.
Blaues Licht von Bildschirmen hemmt allerdings die abendliche Produktion des Schlafhormons Melatonin. Wer also bis tief in die Nacht vor dem Fernseher sitzt oder sich nicht vom Computer losreißen kann, muss sich nicht wundern, wenn ihm am nächsten Tag dann die nötige Erholung fehlt. Wir werden krankheitsanfällig, missmutig und schleppen uns durch den Tag. „Schon ganz schwaches, tageslichtähnliches Licht kann die körpereigene Rhythmik empfindlich stören, wenn es zur falschen Uhrzeit – etwa um zwei Uhr morgens – auf Ihre Netzhaut wirkt“, warnt Prof. Moser. Das wäre zum Beispiel der kurze Blick aufs Smartphone, um die Uhrzeit abzulesen.
Es gibt einfache Möglichkeiten, wie man den Blaulichtanteil eines Computerbildschirms begrenzen kann. Installieren Sie sich beispielsweise das kostenlose Programm f.lux (https://justgetflux.com) auf Ihrem PC. Zu einer gewünschten Uhrzeit, z.B. um 20 Uhr, regelt es dann automatisch den Blaulichtanteil des Bildschirms herunter. Auf iPhones und iPads gibt es den „Night Shift“-Modus, den man ganz leicht nutzen kann.
Im Schlaf repariert unser Körper die kleinen Schäden, die sich im Laufe des Tages angehäuft haben. So verringert sich mit ausreichend Schlaf sogar das Krebsrisiko. Wenn wir ausgeruht sind, nimmt auch das Risiko eines Tumors ab. Siebeneinhalb Stunden Schlaf gehen mit der höchsten Lebenserwartung einher, wie verschiedene Studien zeigen. Zu viel des Guten ist jedoch genauso schädlich wie zu wenig: Sowohl bei neun als auch bei fünf Stunden verkürzt sich die Lebenserwartung.

Die Wochenrhythmen

Warum hat die Woche eigentlich sieben Tage? Vermutlich stammt dies aus der Zeit des 28-tägigen Mondkalenders – sieben Tage sind jeweils eine Mondphase: zunehmender Mond bis zum Halbmond, zunehmender Mond bis zum Vollmond, abnehmender Mond bis zum Halbmond und abnehmender Mond bis zum Neumond.
Eine faszinierende medizinische Erkenntnis: Der Körper repariert sich im Sieben-Tage-Rhythmus. Beim Heilungsverlauf nach dem Zähneziehen beispielsweise klingt die Schwellung der Wange zunächst ab, nach einer Woche schwillt sie wieder leicht an, ebenso nach 14 Tagen.
Nach drei Wochen sind solche Heilungsvorgänge in der Regel abgeschlossen. Bei Organtransplantationen hat man festgestellt, dass der siebte, 14. und 21. Tag nach der OP ein besonders hohes Risiko der Abstoßung birgt.
Deshalb sollten wir das Wochenende heilig halten, am Samstag alle lästigen Hausarbeiten erledigen und uns am Sonntag wirklich erholen. Das bedeutet, sich Zeit zu nehmen für die Partnerschaft, Familie und vor allem für uns selber. Das Handy bleibt ausgeschaltet, die Mails unbeantwortet, stattdessen machen wir Waldwanderungen oder gehen zu einem See. Bei verregnetem Wetter genießen wir ein gutes Buch auf dem Sofa.

Die Monats- und Jahresrhythmen

Auch die Gliederung des Jahres nach Monaten entwickelte sich ursprünglich aus dem Mondkalender. Der offensichtlichste Zyklus, der bei Menschen durch den Mond beeinflusst wird, ist der weibliche Menstruationszyklus – auch wenn er heutzutage durch künstliches Licht und die Pille entkoppelt scheint. Ein kleines Nachtlicht in den drei Nächten rund um den Vollmond im Schlafzimmer aufgestellt kann helfen, den Zyklus wieder mit dem Mond zu synchronisieren.
Für größere Vorhaben bietet der Verlauf des Jahres die jeweils richtige Zeit. Das Frühjahr ist ideal zum Abnehmen und Entschlacken, der Sommer zum Erholen – wobei ein Jahresurlaub mindestens drei Wochen am Stück dauern sollte. Der Herbst hilft, all das Loszulassen, was wir nicht mehr brauchen und gleichzeitig zu ernten, was wir gesät haben. Der Winter ist die Zeit des Rückzugs, der Besinnung und Neuorientierung. „Wenn Sie den Ablauf des Jahres mit dem des Tages vergleichen, entspricht der Winter der Nacht, der Frühling dem Morgen und der Hochsommer der Zeit der Mittagsruhe. Der Herbst wäre mit dem Nachmittag vergleichbar. Jetzt kann die Ernte des Jahres (oder des Tages) eingebracht werden“, so bringt es Prof. Moser auf den Punkt.

Gestalten Sie sich Ihre eigenen Zeit-Räume

Lassen wir also bewusst Zeit-Landschaften entstehen. Dazu sollten wir uns regelmäßig von der Technik entkoppeln, denn Technik sorgt immer für Beschleunigung, sei es in der Produktion, bei der Mobilität oder in unserer Kommunikation. Gestalten wir das Wochenende inhaltlich anders als die Woche, aber behalten wir den Takt von Mahlzeiten, Schlaf- und Wachzeiten weitgehend bei. Feiern wir Feste wie Weihnachten, Ostern und auch die Zeitpunkte der Sonnenwenden. Sie charakterisieren die jeweilige Jahreszeit. Pflegen wir einen Garten und gehen täglich spazieren, um uns weiter mit den Rhythmen der Natur zu verbinden.
Und nehmen wir uns Zeit für unsere Mitmenschen. Wie die kleine Momo herausfand, kann man mit Geduld und intensivem Zuhören sogar graue Zeitsparer wieder an ihre eigene Menschlichkeit erinnern.

Deborah Weinbuch

BUCHTIPP
Maximilian Moser
Vom richtigen Umgang
mit der Zeit
Alegria Verlag, € 18,00
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Den Artikel finden Sie in unserer Ausgabe bewusster leben 6/2017

 

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