Warum gerade ich? Wege aus der Opferrolle

Manchmal scheint es, als habe sich das Leben gegen uns verschworen und als sei das Glück immer da, wo wir nicht sind. Wenn wir Opfer von Personen oder Umständen werden, helfen keine flotten Affirmationen oder fixen Ratschläge. Doch es gibt Wege aus der Opferrolle.

Die Opferrolle sieht ihr keiner an. Nach außen hin ist die 58-jährige Irene eine patente Frau. Viele Jahre hat sie erfolgreich in einem Schreibbüro gearbeitet. Jetzt ist sie aufgrund ihres Rheuma-Leidens frühverrentet. Zusammen mit ihrem Mann kümmert sie sich um ihre betagte Mutter. „Wobei kümmern nicht der richtige Ausdruck ist“, sagt sie. „Es ist ein einziger Terror. Meine Mutter trinkt jeden Tag einen Kasten Bier und raucht zwei Schachteln Zigaretten. Jeder andere wäre schon längst gestorben, aber sie ist fitter als ich. Mein Mann und ich fahren ihr einmal in der Woche die Bierkästen hin. Aber glauben Sie nicht, dass sie danke sagen würde; wir müssen uns von ihr noch beschimpfen lassen. Meine Mutter ist ein richtiges Monster.“ Irene hat zwar noch zwei Geschwister, doch die Schwester ist psychisch schwer krank, der Bruder entzieht sich. Nicht nur wer derart Schlimmes erlebt, kann sich in einer Opfer-Situation befinden. Doch Irenes Beispiel zeigt wie Opferrollen verteilt sein können. Während Schwester und Bruder ganz augenfällig Opfer der desolaten familiären Situation sind (auch der verstorbene Vater war Alkoholiker), erscheint Irene als die „einzig Normale“ – und bekommt deshalb noch zusätzlich zu der Opferrolle eine Sonderrolle aufgebürdet, die sie mit einem kaum zu bewältigenden Übermaß an Arbeit und Mühe belastet.

Jeder kann zum Opfer werden

Wie eine solche Opferrolle „normaler“ Menschen abgelegt werden kann, darüber herrscht große Ratlosigkeit, sagt der Münchener Psychiater und Psychotherapeut Peter Teuschel. Ein Opfer-Verhältnis zu den Eltern ist besonders vertrackt, denn mit unseren Eltern sind wir durch eine „Ur-Dankbarkeit“ verbunden. Die Tatsache, dass es uns ohne sie nicht gäbe, ist existentiell. Deshalb empfinden wir auch Schuldgefühle, die auf der Basis des Arguments „Undankbarkeit“ geweckt werden, als existentiell und können uns ihnen nur schwer entziehen. Eltern haben allein dadurch, dass wir ihnen unser Leben verdanken, einen Kredit, den wir nie abzahlen können. „Vor dieser Tatsache dürfen aber nicht alle anderen Erfahrungen, die wir in der Familie machen, verblassen“, ermutigt Teuschel. Auch sie dürfen unsere Einstellung zur Familie prägen und berechtigen zu einem distanzierten Standpunkt sowie einem kritischen Umgang mit den Angehörigen. Doch diesen Abstand zu gewinnen, ist schwer. Noch schwerer wird es durch das Unverständnis von Freunden und Bekannten – das übrigens immer gleich geäußert wird, egal, ob wir gegenüber Eltern, Kindern, in der Partnerschaft oder durch Mobbing am Arbeitsplatz oder in der Schule in der Opferrolle sind. Bemerkungen wie „so etwas würde ich nie mitmachen“ oder „dass du dir das bieten lässt“, erhöhen den Druck auf das Opfer und schieben ihm zusätzlich zu den eigenen Schuldgefühlen auch noch von außen die Schuld an seiner misslichen Lage zu. Doch wenn wir das verletzende „Warum tust du dir das an?“ umkehren und uns fragen „Was bringt mich (immer wieder) in die Opferrolle?“, kann das eine Hilfe sein. Wie so oft, beginnt die Suche in der eigenen Herkunftsfamilie. Unter den vielen möglichen Konstellationen, die uns zu Opfern werden lassen, ragen zwei besonders heraus.

Unverbundene Verbundenheit

Zum einen die „unverbundene Verbundenheit“ in den sogenannten „Pylonen- Familien“, wie Teuschel sie nennt. Die Familienmitglieder stehen nebeneinander wie die Baustellen-Hütchen an der Autobahn; sie werden zwar als Einheit wahrgenommen (wie die lose aufgereihten Hütchen als geschlossene Absperrung akzeptiert werden), sind aber dennoch unverbunden. In diesen Familien wird zwar kommuniziert, aber ohne sich etwas Wesentliches mitzuteilen. Das kann vom Verschweigen bis zu plappernder, oberflächlicher Geschwätzigkeit reichen. „In aller Regel wird dies eine Schutzfunktion sein. Angst spielt dabei immer eine zentrale Rolle.“, erklärt Teuschel und fährt fort: „Insbsondere der vermeidende Umgang mit eigenen Kriegserlebnissen hat deutsche Väter (und Mütter!) einer ganzen Generation zu einer Geheimniskrämerei bewegt, die sich sehr schädlich auf die Kinder ausgewirkt hat.“ Jeder Versuch, unter die Oberfläche und zu einer echten emotionalen Beziehung zu kommen, wird neutralisiert. Freundlich, scherzhaft oder barsch abweisend wird dem Kind, das sich unglücklich fühlt, zu verstehen gegeben, dass es sich alles „nur einbildet“. Kinder aus Pylonen-Familien lernen nicht, ihren Empfindungen zu trauen und danach zu handeln, sondern im Gegenteil, Gefühle besser nicht zu äußern, weil sie sich sonst nur Demütigung und Ablehnung einfangen. Ähnlich ergeht es Töchtern und Söhnen, die mit der „schwarzen Pädagogik“ aufgewachsen sind, der zufolge der Wille des Kindes gebrochen werden muss. Überreste dieses Auswuchses der Gehorsamsgesellschaft waren bis weit in die sechziger Jahre hinein weit verbreitet. Das Kind verinnerlicht, dass der eigene Wille nicht zählt, womöglich sogar „böse“ ist, und dass es Anerkennung und Zuwendung nur erhält, wenn es sich dem Willen anderer, meist Stärkerer, beugt.

Wenn wir mit unserem verunsicherten inneren Kind in Kontakt zu kommen, spüren wir auch, was es braucht, um weiterzugehen.
Wenn wir mit unserem verunsicherten inneren Kind in Kontakt zu kommen, spüren wir auch, was es braucht, um weiterzugehen.

Die Rolle des inneren Kindes

„Haben wir als Kind etwas Wichtiges und Essentielles wie Liebe, Aufmerksamkeit, Wohlwollen und Unterstützung nicht bekommen“, erklärt Teuschel, „dann verfallen wir tief in uns drinnen in einen Warte-Modus. Wir bleiben an dieser Stelle unserer Entwicklung stehen. Etwas in uns sagt: ‚Ich rühre mich hier nicht weg, bis ich all das bekommen habe, was ich für meine Entwicklung zu einem glücklichen Menschen brauche.‘“ Das führt dazu, dass im Erwachsenenalter eigene Entscheidungen
nicht oder nur sehr schwer getroffen werden können, vor allem dann, wenn sie mit einer Trennung oder Distanzierung verbunden sind. Wenn es uns gelingt, mit unserem verunsicherten inneren Kind in Kontakt zu kommen, spüren wir auch, was es braucht, um weiterzugehen. So umstritten das Konzept des inneren Kindes ist, Teuschel hält es doch für „vorteilhaft, wenn man an die weitreichenden Entwicklungsmöglichkeiten denkt, die Kinder noch haben.“ Doch damit es zu einer Begegnung mit dem inneren Kind kommen kann, müssen wir einen sehr schweren ersten Schritt gehen:

Schritte aus der Opferrolle

Die eigene Bedürftigkeit akzeptieren
Wir müssen akzeptieren, dass wir Opfer sind. Das widerspricht völlig unserem Ideal eines selbstbestimmten Lebens, in dem wir von niemandem abhängig sein wollen. Die Opferrolle gilt vielen als Zeichen der Schwäche oder gar billige Ausrede, mit der die Betroffenen sich Vorteile verschaffen wollen. Doch Autarkie ist eine Illusion. So konnte die moderne Hirnforschung nachweisen, dass Ausgrenzung im Gehirn das Schmerzzentrum aktiviert. Vielleicht fällt es uns mit diesem Wissen ja leichter uns einzugestehen, dass wir bedürftig sind, dass wir in der Opferrolle stecken. Gelingt es, macht diese Wahrheit uns frei und öffnet den Blick dafür, was wir uns selber geben können.

Distanz gewinnen
Aus der Zuwendung zu uns selbst können wir auch die Kraft schöpfen, Distanz zu schaffen – sowohl zu den Personen, die uns benachteiligen oder schädigen, als auch zu unseren eigenen Einstellungen und Bewertungen, die sich seit der Kindheit in uns entwickelt und die wir nicht mehr hinterfragt haben (zum Beispiel was das Äußern von Gefühlen und Empfindungen angeht). Durch den Abstand entsteht eine Schutzzone, und es wächst unser Gefühl von Kontrolle und Einflussmöglichkeit: Wir können uns gegen neue Benachteiligung wehren. Dies „wird anfangs große Probleme bereiten“ weiß Teuschel und rät deshalb, es zunächst in „ungefährlichen“ Situationen zu üben.

Achtsamkeit im Alltag ist hilfreich, um aus der Opferrolle auszubrechen.
Achtsamkeit im Alltag ist hilfreich, um aus der Opferrolle auszubrechen.

Bewusstheit
Es geht jedoch nicht darum, jede kleinste Benachteiligung zu verhindern. Das wäre extrem stressig und sozial unverträglich. Vielmehr kommt es darauf an, ein Gespür dafür zu entwickeln, wann „ich mich selbstverständlich und ohne nachzudenken abkanzeln, unterbuttern und über den Tisch ziehen lasse.“ Bewusstheit stellt sich meist schon dann ein, wenn wir uns einem Thema zuwenden und auf Entsprechungen im Alltag achten. Achtsamkeitsübungen können zusätzlich eine große Hilfe sein. Sie bringen uns nach und nach in die Haltung eines Beobachters, der nicht mehr dem unheilvollen Automatismus unterliegt, sich nicht zu wehren, sondern aus einem inneren Abstand heraus passender handeln kann. Mit der Zeit gelingt es uns immer besser, „an diejenigen Bereiche zu gelangen, die uns ein Gefühl von Geborgenheit, Schutz, Angenommensein oder einfach von Stimmigkeit vermitteln“, versichert Peter Teuschel.

Entscheidung statt Automatismus
Neben dem bewussten Wahrnehmen und selbstbestimmten Handeln ist die Kontrolle unserer Impulse der Dritte im Bunde auf dem Weg aus der Opferrolle. Wird uns eine Benachteiligung bewusst, packt uns erst einmal eine gehörige Wut. Sie überhaupt zu spüren, kann bereits ein großer Fortschritt sein. Sie jedoch ungefiltert herauszulassen, beraubt uns aller soeben gewonnenen Souveränität. „Die Fähigkeit, in uns aufkommende Impulse in Schach zu halten … ist ein wichtiger Punkt, um innerlich stärker zu werden“, schreibt Teuschel. Aus der inneren Stärke heraus können wir uns eine geeignetere Strategie überlegen. Wenn nicht mehr der innere Wüterich, sondern wir selbst entscheiden, was nach draußen darf und was nicht, erleben wir, wie unsere Macht über uns selbst und unseren inneren Kritiker wächst.

Positive Selbstwahrnehmung
Wenn uns eben dieser innere Kritiker immer wieder von unserer eigenen Wertlosigkeit
überzeugen will, dann „bringt es … nichts, sich mantraartig vorzubeten, wie toll, wichtig oder einmalig man doch sei“, stellt Peter Teuschel klar. Viel besser ist es, sich an konkreten Erfolgen, gelungenen
Aktionen und eigenen Stärken zu orientieren. Und vor allem: sich nicht mit anderen zu vergleichen! So darf Rolf zum Beispiel auf seine ausgebufften IT Kenntnisse stolz sein, ganz unabhängig davon, dass er „nur“ einfacher Angestellter, sein Bruder aber erfolgreicher Anwalt ist. Wir dürfen uns entschlossen dagegen wehren, von anderen erfahrene Abwertung und Ausgrenzung selbst weiterzuführen! Ein eingefleischtes Vergleichen wird nicht von heute auf morgen aufhören. Doch ein untrügliches Zeichen dafür, dass wir auf dem richtigen Weg sind, ist der Punkt, an dem wir über uns selbst lachen können.

Geduld
Das Gefühl oder die Erfahrung, Opfer zu sein, ist nichts, was sich mal eben schnell „aufarbeiten“ ließe wie man ein Auto zur Reparatur bringt. Im Gegenteil: Wir müssen uns darauf einstellen, dass uns diese Opferrolle ein Leben lang begleiten wird. Doch die Auseinandersetzung mit der Opferrolle lohnt sich, auch wenn Phasen der Stagnation oder die Wiederkehr längst überwunden geglaubter Selbstzweifel nicht ausbleiben werden. Stagnationsphasen entstehen deshalb, weil unser Gehirn viele neuartige und positive Erfahrungen braucht, bis es mit Änderungen reagiert. Peter Teuschel vergleicht sie mit der winterlichen Schneedecke, unter der sich die Frühlingsblüher überhaupt erst entwickeln können. „So gesehen ist die Zeit der Stagnation in Wirklichkeit eine Zeit des Wachstums“. Beharrlichkeit in der Auseinandersetzung sowie Geduld mit uns selbst führen zu einem „weitgehend befreiten und glücklicheren Leben.“

Astrid Ogbeiwi

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