Warum wir echte Beziehungen brauchen

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Das menschliche Gehirn wird durch Beziehungserfahrungen mit anderen Menschen geformt und strukturiert. Deshalb sollten wir uns um möglichst viele echte Beziehungen bemühen, wenn wir uns weiterentwickeln wollen. Facebook-Freunde sind da nicht wirklich hilfreich. Der Hirnforscher Gerald Hüther sagt, warum das so ist.

Herr Hüther, was müssten wir tun, um mehr Momente gelingender Beziehung zu erleben?
Das Erste, was man tun müsste, ist, mit „sich selbst ins Reine zu kommen“. Der wunderbare Satz, wer sich selbst nicht liebt, kann auch keinen anderen lieben, bringt es auf den Punkt. Man müsste spüren, dass das eigene Denken, Fühlen und Handeln identisch sind. Dann würde man das erleben, was wir Authentizität nennen. Es könnte allerdings sein, dass man feststellt: Es ist schon lange her, dass ich mich das letzte Mal authentisch gefühlt habe. Authentisch sind vor allem kleine Kinder. Kleine Kinder, die das entwickeln, was man das „authentische Selbst“ nennt. Einen Zustand, in dem sie sich noch nicht an die Erwartungen anderer Menschen angepasst haben. Wo sie bei der Entdeckung der Welt die schönsten Beziehungserfahrungen machen, weil sie die noch selbst gestalten. Das ist eigentlich eine Selbstentdeckung, denn sie machen Erfahrungen über das, was sie selbst können. Diese Erfahrungen führen dann zur Herausbildung des „authentischen Selbst“. In ihrer weiteren Entwicklung müssen sie sich allerdings zunehmend so verhalten, wie das andere wünschen. Das ist ein ziemlich anstrengender Prozess. Häufig wird vergessen, dass dies aber auch von dem Kind gewollt ist. Es ist nicht so, dass sich Kinder deshalb so verhalten, weil man sie dazu zwingt. Kinder wollen dazugehören und können es nicht aushalten, dass sie nicht in den Arm genommen werden von den Eltern; sie können es nicht aushalten, dass sie ausgeschlossen werden. Deshalb sind sie bereit, sich so zu verhalten, wie die Eltern das erwarten. Häufig muss die Mama gar nicht sagen, was sie erwartet. Die Kinder können das schon erahnen. Das führt dann häufig dazu, dass in ihnen eine Erfahrung entsteht, die heißt: Es ist gut, wenn ich brav bin, wenn ich still sitze, wenn ich nicht widerspreche, und wie diese ganzen Erfahrungen so heißen. Und jetzt wird es vollkommen verrückt: Weil diese eben genannten Erfahrungen vom Kind selbst positiv bewertet werden – es hat dem Kind ja geholfen mit den Eltern wieder in Beziehung zu kommen –, identifiziert sich das Kind mit diesen inneren Einstellungen und Haltungen, die es sich dabei im Laufe der Zeit angeeignet hat. Jedes Kind nennt das, wenn es älter wird: Das bin ich. Ich bin ordnungsliebend, ich passe immer schön auf, ich widerspreche nicht.
Dieses „Ich“ ist allerdings nun nicht mehr authentisch. Dieses „Ich“ besteht zum Großteil aus Anteilen, die sich das Kind nur deshalb „ins Hirn gebaut hat“, weil es sonst nicht mehr hätte dazugehören dürfen. Später im Leben ist es schwer, sein „authentisches Selbst“ wiederzufinden. Man müsste sich dazu von all diesen Sozialisationseinflüssen frei machen. Man müsste praktisch zu diesem „authentischen Selbst“ durchtauchen. Solange man aber ein anderes Leben führt als das, was als „authentisches Selbst“ ursprünglich entstanden ist, so lange bleibt man auch mit sich selbst im Widerspruch. Das heißt, man weiß intuitiv, dass man nicht der ist, den man hier vorzugeben versucht. In Momenten gelingender Beziehung erleben wir jedoch, dass wir wieder mit unserem „authentischen Selbst“ in Kontakt kommen.

Was passiert da im Gehirn?
Alle diese frühen Erfahrungen bleiben ja zeitlebens im Gehirn verankert. Die Neurobiologen bezeichnen diejenige Hirnregion, in der alle Erfahrungen abgespeichert werden, als präfrontale Rinde. Hier werden die im Lauf des Lebens gemachten Erfahrungen zu Metakonzepten verdichtet. Die bezeichnen wir dann als innere Haltungen, Überzeugungen oder Vorstellungen. Bisweilen hindern uns manche dieser Einstellungen daran, das wahrzunehmen, was wir wahrnehmen könnten. Deshalb können viele Menschen, wenn sie aus der Kindheit heraus sind, nicht mehr zeichnen oder nicht mehr singen. Sie sind verkrampft, weil sie nicht authentisch sind. Sie sind immer in dem Bemühen, eine Erwartungshaltung zu erfüllen.

Wie sehen Sie die Chancen für Momente gelingender Beziehung in der Generation Facebook?
Innerhalb der jüngeren Generation entsteht eine neue Form von Wir-Gefühl oder zumindest eine „dumpfe“ Form von Wir-Gefühl. Das hat es bisher auf diese Weise auf dem ganzen Globus noch nicht gegeben. Es ist in seiner globalen Ausprägung vollkommen neu und eröffnet eine ganz andere Dimension, in die diese jungen Menschen jetzt aufbrechen. Ein dumpfes Wir-Gefühl ist jedoch noch zu wenig. Was man bräuchte, ist ein Gefühl dafür, warum und wofür wir gemeinsam etwas machen wollen. Erst wenn man weiß, was man gemeinsam machen möchte, entwickelt man ein Wir-Bewusstsein. Dann ist man nicht einfach nur im Wir, weil man zufälligerweise 150 oder 1.500 Leute per Facebook auf der ganzen Welt kennt. Man ist dann im Wir, weil man weiß, dass man bestimmte Probleme dieser Welt nur gemeinsam lösen kann. Dann wird man auch versuchen, diese Gemeinschaften aktiv herzustellen. Wie wollen sie das aber anders machen als über gelingende Beziehungen? Dazu müsste man andere Menschen einladen, ermutigen und inspirieren, mitzumachen, sich anzuschließen.

Heißt das, es gibt Momente gelingender Beziehung auch über virtuelle Welten?
Nein, nicht wirklich. Die gibt es nur in der realen Welt und in vielen Begegnungen. Es kann allerdings passieren, dass ich mit einem Menschen über das Internet in einen Austausch gerate, der dazu beiträgt, besser mit mir selbst in Kontakt zu kommen und die reale Begegnung mit den anderen zu suchen. Was soziale Medien wie Facebook bieten, ist eigentlich nur eine Information von einem anderen. Und diese Information passt entweder in das eigene Gedankengebäude oder sie passt nicht hinein. Wenn es nicht passt, löschen Sie den Kontakt. Wie soll eine gelingende Beziehung zwischen zwei Menschen entstehen, wenn der Austausch zwischen diesen beiden Menschen von einer Person jederzeit manipulierbar ist, wenn der eine den anderen „abstellen“ kann? Eine Beziehung, die von mir bestimmt wird, ist im Grunde genommen keine „richtige“ Beziehung, ist eher so etwas wie Selbstbefriedigung oder Selbstreferenz. Man bestärkt sich in dem, was man sowieso schon die ganze Zeit denkt und fühlt … Ich muss in einer gelingende Beziehung auch bereit sein, mich auf den anderen mit seinen Macken einzulassen. Er muss mich hinterfragen dürfen. Ich darf ihn nicht einfach abstellen können. Und die wichtigste Voraussetzung dafür, dass ich mich auf den anderen einlassen kann, ist Zeit. Man braucht Zeit, um einander wirklich kennenzulernen. Und das ist das, was dieses schnelle Internet häufig nicht zulässt. Es geht dort alles viel zu schnell.

Gerald Hüther promovierte in Biologie und habilitierte sich im Fachbereich Medizin. Er forschte am Max-Planck-Institut für experimentelle Medizin in Göttingen auf dem Gebiet der Hirnentwicklungsstörungen und betrieb neurobiologische Grundlagenforschung an der Psychiatrischen Klinik der Universität Göttingen. Vor allem im Bereich neurobiologischer Prävention.

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