Was dich lebendig macht

Oft genug drängen uns die Anforderungen der Außenwelt dazu, nur noch zu funktionieren. Dann gilt es, sich der seelischen Innenwelt wieder mehr zuzuwenden, um zur inneren Ruhe zurückzufinden. Die Psychotherapeutin und Bestsellerautorin Verena Kast zeigt, wie das gelingen kann.

Wenn wir von der Seele sprechen, sprechen wir vom Lebendigsein. Und für dieses Lebendigsein müssen wir immer wieder auch etwas tun, brauchen wir Nahrung, etwa, wenn wir Lebendigkeit vermissen. Werden wir dann durch irgendetwas seelisch genährt, dann sprechen wir davon, dass uns etwas belebt, animiert, erfüllt hat, manchmal fast ohne unser Zutun. Etwa in alltäglichen Begegnungen: Man lebt so vor sich hin, plötzlich begegnet man einem anderen Menschen, ein Blick, ein Gespräch, nichts Weltbewegendes – und man spürt doch, wie die Lebendigkeit zwischen beiden zunimmt. Man geht weiter und ist auf einmal anders gestimmt als zuvor – man ist animiert, lebendiger, emotionaler, schwungvoller, mutiger, berührt von einem anderen Menschen, berührt von etwas Anderem.

Der Weg führt nach innen

Ein faszinierendes Bild löst eine ungeahnte Resonanz in uns aus, berührt Erinnerungen, Hoffnungen, Gedanken in uns. Animieren kann uns alles Mögliche: ein Buch, eine Geschichte, ein Kunstwerk, Musik, Erfahrungen in der Natur, eine Idee, die uns vielleicht gerade in diesem Moment „gekommen“ ist. Es gibt so unendlich viel Anregungen, wenn wir sie denn erwarten und annehmen – wenn wir uns Zeit dafür nehmen.

Neu beleben kann uns auch unsere eigene Innenwelt: Haben wir einen Traum geträumt, einen sehr schönen oder einen ganz schrecklichen, ein Traum, der uns nachhaltig beeindruckt, vielleicht aber auch aus der Bahn wirft, dann fühlen wir uns belebt. Es mag unangenehm sein – aber es geschieht etwas. Dann denken wir immer wieder an den Traum, an die Bilder, die in ihm vorkamen. Diese Bilder binden unser Interesse, sie verknüpfen sich mit anderen Bildern, die für uns schon wichtig waren, mit Erfahrungen im Alltag, mit Gefühlen, vielleicht auch mit quälenden, aber wir sind belebt, zuversichtlicher – und so verstehen wir unser Leben neu, aus einer neuen Perspektive, vermögen einer Situation einen Sinn abzugewinnen, den wir vorher nicht gesehen haben. Dann hat uns der Traum belebt, hat unser Leben belebt.
Gemeinsam ist diesen Situationen: Sie haben uns in der Seele berührt – wir nehmen dieses Berührtsein wahr – und sind hoffnungsvoller gestimmt…

Verena Kast, Professorin für Psychologie und Psychotherapeutin in eigener Praxis, ist Dozentin und Lehranalytikerin am C. G. Jung-Institut in Zürich. Sie hat zahlreiche, viel beachtete Werke zur Psychologie der Emotionen, zu Grundlagen der Psychotherapie und der Interpretation von Märchen und Träumen verfasst.

Zum Weiterlesen: Verena Kast, Mehr Zeit für die Seele, Patmos Verlag

Den ganzen Artikel finden Sie in unserer Ausgabe bewusster leben 4/2022


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