Was guckst du so?
Malend zu sich selber finden

Frauen denken zu gern an andere, können schwer „Nein“ sagen und leisten einen Großteil der unbezahlten Arbeit. Da kann uns ein Paradiesvogel, der im tiefen Dschungel stoisch auf einem Ast sitzt, ein gutes Vorbild sein. Wie man beim Malen Neues über sich erfahren kann, davon berichtet Lea Marti.

Keck schaut er mich an, auch ein wenig provozierend, als würde er krächzen: „Was guckst du so?“ Ich schaue – dennoch – und frage mich, wer dieser komische Vogel wohl sei.

Strich um Strich
Eine Stunde zurückgespult: Es ist ein Montagnachmittag in einem Mal- atelier. Vor mir hängt ein weißes, leeres Blatt Papier, das mich auffordert, eine Farbe zu wählen. Ein sattes Rot zieht mich in seinen Bann. Ich lege los, ohne eine Idee und ohne einen Plan im Kopf zu haben. Sachte tauche ich meine Finger in den Farbtopf, beginne in der Mitte des Blattes zu malen und lasse meine Hand die Form finden. Es werden kreisende Bewegungen. Langsam fahre ich fort. Und plötzlich taucht er vor meinem inneren Auge auf – ein Vogelkopf. Strich um Strich lasse ich den Vogel wachsen, suche nach seinem Gewand. Es wird eine weiß gefiederte Brust, schwarze Flügel und ein knallgelber Schnabel.
Nun sitzt er da, dieser Paradiesvogel. Meine Malbegleiterin gesellt sich zu mir: „Wer ist denn da auf dem Blatt erschienen?“ Ich schaue – immer noch – und bin etwas schlauer: „Vielleicht eine Art Tukan? Er ist definitiv männlich. Einer, der eine gewisse Nonchalance hat, der sich im handlungslosen Modus sehr wohl fühlt und damit ganz unbekümmert durchs Leben geht. Was die anderen über ihn denken oder sagen, das ist dem Vogel ziemlich egal. ‚Man müsste oder man sollte doch…’, das kommt ihm nicht in den Sinn.“ „Ach“, stöhnt meine Malbegleiterin: „Der ‚man’ ist eh ein ziemlich mieser Typ, den habe ich längst vor die Tür gesetzt.“

Der „man“ – ein mieser Typ
Ich male den Hintergrund dunkelgrün und sinne nach: Noch habe ich es nicht geschafft, den „man“ aus meinem Haus zu bugsieren. Als arbeitstätige Mutter einer einjährigen Tochter mit perfektionistischen Tendenzen ist der Handlungsmodus eher on als off. Damit stehe ich allerdings nicht alleine da. Wir Frauen sind soziale Wesen, denken gern an andere, können schwer Nein sagen und ecken ungern an. Entsprechend wird der Großteil der unbezahlten Arbeit – Haushalt, Kinderbetreuung und Seniorenpflege – von uns Frauen geleistet. Dies, obwohl wir immer häufiger einer Arbeit nachgehen und dabei – hilfsbereit wie wir sind – auch noch gerne die Aufgaben anderer übernehmen.
Es ist definitiv an der Zeit, den Schalter umzulegen. Ob der Tukan mir ein Lied davon singen kann? Stumm bleibt er auf dem Ast sitzen, in seiner nonchalanten Art. Nach dem Motto: „Ich spanne gerade aus. Schau doch später nochmals vorbei.“ Botschaft angekommen! Sie lautet: „Wenn andere rufen, dann muss ich nicht gleich springen.“

Den ganzen Artikel finden Sie in unserer bewusster Ausgabe 4/2019

Möchtest du auch deinem (Fabel-)wesen auf die (Farb-)spur kommen?

  • Nimm ein weißes Blatt Papier in der Größe von A3 bis A4 und Farben (Acryl, Gouache, Farbstifte, Pencils oder Ölkreide), mit denen du gerne kreativ arbeitest. Ich bevorzuge Gouache-Farben und male am liebsten mit den Händen. Damit komme ich im Nu in Beziehung zu dem, was sich auf dem Blatt zeigt. Nun wähle eine Farbe aus, die dich im ersten Moment anspricht – ohne Hintergedanke, was du malen möchtest und ohne Wertung. Die Farbe Schwarz ist mir zum Beispiel zu traurig.
  • Beginne sorgsam in der Mitte des Blattes die Farbe deckend aufzutragen. Lass deiner Hand freien Lauf. Sei achtsam und schalte immer wieder Pausen ein.
  • Erkennst du eine Form? Falls nicht, male langsam weiter. Sei geduldsam. Plötzlich wird sich vor deinem inneren Auge ein Wesen zeigen. Wenn es soweit ist, geht es darum, diesem Charakter Strich um Strich Leben einzuhauchen. Soll eine neue Farbe zum Zug kommen, dann trage diese immer anschließend an die zuvor gemalte Form auf. Lass so das Wesen wachsen, von Innen nach Außen. Ganz zum Schluss kommt der Hintergrund dazu.
    Nun lass das (Fabel-)Wesen auf dich wirken: Was für eine Persönlichkeit hat es? Zeigt es dir bekannte, oder vielleicht verborgene Seiten? Was ist seine Botschaft an dich?

Lea Marti ist personenorientierte Maltherapeutin und geht selbst regelmäßig ins begleitete Malen. Zusammen mit ihrem Mann, Roger Marti, bietet sie Retreats mit Soulpainting, Verbundenem Atem, Ecstatic Dancing, Meditationen und Tage der Stille an. www.curavida.ch

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