Was uns jetzt stark macht

Wie wir in Zeiten von Corona neue Chancen erkennen, unsere seelischen Widerstandskräfte stärken können und vielleicht auch auf ganz neue Ideen kommen, das erklärt die Ärztin und Buchautorin Tatjana Reichhart.

“Wir können den Wind nicht ändern, aber die Segel anders setzen“, schrieb einst der griechische Philosoph Aristoteles (384 bis 322 v. Chr.). Gerade faucht er gewaltig und wir alle versuchen, mit unseren Schiffchen gut durch diese stürmischen Gewässer zu navigieren. Gute Tipps bekommen wir aus allen Richtungen: Medienkonsum einschränken, nur begrenzt Nachrichten hören, soziale Kontakte virtuell pflegen, Sport auch zu Hause machen, Routinen und Strukturen aufbauen und so weiter. Alles hilfreiche Anregungen, die eher als kleine Rettungsringe wirken.

Es geht um den Aufbau von Resilienz

Was jetzt das Wesentliche ist, geht über diese Maßnahmen hinaus: Es geht darum, für unsere persönliche Resilienz zu sorgen und unsere seelische Widerstandsfähigkeit zu stärken. Wie Aristoteles schon sagte, ist das etwas sehr Aktives (indem wir die Segel anders setzen) und nur dann möglich, wenn wir akzeptieren, dass wir den Wind nun einmal nicht ändern können, sondern ihn annehmen müssen, wie er ist. Und da sind wir auch schon mitten drin in den Strategien der Selbstfürsorge, die dazu beitragen, diese und andere Krisen zu bewältigen und sogar an diesen zu wachsen. Mir geht es vor allem um die Aspekte der Akzeptanz, des Vertrauens, der Hoffnung, der Zuversicht und der Selbstwirksamkeit.

Akzeptieren lernen, was ist

In unserer Gesellschaft glauben wir oft, dass uns etwas zustünde, dass es Gerechtigkeit gäbe oder dass sich unsere Wünsche erfüllen, wenn wir es nur richtig machen und uns stark genug anstrengen. In dieser kollektiven Krise erleben wir, dass diese Annahmen oder Glaubenssätze versagen, nicht der Realität entsprechen und vor allem nicht vereinbar mit dem Leben an sich sind. Jede(r) sieht sich nun mit den Auswirkungen des gegenwärtigen Sturms konfrontiert, mit Unsicherheiten, Verlusten, Trauer, Ängsten und Sorgen, mit Hilflosigkeit, Unplanbarkeit, mit Neuem und Veränderungen, mit Widersprüchlichem und mit der Tatsache, dass Kontrolle nur eine Illusion ist. Wir sind alle auf einmal in der „VUCA“-Welt angekommen, ein Akronym, das sich bisher recht theoretisch bezieht auf „volatility“ (Volatilität), „uncertainty“ (Unsicherheit), „complexity“ (Komplexität) und „ambiguity“ (Mehrdeutigkeit). Damit werden vermeintliche Merkmale der modernen Welt beschrieben.

Kontrolle ist nur eine Illusion

Interessant ist, dass wir überhaupt je angenommen haben, dass die Welt und unser Leben stabil, kontrollierbar und frei von Veränderung sein könnte. VUCA ist kein neues Phänomen der „modernen“ Welt. Daran werden wir jetzt erinnert. Die Welt und das Leben sind geprägt von Stürmen und Unsicherheiten, von Krankheitswellen und guten Zeiten. Dieses Auf und ein Ab gehört zum Leben. Nach dem Winter kommt der Frühling, nach dem Unwetter die Sonne, nach der Geburt der Tod und nach dem Tod neues Leben. Jetzt geht es darum, das zu akzeptieren.
Dies gelingt nur, wenn wir genau hinschauen, indem wir uns konfrontieren mit der Realität, mit dem Unangenehmen und nicht, indem wir vermeiden, wegschauen oder versuchen so weiterzumachen wie bisher. Denn erst wenn wir analysieren, was genau wir verändern und beeinflussen können und was eben nicht, setzen wir Energie frei, um unsere Segel zu setzen, um Zuversicht und Selbstwirksamkeit zu entfalten. An nicht Veränderbarem festzuhalten blockiert uns, vergeudet Energie, da es uns in der Vergangenheit und in Illusionen festhält.

Was kann ich beeinflussen, und was nicht?

Akzeptanz ist dabei übrigens nichts passiv Erduldendes, sondern eine aktive Entscheidung: Ich schaue die Situation genau an, ich sehe klar, was ich nicht ändern kann, entscheide mich, den jetzigen Zustand, so wie er ist, anzunehmen, um Energie für die Dinge zu mobilisieren, die ich beeinflussen kann und um dann dementsprechend zu handeln. Das bedeutet in der jetzigen Situation: genau hinschauen und mich fragen, was konkret kann ich beeinflussen, was aber auch nicht. Das Unabänderliche können wir nicht ändern. Konzentrieren wir uns auf das, was tatsächlich in unserer Macht steht. Daraus ergeben sich viele Chancen, die uns stärken und wachsen lassen …

Tatjana Reichhart ist approbierte Ärztin und Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie. Sie ist Autorin des Buches „Das Prinzip Selbstfürsorge“, das im Kösel Verlag erschienen ist. Außerdem bietet Tatjana Reichhart den Kurs „Finde deine innere Stärke“ an.
Weitere Infos finden Sie hier:
www.kitchen2soul.com
www.tatjana-reichhart.de

Den ganzen Artikel finden Sie in unsererer Ausgabe 3/2020

Diesen Artikel teilen

Schreiben Sie einen Kommentar