Weniger Haben, mehr Sein

Warum das Ausmisten, Einräumen und Ordnung­halten ein Akt der Achtsamkeit ist und warum es einfach guttut.

Nach meinem Auszug aus dem Elternhaus mit 19 habe ich erst einmal ganz unbewusst Besitz angehäuft. Das war definitiv eine Phase in meinem Leben, in der ich versucht habe, mich zu finden – auf dem Weg habe ich das eine oder andere Souvenir eingepackt. Jugendlicher Leichtsinn, der „mehr ist mehr“ schreit. Ich hatte eine romantische Shabby-Chic-Phase, eine Leidenschaft für krumme Flohmarktmöbel und eine Vorliebe für skandinavische Schlichtheit. Wenn man die schönsten (und seien wir mal ehrlich: auch die nicht so schönen) Teile dieser Lebensabschnitte zusammen in einen Umzugswagen packt, kräftig durchschüttelt und schließlich in einer verwinkelten Altbauwohnung wieder aufbaut, kann nur eines rauskommen: Chaos. In meinem Fall war das leider kein charmanter Patchwork-Look, der viel über mich aussagt, sondern einfach nur zu viel.

Fast vier Jahre lebte ich in dieser Wohnung, doch so richtig zur Ruhe kommen konnte ich dort nicht. Drei Zimmer mit hohen Decken hatte ich ganz für mich allein. Die meiste Zeit nutzte ich nur zwei davon und das dritte wurde zur unbeliebten Rumpelkammer. Inzwischen weiß ich, dass ich nicht so viel Raum brauche. Als ich schließlich den Entschluss gefasst hatte, nach London zu ziehen, kam die zweite wichtige Entscheidung gleich ganz von selbst: Ich musste meinen Besitz drastisch verkleinern.

Zunächst entschied ich das mehr oder minder aus der Not heraus und weil ich nicht wusste, wie ich den Umzug sonst stemmen sollte. Mit jedem Teil, das einen neuen Besitzer fand, fühlte ich mich langsam ein bisschen leichter. Die liebevoll selbst gestrichene DIY-Kommode in Zitronengelb zog in ein gutes Zuhause ein, meine Familie freute sich über ein neues Regal für das Gartenhäuschen und meine erste selbst gebaute Küche fand glückliche Abnehmer. So dezimierte ich meinen gesamten Hausstand von drei vollgestellten Zimmern auf insgesamt zwölf Umzugskartons. Ich behielt nur wenige ausgewählte Möbelstücke, die mich bei der großen Reise begleiten durften.

Neuanfang Minimalismus

Da stand ich nun in einer leeren Wohnung und blickte auf die wenigen materiellen Dinge und Habseligkeiten, die ich tatsächlich brauchte, um glücklich zu sein. Die initiale Ausmist­aktion hatte bei mir nicht gleich das Ziel „Minimalismus“ gehabt, sondern ich war eher über einen Umweg an dieses Thema herangekommen. Vor allem habe ich bemerkt, dass ich eine Maximalistin im Genesungsprozess bin und niemals ein „Postergirl“ der Minimalismusbewegung sein würde. Das muss ich auch nicht, das muss niemand. Wenn man sich länger in einer bestimmten Situation befindet, fehlt oft die Motivation, etwas zu verändern. Neuanfänge, wie ein Umzug durch einen Jobwechsel oder sogar eine Trennung, fordern uns dann auf eine ganz besondere Weise heraus. Oft haben diese Vorgänge etwas Reinigendes, auch wenn sie mit viel Unbehagen einhergehen.

Zum Weiterlesen:

Jasmin Arensmeier, „Jeden Tag ein bisschen glücklicher“, Südwest Verlag, 24 Euro

Den ganzen Artikelund das 24-seitige Wohnen-Spezial finden Sie in unserer Ausgabe bewusster leben 1/2021

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