Zu sensibel für diese Welt?

Sind Sie besonders sensibel und empfindsam? Wir erklären, welche Eigenschaften und Merkmale dafür sprechen, dass Sie zum Kreis der hochsensiblen oder hochsensitiven Menschen gehören und wie Sie mit dieser Gabe am besten umgehen.


Zu laute Musik, ein schriller Klingelton, ein schreiendes Baby, gleißendes Deckenlicht – für viele ganz normale Alltagsumstände. Doch mache Menschen erleben das als puren Stress und fühlen sich schnell ausgelaugt, erschöpft und müde. Eine solche Empfindlichkeit
ruft bei anderen oft Unverständnis hervor. „Du bist aber zimperlich“, heißt es dann schnell. Dabei sind sie doch nur, was sie sind: hochsensibel. Denn solche Menschen reagieren weitaus stärker auf sinnliche Reize, als es beim Durchschnitt der Bevölkerung der
Fall ist.
Wer hochsensibel ist, verfügt über feiner ausgeprägte fünf körperliche Sinne als andere. Er oder sie hört, sieht, schmeckt, fühlt und riecht differenzierter. Das führt leicht zu einer Reizüberflutung. Hochsensible sind das, was wir im allgemeinen unter „zartbesaitet”
verstehen. Gleichzeitig sind sie dadurch aber in der Lage, viel feinere Informationen wahrzunehmen und zu interpretieren. Ihre „Saiten“ schwingen leichter, um bei diesem Bild zu bleiben. Kein Wunder, dass so viele Hochsensible Künstler sind. Hochsensibel veranlagte
Menschen, auch oft hypersensibel genannt, sind dazu in der Lage, besonders fein und vielfältig wahrzunehmen. Sie können deutlich mehr Informationen und Eindrücke aufnehmen als es bei den meisten Menschen der Fall ist. Dies hat auch zur Folge, dass sie häufig Dinge entdecken, die anderen meist verborgen bleiben.
Zu den von hochsensiblen Menschen besonders intensiv erlebten Eindrücken können beispielsweise eine außergewöhnlich starke Wahrnehmung von Farben und Geräuschen zählen. Zudem sind manche von ihnen dazu in der Lage, mit ihrem Geschmacks- oder
Geruchssinn besonders intensiv und differenziert zu empfinden. Hochsensible Menschen besitzen häufig auch ganz bestimmte Fähigkeiten und Talente. Dazu gehören neben einer detailreichen Wahrnehmung, ein hohes Maß an Fantasie und Kreativität, eine stark ausgeprägte Fähigkeit zum intuitiven Denken oder ein sehr gutes Langzeitgedächtnis.
Zudem sind bei ihnen oft typische Charaktereigenschaften und Wesenszüge anzutreffen wie zum Beispiel ein besonders ausgeprägter Gerechtigkeitssinn, hohe Begeisterungsfähigkeit und ein Hang zum Perfektionismus und damit auch zur Selbstkritik. Meist sind
hochsensibel veranlagte Menschen äußerst harmoniebedürftig.


Hochsensibilität und Hochsensitivität sind ganz besondere Gaben


Darüber hinaus gibt es Menschen, die nicht nur mit den uns allen eigenen fünf Sinnen, sondern auch noch mit weiteren „Sinnen“ außergewöhnlich intensiv und feinfühlig empfinden. Diese Fähigkeit zur verstärkten Wahrnehmung innerer Stimmungen wird abgrenzend zum Bereich der Hochsensibilität als Hochsensitivität bezeichnet. Für die Gründerin der OpenMind- Akadmie Anne Heintze, die sich auf die Potenzialentfaltung bei Hochsensibilität und Hochsensitivität spezialisiert hat, ist Hochsensitivität eine erweiterte
Form der Hochsensibilität. „Wer hochsensitiv ist, muss nicht unbedingt über eine Schärfung der fünf physischen Sinne verfügen. Stattdessen haben solche Menschen einen sechsten oder auch siebten Sinn“, sagt sie.
Hochsensitive sind das, was man allgemein als „hellsichtig” oder „hellfühlig” nennt. Sie sind extrem empathisch, manchmal medial. „Für Hochsensitive ist es selbstverständlich, dass es Energien außerhalb unserer alltäglichen Wahrnehmung gibt, denn sie nehmen sie direkt wahr. Manche Menschen haben diese Fähigkeiten schon seit frühester Kindheit. Bei anderen entwickeln sie sich erst im Erwachsenenalter,“ weiß Anne Heintze. Hochsensitive Menschen weisen ihrer Erfahrung nach auch eine besonders hohe Feinfühligkeit für Stimmungen auf. Es ist für sie eine Selbstverständlichkeit, Energien zu spüren, die sich außerhalb der materiellen Welt befinden. So ist es ganz normal, dass viele hochsensitiv veranlagte Menschen ein ausgeprägtes Interesse für Spiritualität entwickeln.


Hochsensibilität und Hochsensitivität sind also nicht dasselbe.

Häufig treten Hochsensibilität und Hochsensitivität gemeinsam auf, aber nicht immer. Es gibt Hochsensible ohne ausgeprägte
Empathie und ohne die Fähigkeit zu nicht-alltäglichen Wahrnehmungen, und es gibt Hochsensitive, deren alltägliche Sinne eher nur durchschnittlich ausgeprägt sind. Anne Heintze weiß aus dem praktischen Umgang, dass die Unterscheidung der beiden Typen deswegen wichtig ist, „weil beide Personengruppen auch unterschiedliche Bedürfnisse haben.“ Hochsensible Menschen etwa müssen lernen, mit ihrer Empfindsamkeit besser zurechtzukommen. Sie müssen sich Ruhephasen gönnen, ihren Alltag an ihre zartbesaitete Natur anpassen und die Stärken ihrer Besonderheit kennenlernen.
Hochsensitive haben dagegen oft das Problem, dass sie über ihre Wahrnehmungen nur mit wenigen Menschen reden können. Sie müssen lernen, dass sie nicht „verrückt” sind und wie sie ihre Fähigkeiten als Gabe nutzen können. Manchmal müssen sie auch lernen, zwischen alltäglichen und nicht-alltäglichen Wahrnehmungen zu unterscheiden.

Es handelt sich bei beiden Formen um eine Hochbegabung

In vielen Fällen gehen Hochsensibilität und Hochsensitivität mit den für eine Hochbegabung typischen intellektuellen Fähigkeiten einher. Anne Heintze definiert diese Wahrnehmungsbegabung als „eine besondere Form der Hochbegabung, die dem Bereich der
multiplen Intelligenz zuzuordnen ist.“ Das Modell zur multiplen Intelligenz wurde von dem aus den USA stammenden Erziehungswissenschaftler Howard Gardner in den 1980er Jahren entwickelt und basiert auf der Erkenntnis, dass herkömmliche Tests die Intelligenz eines Menschen nur unzureichend abbilden können. Neben der im Rahmen von Intelligenztests im Vordergrund stehenden logisch-mathematischen und verbal-kognitiven Intelligenz, gibt es nach seiner Auffassung eben noch verschiedene weitere Formen von Intelligenz. Dazu gehören beispielsweise räumliche Intelligenz, musikalische Intelligenz oder die naturkundliche Intelligenz. Darüber hinaus gehören auch die Bereiche interpersonelle und extrapersonelle Intelligenz zu dem von Gardner geschaffenen Modell, die auch als soziale und emotionale Intelligenz beschrieben werden.
Für Anne Heintze sind Hochsensibilität und Hochsensitivität zwei unterschiedliche Formen der Hochbegabung auf dem Gebiet der emotionalen und sozialen Intelligenz. Durch ihre Arbeit mit hunderten von hochbegabten, hochsensiblen und hochsensitiven Menschen weiß sie, dass nahezu alle Hochbegabten in einem stärkeren Maße wahrnehmen und fühlen als es bei anderen Menschen der Fall ist. Dementsprechend kann Hochsensibilität auch als Basis für jegliche Form der Hochbegabung betrachtet werden, denn die feinen Wahrnehmungen führen zu einer besonderen Reagibilität des Gehirns und der Informationsverarbeitung. Aufgrund ihrer außergewöhnlich fein ausgeprägten Antennen sind hochsensibel und hochsensitiv veranlagte Menschen anfällig für Reizüberflutungen. Da hochsensible Menschen oft darum bemüht sind, sich davor zu schützen, tendieren sie manchmal auch dazu, sich von der Außenwelt abzuschotten. Für hochsensible Menschen ist es völlig normal, dass sie insbesondere nach von besonderer Kreativität geprägten Phasen, Erholung und Rückzugsräume für sich beanspruchen.


Den Umgang mit solchen Gaben muss man lernen

Wie viele andere Hochbegabte müssen hochsensible und hochsensitive Menschen oft erst lernen, mit ihren besonderen Fähigkeiten umzugehen. Dabei ist es wichtig, dass Hochsensibilität nicht als Fluch empfunden, sondern als eine besondere Gabe akzeptiert wird. So müssen hochsensible und hochsensitive Menschen einen ihren Gaben entsprechenden Beruf und zu ihnen passende Lebenspartner wählen, damit sie ihre besonderen Fähigkeiten ausleben können. Wenn das nicht möglich ist, verkümmert ihre Seele, denn diese will ihr
reiches Potenzial in die Welt bringen. Jeder hochbegabte, hochsensible und hochsensitive Mensch kann aber lernen, mit seinen Gaben umzugehen und sie nicht als Belastung, sondern als echte Bereicherung seines Lebens zu erfahren.
Für all diese Lernaufgaben ist ein großes Maß an Wissen über die eigene Besonderheit wichtig. Die Erkenntnis „Ja, so bin ich” wird durch die Differenzierung von Hochsensibilität und Hochsensitivität erleichtert. „Nur wer sich selbst versteht, kann lernen, seine Besonderheit wertzuschätzen,“ sagt Anne Heintze. Die Akzeptanz der eigenen Besonderheit steht immer am Anfang. Dann geht es darum, seine speziellen Gaben im Alltag auch zu leben, um sie schließlich lieben zu lernen. Wer das geschafft hat, ist in der Lage sein volles Potenzial glücklich zu leben.


Anne Heintze ist die führende Expertin zu den Themen Hochbegabung, Hochsensibilität und Hochsensitivität. Sie ist Coach, Mentorin und Lehrcoach in der Open-Mind-Akademie in der Nähe von Frankfurt und begleitet Menschen auf dem Weg zu beruflichem und privatem Glück.
www.open-mind-akademie.de

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