Zur inneren Ruhe finden

Wie finden wir zur inneren Ruhe? Das fragen wir den Benediktinermönch und Bestsellerautoren Anselm Grün, denn wenn es einer wissen müsste, dann er. Wie kommt dieser Mann dazu, in sich selbst zu ruhen? Hängt das vielleicht auch mit seinem Leben als Mönch zusammen?

Innehalten, Durchatmen, zu sich kommen. Innere Ruhe finden. Danach sehnen sich immer mehr Menschen – weil sie spüren, dass es das ist, was Seele und Körper wieder ins Gleichgewicht bringt. Doch wie kann uns das in einem immer hektischer werdenden Alltag überhaupt gelingen? Rudolf Walter fragt nach bei Anselm Grün, der es eigentlich wissen müsste:

bewusster leben: Als vorhin, nach dem Chorgebet, die Mönche aus der Kirche auszogen, in dem ruhig schreitenden Gang, als ich dieses absolute Fehlen von Hast und Hektik gesehen habe, dachte ich: Ein Bild der inneren und äußeren Ruhe!

Anselm Grün: Das ruhige Gehen und die Prozession beim Auszug der Mönche aus dem Chorraum, das ist wie das Schreiten in der Liturgie: eine Einübung in die innere Ruhe. Ruhe heißt ja nicht, dass ich immer nur ruhig dasitze, sondern dass ich alles in einer Haltung innerer Ruhe tue. Viele haben Angst vor der inneren Ruhe, weil ihre Seele unruhig ist. Und wenn sie äußerlich zur Ruhe kommen, meldet sich erst mal die unruhige Seele, da tauchen dann immer wieder Schuldgefühle auf. Das bezieht sich nicht auf konkrete Fehler, es ist eher das Empfinden: mein Leben ist nicht stimmig, ich habe an mir vorbeigelebt. Aber auch Verletzungen können dann wieder hochkommen … Man kann äußere Ruhe haben, aber die innere Ruhe nicht.

bewusster leben: Was hilft da? Anselm Grün: Um zu wirklicher, auch innerer Ruhe zu kommen ist es wichtig, seine eigene innere Wirklichkeit anzuschauen, nicht dagegen anzukämpfen, auch nicht zu sagen, diese störenden Gedanken müssen doch endlich weg. Wichtig ist, dass ich durch die störenden und durcheinanderwirbelnden Gedanken hindurchgehe in den Grund der Seele. Und im Grund der Seele, da ist schon Ruhe, und da ist bereits Stille. Absolute Ruhe wird man nie erreichen, diese Gedanken werden nicht verschwinden, der Kopf wird immer unruhig sein, aber ich kann das bewusst wahrnehmen und sein lassen, und trotzdem nach unten, in den Grund gehen. Und dort habe ich, zumindest für den Augenblick, so eine Ruhe. Durch das Chaos der Gefühle hindurchgehen, um in den inneren Frei-Raum, den Raum der Stille zu kommen, das hilft.

bewusster leben: Gibt es in unserem Leben überhaupt einen Raum der Ruhe? Dem steht doch schon der allgegenwärtige Lärm entgegen.

Anselm Grün: Die äußere Ruhe ist schon auch wichtig, und ich kann sie suchen: in einem ruhigen Zimmer ist zumindest die Gelegenheit zur inneren Ruhe. Auch ein Kirchenraum ist ruhig und still. Ein Wald ist still und friedlich. Kein Autolärm, nur natürliche Geräusche, Wind, Vögel, das Rascheln des Laubs. Oder wenn ich am Wasser bin, am Fluss oder am Meer, das ruhige Strömen oder die gleichmäßige Bewegung der Wellen. Wasser bringt einen offensichtlich auch in Berührung mit dem Fruchtwasser der frühesten Kindheit, es ruft die Erinnerung an dieses Geborgensein zurück. Ruhe hat auch mit Geborgenheit zu tun, mit einem Sich-getragen-Fühlen.

bewusster leben: Lärm und Stress: Sind das Faktoren, die man akzeptieren muss? Nicht immer kann man dem ausweichen.

Anselm Grün: In einer lärmenden Straße ruhig zu bleiben ist natürlich nicht einfach. Lärm ist einfach störend, er steckt an. Auch wenn viele diesen Krach um sie herum gar nicht mehr hören, er macht etwas mit mir. Die Kunst besteht dann darin, dass ich auch mitten im Trubel versuche, mit meinem inneren Raum in Berührung zu kommen. Wenn ich in der Großstadt mit der U-Bahn fahre, da herrscht meistens Hektik, aber ich kann mir trotzdem meinen Platz suchen – und einfach bei mir sein.

bewusster leben: Äußere Reize kann man vielleicht unterlaufen. Aber wir werden ja auch innen von Antreibern, von Zielvorgaben und allerhand Erwartungen geplagt und auf Trab gehalten …

Anselm Grün: Zunächst: Unruhe ist ja nicht nur schlecht, sie kann als positive Kraft ja auch etwas verändern in meinem Leben. Sie zeigt: Ich bin noch nicht am Ziel. Ich muss oder will noch was erreichen. Sie kann ein Hinweis sein, dass ich meine innere Einstellung ändern oder meine Ziele relativieren muss. Und Vorgaben sind ja nichts Schlechtes. Es wird immer Termine geben. Es gibt immer Ziele in der Firma, es gibt die Erwartungen in der Gesellschaft, in meinem beruflichen oder persönlichen Umfeld. Die Frage ist: Wo muss ich mich den Erwartungen stellen und wo nicht? Wie kann ich darauf reagieren, was muss ich möglicherweise relativieren? Wenn ich in einer Haltung der inneren Ruhe bin, kann ich Herausforderungen sportlich nehmen. Ein Sportler bleibt trotz aller Anspannung und Zielgerichtetheit in einer gewissen konzentrierten Ruhe, er bleibt bei sich und leistet trotzdem – oder vielleicht gerade deswegen – etwas…

bewusster leben: …Aber nicht immer stimmt dieser Vergleich…

Anselm Grün: Natürlich, wenn Vorgaben mich erdrücken, dann tun sie mir nicht gut. Dann muss ich mich dagegen wehren. Wenn ich zerrissen bin und hektisch von einem zum anderen hetze, kommt auch nicht viel heraus.

bewusster leben: Ruhe des Herzens, ein Ideal – Wie würden Sie es beschreiben und wie hängt es mit dem Alltag zusammen?

Anselm Grün: Ruhe heißt: in meiner Mitte sein und aus dieser inneren Mitte heraus auch im Alltag auf die Anforderungen von außen reagieren. Ich lasse mich zwar herausfordern, bin aber immer bei mir selber. Werden wir herausgerissen aus der eigenen Mitte und nur noch von außen bestimmt, dann tut uns das nicht gut.

bewusster leben: Karl Valentin hat einmal gesagt: „Ich wollte mich heute besuchen, aber ich war nicht zu Hause.“ Wie gelingt das: Bei sich selber zu Hause sein? Wie finden wir denn zur Mitte?

Anselm Grün: Da gibt es probate Wege. Innehalten ist einer. Stille kommt von stehen bleiben, stellen, einfach mal stehen bleiben. Innehalten ist auch ein schönes Wort, ich halte inne, um den inneren Halt zu entdecken in mir. Die Meditation ist ein anderer Weg. Alles, was ich bewusst tue, hilft. Auch Bewegung kann zur Ruhe führen, ein Spaziergang, aber auch joggen etwa. Entscheidend ist, dass ich mich frei mache von innerem Druck. Wenn ich spazieren gehe und mich zwinge, in möglichst kurzer Zeit eine bestimmte Strecke zu schaffen, dann nutzt das auch nichts. Musik kann ebenfalls zur Ruhe führen. Auch Lesen.

bewusster leben: Bleiben wir bei der Meditation.

Anselm Grün: Meditation heißt ja, achten auf den eigenen Atem, den Atem nicht verändern, aber ruhig atmen. Ruhig zu atmen kann auch die Seele beruhigen. Christliche Meditation bedeutet: den Atem mit einem Wort zu verbinden. Oder einfach sich vorstellen, beim Einatmen fließt Gottes Geist ein, im Ausatmen lasse ich alle Gedanken, alle Unruhe los und im Einatmen lasse ich Ruhe einziehen.

bewusster leben: Wichtig wäre also, in ein ruhigeres Zeitmaß zu kommen?

Anselm Grün: Es tut jedenfalls gut, sich auf etwas einzulassen, was ruhig geschieht. Es hilft, sich Dingen zu widmen, die man nicht beschleunigen kann. Die Liturgie hat ein bestimtes Zeitmaß, aber auch jedes Fest: Weihnachten dauert zwei Tage. Und wenn man ein gemeinsames Fest feiert, lässt man sich Zeit, etwa beim Essen. Liturgie und Fest sind ja immer auch Erinnerung an die Vergangenheit, haben also einen größeren Zeithorizont und befreien so aus der Hektik. Man verankert sich dann auch in anderen, größeren Zeiträumen und flattert nicht so in der eingeengten Aktualität hin und her.

bewusster-leben: Können auch konkrete Räume zur Ruhe führen?

Anselm Grün: Ja, genauso wie es Zeit-Räume, Zeit- Fenster der Ruhe gibt, so gibt es architektonisch gebaute Stille: Räume, die Stille atmen und Ruhe erfahrbar machen. Kirchenräume etwa, wo ich einfach nur sitzen kann, ohne Druck, etwas leisten zu müssen. Ein Raum, der Ruhe ausstrahlt, ist immer ein einfacher Raum. Einfachheit, Klarheit und Ruhe gehören zusammen. Und es gibt Räume, die unruhig sind. Ein nur funktionales Großraumbüro etwa. Aber auch wenn ein Zimmer zu vollgestellt ist mit Möbeln, eine Rumpelkammer …

bewusster-leben: Ruhe heißt ja nicht: nichts tun. Aber braucht man nicht auch im übertragenen Sinn Freiräume, Räume der Muße?

Anselm Grün: Für die Griechen war Muße immer der Ort, über die wichtigsten Dinge nachzudenken, innezuhalten, wieder im Inneren Halt zu finden. Wer auf diese Weise präsent, also achtsam in der Gegenwart ist, wer mit seinem Innern, also mit dem Herzen ganz dabei ist, der wird auch im Tun in der Ruhe sein, befreit gleichermaßen von der Hektik und von der Zerstreuung.

bewusster-leben: „Unruhig ist unser Herz bis es ruht in dir“: Wie ist das Wort von Augustinus zu verstehen? Anselm Grün: Sicher nicht so, dass wir erst im Tod, in der Ewigkeit, Ruhe finden. Ein Grund unserer Unruhe sind ja die tausend Wünsche, die uns umtreiben. Das Ego will, Kopf und Bauch wollen, jeder will mehr und immer wieder etwas anderes, Neues. Und darum geht es: diese Nimmersattheit loslassen, in Gott ausruhen, sich in ihn hinein fallen lassen. Seine unerschöpfliche Gegenwart erfüllt die tiefsten Sehnsüchte, und bei ihm habe ich alles, was ich brauche. Aber diese Ruhe finde ich nur, wenn ich mein Ego und seine Bedürfnisse loslasse. Es gibt den Psalmvers: „Nur zu Gott hin wird stille meine Seele.“ Wenn ich in der Kirche sitze, dann kann ich genau das erfahren: Ja, jetzt ist meine Seele still, ich brauche jetzt nichts, ich bin bei Gott, bin vor ihm still, ich muss gar nichts tun, mich nicht beweisen.
Das Interview führte Rudolf Walter

Das Interview finden Sie in unserer Ausgabe bewusster leben 04-2016

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