Unsere inneren Kinder spielen auch in der Partnerschaft eine zentrale Rolle. Allzu schnell übernehmen sie in schwierigen Momenten das Ruder und lassen uns genauso reagieren wie damals: trotzig, wütend oder verzweifelt. Wir zeigen, dass es auch anders geht.
Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne. Und nichts ist zauberhafter als der Beginn einer neuen Liebe. Wir fühlen uns unbeschwert wie fröhlich spielende Kinder. Es gibt kaum Konflikte, alles scheint perfekt und sogar mit uns selbst sind wir ziemlich im Reinen. Verliebtsein ist kinderleicht. In dem Moment sind auch unsere inneren Kinder – diese verletzlichen Anteile unserer Psyche, die wir alle in uns tragen – rundum zufrieden und zeigen sich von ihrer besten Seite. Kurzum: „Wir genießen diese lebendigen, freundlichen inneren Kinder an uns selbst und an unserem Partner oder unserer Partnerin“, so der erfahrene Paartherapeut Roland Kachler.
Absturz von Wolke sieben
Unter „inneren Kindern“ versteht Kachler keine reine Metapher, sondern autonome Persönlichkeitsanteile mit eigenen Gefühlen, Wünschen, Sehnsüchten und Bedürfnissen, die wir als Kinder und Jugendliche erlebt haben. Tief im biografischen Gedächtnis verankert speichern sie zum Beispiel auch unser damaliges Aussehen oder besonders prägende Erlebnisse. Verlieben sich zwei Menschen, fühlen sich meist auch ihre inneren Kinder gesehen und schenken sich gegenseitig Nähe, Anerkennung und Trost.
Doch früher oder später kommt der Moment, in dem unser angebetetes Gegenüber anfängt, komisch zu werden. Dann bekommt der tolerante Traummann einen Wutanfall, weil die Partnerin vergessen hat, seine Lieblingsmarmelade zu kaufen. Und die charmante Geliebte bestraft den Partner mit eisigem Schweigen, ohne den Grund dafür zu verraten. Oft stören aneinander dann gerade diejenigen Eigenschaften, die zuvor besonders gefielen: Großzügigkeit verwandelt sich in Verschwendungssucht, das angenehme Harmoniebedürfnis entpuppt sich als Flucht vor Konflikten, die souveräne Gelassenheit als grausame Gefühlskälte.
Enttäuschung als Chance
Und plötzlich fühlen wir uns wie aus dem Paradies vertrieben und verstehen nicht, warum. Als Reaktion darauf verlieren wir uns in der ewigen Schuldsuche, trennen uns oder starten verzweifelte Versuche, den anderen unseren Vorstellungen entsprechend anzupassen. Den Aufstand unserer zeitweilig verstummten „schwierigen“ inneren Kinder bemerken wir nicht. Doch nur wenn wir den schweren Ballast erkennen, den sie in die Beziehung hineinschleppen, haben wir als Paar eine Chance. Schließlich entstehen die meisten Konflikte nicht aus aktuellen Anlässen, sondern aus alten Wunden kindlicher Seelenanteile. „Es ist, als würden zwei Kinder im Sandkasten um das Spielzeug streiten. Genau hier liegt der verborgene Kern vieler Beziehungsprobleme“, weiß Kachler aus seiner langjährigen Arbeit mit Paaren zu berichten.
Die rosarote Brille abnehmen
Haben wir die rosarote Beziehungsbrille erst einmal abgenommen, folgt die Enttäuschung fast zwangsläufig. Dann ist es hilfreich, die Enttäuschung beim Wort zu nehmen und uns offen und ehrlich zu fragen, wie realistisch unsere Erwartungen waren. Denn meist ist unser Lebensmensch weder so makellos, wie wir am Anfang glaubten, noch so entsetzlich, wie es sich in der Enttäuschungsphase anfühlt. „Es gehört zur Reifung einer Beziehung, zu erkennen, dass nicht jede romantische Vorstellung aus der idealisierten Verliebtheitszeit dauerhaft erfüllbar ist“, rät Kachler. „Manche Wünsche bleiben offen – das darf bedauert, sollte aber auch akzeptiert werden. So entsteht aus der idealisierten Verliebtheitsliebe eine erwachsene Partnerschaft, die mit Unvollkommenheit gelassen umgehen kann.“
Veronika Schantz
Zum Weiterlesen: Roland Kachler, Liebe kinderleicht. Innere Kinder versöhnen und Paarkonflikte lösen, Junfermann Verlag, 22 Euro
Den ganzen Artikel findest du in unserer bewusster leben Ausgabe 1/2026



