Ein stiller Moment vor dem Spiegel kann zum kraftvollen Ritual werden – wenn wir uns nicht bewerten, sondern bewusst mit Freundlichkeit begegnen. Natascha Hödl lädt zur Selbstliebe und dazu ein, wie ein freundlicher Blick auf uns zu mehr innerer Ruhe und Gelassenheit führen kann.
Es gibt diesen unscheinbaren Moment am Morgen, in dem wir uns selbst zum ersten Mal begegnen. Noch zwischen Traum und Wachsein werfen wir einen Blick in den Spiegel – oft begleitet von flüchtigen Urteilen wie „zu müde“ oder „nicht ganz da“. Automatisch prägen sie die Stimmung des Tages. Dabei trägt dieser Augenblick eine stille Möglichkeit in sich. Er ist eine Schwelle: die Chance, uns nicht als Objekt der Bewertung zu sehen, sondern als Mensch – verletzlich, lebendig, voller Möglichkeiten. Als vertrauten Begleiter mit einer Geschichte, mit Erfahrungen und mit einer Seele, die all das mitschwingend trägt.
Wie gut, dass du da bist
Wenn wir diesen Moment bewusst wahrnehmen, verändert sich sein Klang. Im Spiegel erscheint kein Gesicht, das korrigiert werden muss, sondern jemand, der Zuwendung verdient. Ein Atemzug genügt, um präsenter zu werden. Der Blick wird weicher, der Raum weiter. Wir dürfen uns freundlich anschauen – bis hinein in die eigene Seele. Was wäre, wenn dieser Moment keine Routine mehr wäre, sondern eine stille Einladung? Uns nicht nur äußerlich zu sehen, sondern innerlich anzukommen. Zu spüren, wie es uns geht und was wir brauchen. In dieser bewussten Selbstbegegnung liegt eine leise, heilsame Kraft. Sie braucht keine Worte, nur einen gütigen Blick, der sagt: Ich sehe dich. Und es ist gut, dass du da bist.
Der Spiegel als Ort der Begegnung
Wir sind es gewohnt, unser Spiegelbild zu untersuchen wie ein Objekt: zu prüfen, was passt, was verbessert werden könnte, was uns stört. Diese Haltung ist uns so vertraut geworden, dass wir kaum bemerken, wie sehr sie den Blick verengt. Hinter der Oberfläche, hinter Licht, Schatten und Konturen steht jedoch ein Mensch – kein Bild, keine Aufgabe, keine Sammlung von Merkmalen. Ein Mensch mit einer Geschichte, die ihn geprägt hat; mit Hoffnungen, die vielleicht verborgen, aber nicht verloren sind; mit Wunden, die gesehen werden möchten; und mit einer Schönheit, die nichts mit Perfektion zu tun hat. Ein Mensch mit einer Seele, die sich danach sehnt, erkannt zu werden. Genau dieser Mensch begegnet uns jeden Morgen. Und er verdient dieselbe Freundlichkeit, die wir anderen selbstverständlich schenken würden.
Ein Blick in die eigene Seele
Wenn wir uns im Spiegel bewusst zuwenden, entsteht ein momentaner Perspektivwechsel. Es ist, als würden wir einen Schritt zurücktreten und gleichzeitig näher zu uns selbst kommen. Das Spiegelbild wird nicht länger zur Kontrolle genutzt, sondern zur Kontaktaufnahme.
Natscha Hödl
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