Mit Yin Yoga in die Stille finden

Wir wissen viel über Entspannung und finden sie im Alltag dennoch oft nicht. Dabei kennt unser eigener Körper den Weg in die Ruhe. Wir müssen ihm nur erlauben loszulassen. Wie das gelingen kann, zeigt uns die Yogalehrerin Elisa Leykauf

Wann hast du zuletzt wirklich tiefe Ruhe gespürt? Diesen Zustand, in dem kein Gefühl und kein einziger Gedanke mehr da sind, sondern einfach nur gar nichts. Ohne die ständige Last der ganzen Welt auf den Schultern. Keine Aufgaben im Hinterkopf, keine Liste von Dingen, die du nicht vergessen darfst. So leicht und befreit von der unterschwelligen Unruhe, die oft einfach da ist, auch wenn gerade eigentlich alles okay scheint. Das Herz schlägt langsam, der Atem fließt stetig und der Kopf ist klar.

Die paradoxe Sehnsucht nach Ruhe

Eigentlich wissen wir, was wir brauchen, um in diesen Zustand zu gelangen. Dass wir Pausen benötigen Schlaf, Ruhe und Zeit für uns. Wir haben Artikel darüber gelesen und Podcasts dazu gehört. Vielleicht meditieren wir sogar regelmäßig – zumindest versuchen wir es. Und trotzdem: Die Stille mag sich nicht wirklich einstellen, und wenn, dann bestenfalls nur für einen kurzen Moment. Vielleicht finden wir sie in unserer wöchentlichen Yogaklasse, aber nicht so, dass sie anhält und bleibt, nachdem das letzte Räucherstäbchen erloschen ist. Dass wir die Stille immer wieder verlieren, ist kein persönliches Versagen, sondern Ausdruck unseres Nervensystems in einer Welt, die eigentlich viel zu schnell für uns Menschen geworden ist. Ein dauerhaft in Alarmbereitschaft versetztes Nervensystem hat oft Schwierigkeiten, mühelos zwischen Spannung und Relaxation zu wechseln. Und so kann unser System für Ruhe und Regeneration auch seine Aufgaben nicht mehr gut genug erfüllen, weil der Kampf-oder-Flucht-Modus dauerhaft die Führung übernommen hat. Die Folge: Unser Körper hält sich in ständiger Reaktionsbereitschaft, auch wenn keine wirkliche Bedrohung da ist. Der Geist findet keine Rast, die Gedanken und Erfahrungen eines jeden Tages kreisen immerzu um uns selbst und können nicht richtig verarbeitet und integriert werden. Selbst in ruhigen Momenten ist die Anspannung spürbar und die Last unendlich schwer.

Yin Yoga hilft uns, zur eigenen Mitte zu finden

Für mich fühlt sich das manchmal so an, als müsse mein Kopf tausend Erinnerungen gleichzeitig festhalten. In so einem Zustand wird Entspannung anstrengend, weil wir nicht mehr einfach abschalten können. Selbst wenn wir es wollten, rattern die Programme im Untergrund weiter. Und manchmal wollen wir die Ruhe auch gar nicht. Denn wir fürchten es, still zu werden, weil wir dann zuhören müssten, was uns die Gedanken erzählen. Wir würden mit den Themen konfrontiert werden, die wir doch schon längst gekonnt in uns selbst verborgen halten.
Diese tiefe Sehnsucht nach Ruhe kennen wir alle. Wie merkwürdig, dass wir unsere Welt auf eine Art gestalten, die uns die Möglichkeiten nimmt, sie zu finden. Wir meiden das, was wir am meisten brauchen – etwas zutiefst Menschliches. Aber wir können diesen paradoxen Kreislauf nicht verlassen, indem wir darüber nachdenken. Mit dem Kopf allein finden wir keine innere Ruhe.

Stille beginnt, wenn der Kopf loslässt

Meiner Erfahrung nach wollen gerade bewusste Menschen gerne alles verstehen. Wir sammeln Wissen über uns selbst, aber das Sich-Bewusst-Werden allein ist nicht der Weg. Denn Ruhe ist keine kognitive Leistung. Wir können uns nicht in Entspannung hineindenken oder sie erzwingen. Stille lässt sich weder analysieren noch planen oder mit bloßer Willenskraft herbeiführen. Der Kopf allein allein führt uns nicht zur Stille. Oft steht er ihr sogar im Weg.

Den ganzen Artikel und sanfte Yoga-Übungen findest du in unserer bewusster leben Ausgabe 4/2026

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