Ich habe mich für das Leben entschieden


Andrea Ammann, Mentorin für Frauen mit Essstörungen, über ihre Reise aus der Bulimie in ein freies, glückliches und selbstbestimmtes Leben.

Wenn ich heute an diesen einen Abend im Mai 2004 zurückdenke, sehe ich jedes einzelne Bild noch glasklar vor mir: Ich sitze auf der Couch. Auf meinem Arm liegt meine sechs Monate alte Tochter. Ganz friedlich trinkt sie an meiner Brust, geborgen auf einem weichen Stillkissen. Ihre große Schwester sitzt auf dem Boden, spielt mit ihren Puppen und singt dabei leise vor sich hin. Es ist einer dieser Momente, die von außen betrachtet nach Liebe, Geborgenheit und Familienglück aussehen.

Niemand hätte auch nur ansatzweise erahnen können, was sich in meinem Inneren in diesem Augenblick abgespielt hat. Denn kurz zuvor hatte ich ein Kilogramm Brot gegessen, bestrichen mit 250 Gramm Butter und einem ganzen Glas Konfitüre. Dazu noch elf Wiener Würstchen. Damit das Erbrechen anschließend leichter gehen würde, folgte noch ein Liter Eis. Alles in mir drängte in diesem Moment nur noch in eine Richtung. Ich wollte ins Badezimmer gehen, um diese unerträgliche Spannung in mir endlich loszuwerden. Doch meine Tochter hatte Hunger und brauchte ihre Mama. Also saß ich da – äußerlich ganz ruhig, innerlich vollkommen vollgefressen und zerrissen zwischen einer tiefen Liebe zu meinen beiden Kindern und der Bulimie, die mich seit zwanzig Jahren fest im Griff hatte. Ich war komplett erschöpft und total überfordert vom ständigen Verstecken, den Lügen und Ausreden und der Organisation meines gesamten Alltags rund ums Fressen und Kotzen. Vor allem aber war ich müde geworden, jeden einzelnen Tag gegen mich selbst anzukämpfen.

Zwischen Anpassung und Unsichtbarkeit

Ich wurde am Frühlingsanfang 1972 geboren und wuchs mit meinen Eltern und meinen beiden Brüdern in einem Dorf am Untersee auf. Nach außen hin waren wir eine ganz normale Familie. Hinter verschlossenen Türen sah unsere Wirklichkeit jedoch anders aus, denn die Beziehung meiner Eltern war von Konflikten geprägt. Als kleines Mädchen hatte ich immer wieder Angst, dass sie sich etwas antun könnten. Für ein Kind gibt es kaum etwas Verunsicherendes, als wenn die Menschen, die Sicherheit geben sollten, selbst keinen Halt finden. Ohne es bewusst zu merken, entwickelte ich schon früh eine außergewöhnlich feine Wahrnehmung. Ich spürte Stimmungen, bevor jemand auch nur ein Wort sagte, beobachtete mein Umfeld aufmerksam und versuchte ständig einzuschätzen, was als Nächstes passieren könnte. Über Ängste oder Gefühle wurde in meinem Elternhaus wenig gesprochen. Also lernte ich, sie nicht zu zeigen. Ich wirkte glücklich und zufrieden und lachte, obwohl mir oft zum Weinen zumute war. Ich passte mich an, um bloß niemandem zur Last zu fallen. Mit jedem Jahr wurde diese Fassade nach außen stabiler, während ich mein Inneres selbst kaum noch spürte und mich selbst immer mehr verlor.
Dabei war ich eigentlich ein neugieriges, aufgewecktes Mädchen. Ich stellte viele Fragen, lernte gerne und war sowohl in der Schule als auch im Sport sehr erfolgreich. Doch als strebsam zu gelten, erzeugte Aufmerksamkeit – und das fühlte sich für mich nicht sicher an. Ich wollte dazugehören, nicht auffallen und vor allem nicht anders sein als die anderen.

Der Tag, an dem mir der Boden unter den Füßen weggezogen wurde

Mit 16 Jahren brach von einem Moment auf den anderen meine ganze heile Welt zusammen. Ich wurde vergewaltigt – ein Erlebnis, das mich völlig aus der Bahn warf. Auf den ersten Schock folgten tiefe Hilflosigkeit und ein Gefühl des Unbegreiflichen. Ich schrieb mir selbst die Schuld für das Geschehene zu, so konnte ich das Gefühl von Ohnmacht besser aushalten. In diesem Moment verlor ich jeden inneren Halt, jegliches Vertrauen und vor allem die Verbindung zu mir selbst. Tief in mir spürte ich, dass mich keine Schuld traf, doch ich fand keinen Weg, mit der überwältigenden Ohnmacht umzugehen. Über das Erlebnis gesprochen habe ich mit niemandem. In der stillen Hoffnung, meine Eltern würden trotzdem merken, dass etwas nicht stimmte, fing ich an, kaum noch zu essen. Damit überdeckte die körperliche Leere die emotionale und drängte sie zurück.

Um Ruhe zu haben, begann ich wieder zu essen

Als ich immer mehr Gewicht verlor, schickte mich meine Mutter schließlich zur Frauenärztin. Damals hätte ich dringend jemanden gebraucht, der mich einfach ansieht und sagt: “Andrea, erzähl mir, was passiert ist.” Doch niemand fragte mich, warum ich nichts mehr aß. Weil sich mein Gewicht zunächst kaum veränderte, schickten sie mich zu einem Psychologen. Ich erinnere mich noch gut an sein Therapiezimmer. Es war dunkel, verraucht und voller Aktenstapel. Mir gegenüber saß ein älterer Mann, zu dem ich keinerlei Vertrauen aufbauen konnte. Auch dort wurde ich weder gesehen noch wirklich verstanden.
Um möglichst schnell wieder meine Ruhe von der Ärztin und dem Therapeuten zu haben, begann ich wieder zu essen. Erst vorsichtig, dann immer mehr, immer gieriger. Ich stopfte mich so voll, dass ich nach ein paar Wochen wieder mein Normalgewicht erreichte. Im Inneren fühlte ich mich nach wie vor ohnmächtig, leer und zutiefst verwirrt.

Nach außen war alles wieder perfekt. Niemand machte sich mehr Sorgen oder stellte Fragen. Genau das wollte ich erreichen. Mit dem vielen wahllosen Fressen kam jedoch eine neue Angst auf. Ich war überzeugt, dass ich schon bald wie ein Nilpferd aussehen würde, wenn ich so weitermachte. Irgendwann erschien mir eine Lösung völlig logisch: Wenn ich mich nach dem Essen übergebe, kann ich essen, so viel ich will, ohne zuzunehmen. Also tat ich genau das. Für wenige Augenblicke war ich erleichtert und fühlte mich richtig machtvoll. Mein Schmerz war wie betäubt, die Angst vor dem Zunehmen verschwunden und die Menschen um mich herum ließen mich endlich in Ruhe. Das Gewicht hat ja gepasst.

20 Jahre Bulimie – und nichts half

Doch so viel ich auch aß, das große Loch, die unendliche Leere in meinem Innersten, war immer noch da. Ich fühlte mich schuldig, schmutzig und falsch. Das Kotzen wurde zur täglichen Gewohnheit, um mich von dem meist selbst auferlegten Druck kurzzeitig zu befreien. Schon bald organisierte ich mein Leben rund um die Bulimie herum. Freunde, Hobbies, soziale Kontakte – all das rückte immer weiter in den Hintergrund. 90 Prozent meiner täglichen Gedanken drehten sich ums Fressen und Kotzen. Im Beruf funktionierte ich dabei weiterhin hochprofessionell, sodass niemand meine Sucht bemerkte.
Bis zu 20-mal täglich kontrollierte ich mein Gewicht. Die Zahl auf der Waage bestimmte mein gesamtes Wohlbefinden. An freien Wochenenden gab es Tage, an denen ich von früh bis spät in die Nacht nur gefressen und gekotzt habe. Die einzigen Unterbrechungen waren Einkäufe, um wieder gewaltige Mengen an Essen zu besorgen. Dieser Teufelskreis wiederholte sich so oft, bis ich völlig erschöpft zusammenbrach.

Der Fokus lag allein auf meinem Gewicht

In diesen schlimmen Phasen versuchte ich alles, um zu heilen – von Gesprächstherapie, über Bewegungstherapie bis hin zur Elektro-Akupunktur. Doch eigentlich war ich noch gar nicht bereit, diese Sucht loszulassen. Irgendwann hielt mir das Leben einen Spiegel vor: Ein Arbeitskollege kämpfte mit einer Alkoholabhängigkeit. In ihm erkannte ich mich plötzlich selbst und entschied mich mit großer Hoffnung auf Heilung für einen stationären Aufenthalt. Von Anfang an war der Druck, den die Mitarbeiter auf mich ausübten, groß. Ich musste unterschreiben, dass ich in einer gewissen Zeitspanne x kg zunehmen musste, ansonsten hätte ich die Klinik wieder verlassen müssen. Wieder einmal lag der Fokus allein auf dem Gewicht statt auf den Ursachen in der Tiefe der verletzten Seele. Schon nach kurzer Zeit spürte ich, dass dieser Weg für mich keine Heilung bedeutete.

Nach außen schien unser Leben harmonisch

Damals fühlte sich das wie ein weiteres Scheitern an. Heute weiß ich, dass selbst diese Erfahrung wichtig war. Denn genau während dieser Zeit lernte ich den Mann kennen, der später Vater meiner beiden älteren Töchter werden sollte. Ich fühlte mich bei ihm damals sicher und geborgen. Als meine älteste Tochter geboren wurde, glaubte ich, nun würde alles anders werden. Ich liebte dieses kleine Wesen vom ersten Augenblick an und wollte ihr die Mutter sein, die sie verdient hatte. Nach außen schien unser Leben harmonisch und erfüllt, innerlich fühlte ich mich jedoch oft einsam – nicht, weil mein Mann mir das Gefühl gab, allein zu sein, sondern weil ich mit mir selbst nicht im Reinen war. Auch während meiner zweiten Schwangerschaft bestimmten Fress- und Brechanfälle meinen Alltag. Nach wie vor kotzte ich bis zu zehnmal täglich. Um für mein Baby bestmöglich zu sorgen, schluckte ich die doppelte Menge an Schwangerschaftsvitaminen und wartete nach der Einnahme mehrere Stunden mit dem Erbrechen.

Als unsere Ehe immer mehr zerbrach, drängte mich mein Mann zu einer Paartherapie. Nach der ersten gemeinsamen Sitzung entschied ich jedoch, die weiteren Termine alleine wahrzunehmen. Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich das Gefühl, dass mich jemand wirklich sah. Diesem Therapeuten ging es nicht um Kalorien, nicht um mein Gewicht und nicht darum, mich zu kontrollieren. Schritt für Schritt fand ich wieder einen liebevollen Zugang zu meiner Wahrnehmung, meiner Intuition, zu meinem Körper und zu meinem Herzen. Während sich innerlich langsam etwas veränderte, wurde mein Alltag im Außen immer belastender. Ich führte ein Geschäft, organisierte Festivals, war Ehefrau und zweifache Mutter, dazu die immer extremer werdende Beherrschung durch die Bulimie. Irgendwann hatte ich das Gefühl, nichts mehr kontrollieren zu können. Die Verantwortung wuchs mir über den Kopf. Ich konnte und wollte so nicht mehr weiter leben.

Der Tiefpunkt, der mich zurück ins Leben brachte

An diesem Abend im Mai 2004 wusste ich nicht mehr weiter und war bereit, mein Leben zu beenden. Ich sehnte mich so sehr nach Ruhe und Frieden in mir. Dann sah ich völlig gedankenverloren und mit Tränen im Gesicht meine beiden unschuldigen, zauberhaften Mädchen an und es geschah etwas, das ich bis heute nicht erklären kann. Mitten in meinem inneren Chaos der absoluten Überforderung hörte ich eine sanfte Stimme, die flüsterte: “Andrea, deine Kinder brauchen dich und das Leben hat noch Großes mit dir vor.” Diese Worte haben mein Vorhaben und mein Leben schlagartig verändert. Zum ersten Mal wurde mir bewusst, dass ich schon immer eine Wahl gehabt hatte.

Lange Jahre lang hatte ich geglaubt, Opfer meiner Vergangenheit, meiner Umstände und meiner Krankheit zu sein. Doch in genau diesem einen Moment war da auf einmal eine Klarheit, wie ich sie noch nie zuvor erlebt hatte. Seitdem habe ich nie wieder gekotzt. Ich hörte auf, nach Ausreden zu suchen. Stattdessen entschied ich mich, vollkommen ehrlich mit mir zu sein und die volle Verantwortung für mich und mein Leben zu übernehmen – auch dann, wenn der Weg unbequem war und mich vor große Herausforderungen stellte. Schritt für Schritt ging ich weiter. Ich lernte, meinem Körper wieder zuzuhören, ihn zu achten und ihm das zu geben, was er wirklich braucht. Heute bin ich dankbar für jede einzelne Herausforderung und vor allem dafür, mich damals für mein Leben entschieden zu haben.

Andrea Ammann ist Mentorin für Frauen mit Essstörungen und gilt als Stimme für stille Krisen hinter perfektem Funktionieren. Nach eigener Bulimie-Erfahrung lebt sie heute stabil und in allen Lebensbereichen frei. Sie begleitet leistungsstarke Frauen, die im Außen alles im Griff haben – und im Inneren nicht mehr können. Ihre Arbeit steht für Tiefe, Wahrhaftigkeit und die Rückkehr zu echter, gelebter Freiheit. www.andrea-ammann.com


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