Die Happiness-Lüge

Anna Maas über positives Denken und über die Tatsache, dass Frauen und Mädchen von Toxic Positivity besonders stark betroffen sind.

Auf Instagram und Co. wird Optimismus bis zum Umfallen gepredigt. „Good vibes only! Mach das Beste draus! Sieh’s doch mal positiv!“ Aber lassen sich negative Gefühle wirklich einfach wegmeditieren? Können wir uns allen Ärger und Frust beim Yoga von der Seele atmen? Und ist tatsächlich etwas dran an dem viel zitierten „Law of Attraction“, das unser Schicksal ganz allein in unsere Hände legt, frei nach dem Motto „Wer positiv denkt, dem widerfährt Gutes“?
Anna Maas ist sich sicher: Nein! Denn durch die allgegenwärtige Glückssuche entsteht Druck: Jeder muss immer positiv denken, für negative Emotionen ist kein Platz. Wer es nicht „schafft“, optimistisch zu bleiben, hat versagt. Dieses Phänomen hat einen Namen: „Toxic Positivity“. In „Die Happiness-Lüge“ begibt sich Anna Maas auf die Spuren einer gesellschaftlichen Ideologie, die dazu anregt, alle negativen Gefühle und Gedanken einfach wegzudrücken, anstatt sich mit ihnen auseinanderzusetzen. In ihrem Buch untersucht die Journalistin, was wirklich dran ist an dem Zwang zum Glücklichsein. Anhand ihrer eigenen Erfahrungen und der Meinungen zahlreicher Expertinnen erklärt sie, warum eine positive Lebenseinstellung um jeden Preis wenig hilfreich ist – und uns sogar schaden kann.

Wann wird positives Denken toxisch?

Die Ideologie des positiven Denkens verspricht uns, ein glücklicheres Leben zu führen, indem wir einfach nur umdenken. Frei nach dem Motto: Du kannst die Umstände nicht ändern, aber du kannst ändern, was du daraus machst. Im Umkehrschluss bedeutet das aber auch: Wer nicht glücklich ist, ist selbst schuld. Wenn du ein Tief hast, wenn du genervt bist, wenn du dich unfair behandelt fühlst, dann ist das dein Problem. Du musst umdenken. Du bist verantwortlich für deine Emotionen. Also: Mach dich locker und arbeite an deinem Mindset! Diese Einstellung halte ich für toxisch. Niemand ist davor gefeit, Unglück, Schmerz, Trauer oder den ganz alltäglichen Stress zu erleben – diese Emotionen zu verdrängen, ist ungesund und baut wahnsinnig viel Druck auf. Emotionen anzunehmen und zu akzeptieren bringt alle weiter, denn nur so können wir uns selbst und anderen näherkommen und als Gesellschaft zusammenwachsen.

Was ist an dem Konzept, dass man sein Glück vermeintlich selbst in der Hand hat, so problematisch?

Es ist problematisch, dass die Verantwortung auf das Individuum geschoben wird. Teilweise mag das Konzept ja funktionieren – ich kann den Regen verteufeln und den ganzen Tag schlechte Laune haben oder mir einfach Gummistiefel anziehen, in die Pfützen springen und eine gute Zeit haben. Aber es gibt eben auch viel existenziellere und strukturelle Probleme. Rassismus, Sexismus, Diskriminierung, soziale Ungerechtigkeiten, beispielsweise. Betroffene können nichts dafür, dass sie in so eine Gesellschaft hineingeboren wurden. Es ist doch perfide, diesen Menschen zu sagen: „Hey, du hast dein Glück selbst in der Hand, also steh drüber und bleib locker.“ Zudem unterstützt man die strukturelle Diskriminierung, wenn man alles einfach nur weglächelt und ignoriert. Wir brauchen Wut, wir brauchen vermeintlich negative Emotionen, wir brauchen laute Stimmen, um etwas zu verändern. Das gilt für private Umstände übrigens auch!

Zum Weiterlesen: Anna Maas, “Die Happiness-Lüge”, Eden Books, 16,95 Euro

Den ganzen Beitrag finden Sie in unserer Ausgabe bewusster leben 4/2021

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