Ins Offene

Hobbyseglerin und Buchautorin Rike Pätzold erklärt, wie wir mit Ungewissheit besser umgehen können und warum wir sie auch brauchen.

Die Pandemie hat unser Leben durcheinandergewirbelt.Pläne mussten aufgegeben oder angepasst werden, und plötzlich mussten wir auf das Unbekannte flexibel reagieren. Doch warum fällt es uns überhaupt so schwer, auf das Planen zu verzichten? Warum glauben wir immer, alles unter Kontrolle haben zu müssen? Und wieso können wir die Ungewissheit so schwer ertragen?

Rike Pätzold kennt sich als aktive Seglerin gut mit ungewissen Zuständen aus. Ihr Buch „Ohne festen Boden“ ist eine Liebeserklärung an die Ungewissheit. Sie sagt: „Ungewissheit auszuhalten kann man üben.“ Wenn wir die Ungewissheit annehmen, eröffnet sie sogar Räume für neue Möglichkeiten. In unserem Gespräch erklärt Rike Pätzold, wie wir lernen können, uns nicht von ihr lähmen zu lassen.

Frau Pätzold, in der Pandemie haben wir schmerzlich erfahren müssen, wie ungewiss die Zukunft und wie zerbrechlich Pläne sind. Seit den Lockerungen fangen wir trotzdem wieder an, eifrig Pläne zu schmieden. Wieso haben wir das Gefühl, ständig alles planen und kontrollieren zu müssen?
Weil uns das ein Gefühl von Sicherheit gibt. Aber ich merke schon einen Unterschied zu vorher. Wenn Menschen mir jetzt von ihren Plänen erzählen, schicken sie meistens ein „aber wer weiß, ob das klappt“ hinterher. Mein Eindruck ist gerade, dass die Pandemie uns da etwas Demut gelehrt hat. Wie lange das anhält, ist eine andere Frage.

Warum fällt es uns so schwer, Ungewissheit auszuhalten?
Weil wir immer meinen, dass Sicherheit von außen kommen muss – indem wir zum Beispiel die Umstände kontrollieren und alles bis ins kleinste Detail planen.

Was wäre der erste Schritt, um mit Ungewissheit besser umgehen zu lernen?
Ein erster Schritt wäre es, wenn ich anerkenne, wie wenig ich tatsächlich planen, kontrollieren und vorhersehen kann und mir bewusst mache, dass Sicherheit nur von innen kommt. Und diese innere Sicherheit, dieses Vertrauen, kann ich entwickeln und üben.

Wie können wir verhindern, dass uns die Angst vor der Ungewissheit lähmt?
Zu Beginn der Pandemie habe ich mit vielen Menschen gesprochen, die die ganze Zeit die Nachrichten verfolgt haben – in der Illusion, informiert zu sein, gäbe ihnen sowas wie Kontrolle. Tatsächlich stresst uns das vor allem, wir sind überreizt und nervös und setzen uns ununterbrochen weiteren Reizen von außen aus. Wenn es mir so geht, dann rolle ich mich auf der Couch zusammen und schaue Lieblingsserien zum hundertsten Mal. Hauptsache, es tut gut und bringt mir etwas Ruhe. Wenn einem Ungewissheit generell zusetzt, kann es helfen, sich den besten, aber auch den schlechtesten Fall auszumalen: Was könnte denn schlimmstenfalls überhaupt passieren? Die möglichen Szenarien wirklich zu Ende zu denken und einen Endpunkt zu finden, nimmt ihnen oft den Schrecken. Wir fürchten vor allem das Unbekannte, sobald der Schrecken aber einen Namen und ein Gesicht hat, ist es oft nur noch halb so schlimm.

Rike Pätzold ließ sich nach einem Abschluss in Sinologie, Japano­logie, einem Studium der Sprach­philosophie an der LMU München und nach einem mehrjährigen Asienaufenthalt als allein-erziehende Mutter in Inter­national Leadership und körperorientiertem
Coaching ausbilden. Sie forscht, coacht und schreibt, hält Vorträge und ist Mitgründerin von „navigate byfiction“ – dem Prozess für kollaborative Zukunfts­gestaltung. Sie lebt mit ihrer Patchworkfamilie in München und auf ihrem Segelboot „Ponyo“.

Zum Weiterlesen: Rike Pätzold, Ohne festen Boden, Kösel Verlag, 18 Euro.

Den ganzen Beitrag finden Sie in unserer Ausgabe bewusster leben 6/2021

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