Zurück zu dir – und dann zueinander

Corinna Starcke ist Expertin für Beziehung und Paartherapeutin speziell für Führungspersönlichkeiten und ihre Partnerschaften. Sie erklärt, warum die entscheidende Arbeit nicht beim anderen beginnt, sondern bei dir selbst.

Du hast den ganzen Tag Verantwortung getragen, Entscheidungen getroffen, andere durch schwierige Situationen geführt. Und abends sitzt du neben dem Menschen, mit dem du dein Leben teilst, und fühlst dich trotzdem allein. Es fehlen die Worte. Oder es ist wieder derselbe Streit, in derselben Schleife. Viele meiner Klientinnen und Klienten sind genau hier. Menschen, die beruflich brillant sind und in ihrer Beziehung trotzdem nicht weiterkommen, manchmal sogar scheitern. Für manche fühlt sich das wie ein Widerspruch an. Ist es aber nicht. Ich kenne diese Welt von innen. Bevor ich als Paartherapeutin gearbeitet habe, war ich über fünfzehn Jahre in unterschiedlichen Führungspositionen. Außerdem bin ich selbst mit einem Unternehmer verheiratet und komme aus einer Unternehmerfamilie. Ich weiß, wie es ist, zu funktionieren. Im Außen stark zu sein und innen längst leer. Als mein Vater starb, brach zusammen, was ich vorher mühelos gestemmt hatte. Im Job bekam ich die Leistung nicht mehr hin, meinem Mann und meinen Kindern wurde ich nicht gerecht, mir selbst am wenigsten. Ich hatte mich verloren, ohne den Moment bemerkt zu haben, in dem es passiert war. Es war nicht das erste Mal. Jahre vorher steckte ich in einer Beziehung, die mich viel Kraft gekostet hat und den Glauben an mich selbst. Irgendwann habe ich mich gelöst und meine erste Tochter allein zur Welt gebracht. Eine schwere Zeit – und der Wendepunkt meines Lebens. Zum ersten Mal habe ich mich gefragt: Warum lande ich in meinen Partnerschaften immer wieder am selben schmerzhaften Punkt?

Selbstwert, Selbstrespekt und Selbstvertrauen sind das Fundament

Ich glaube, dass vieles einen Sinn hat, den wir erst später verstehen. Nicht alles ist gut, manches tut einfach weh. Aber ich habe gelernt, dass wir an dem wachsen dürfen, was wir erkennen. Den Sinn sieht man oft erst hinterher. Manchmal nie ganz. Die Antwort auf meine Frage hat gedauert. Heute ist sie der Kern meiner Arbeit. Deine Beziehung zu einem anderen Menschen ist immer nur so tragfähig wie die Beziehung zu dir selbst. Selbstwert, Selbstrespekt und Selbstvertrauen sind das Fundament. Wer sie nicht in sich trägt, sucht sie im Partner und überfordert damit jede Beziehung. Meine Mutter hat mir früh eine bestimmte Art beigebracht, auf die Dinge zu schauen. Nicht zu fragen, was mir das Leben schuldet, sondern was ich daraus mache. Das ist keine Esoterik. Niemand zieht sich durch positives Denken einen kranken Vater oder eine schwierige Ehe herbei. Aber woran ich glaube, formt, was ich wahrnehme, worauf ich zugehe und wie ich auf andere wirke. Du musst trotzdem losgehen. Du gehst nur eben in die Richtung, in die du schaust.

Eine Beziehung lässt sich nicht führen wie ein Projekt

Gerade Menschen, die viel Verantwortung tragen, fällt dieser Blick nach innen schwer. Was im Beruf hilft, hilft in der Liebe oft nicht. Ich erlebe das immer wieder: Jemand leitet ein Unternehmen, trifft den ganzen Tag Entscheidungen, und dann sagt der Mensch zu Hause abends „wir müssen reden“. Sofort springt der Kopf an. Was ist das Problem, wie löse ich es, was ist der nächste Schritt. Dabei will der andere in dem Moment oft gar keine Lösung. Er will gehört werden. Eine Beziehung lässt sich nicht führen wie ein Projekt. Sie braucht Nähe und die Bereitschaft, sich verletzlich zu zeigen. Und genau das fällt denen am schwersten, die den ganzen Tag liefern müssen. Gute Ratschläge von außen helfen an dieser Stelle wenig. Was hilft, ist der Mut, genauer hinzuschauen. Auf alte Muster, auf die eigene Geschichte, auf die Sätze, die man sich immer wieder selbst sagt. Im Außen bewegt sich meist erst dann etwas, wenn im Inneren klar wird, was man eigentlich braucht und wo die eigenen Grenzen liegen. So lenkst du deine Kraft dorthin, wo du wirklich etwas verändern kannst – zu dir selbst. Partnerschaft ist ein Wachstumsfeld, für jeden allein und für beide zusammen. Sie spiegelt dir, wo du bei dir genauer hinschauen darfst. Das ist nicht immer leicht. Aber es bringt dich in deine Selbstwirksamkeit und nimmt den Menschen an deiner Seite aus der Pflicht, für dein Glück zu sorgen. Geh selbst los, denn der Weg zu einer erfüllten Partnerschaft beginnt in dir.

Fünf Fragen, die nach innen führen

Wenn es in deiner Partnerschaft schwierig ist, bringt der Blick nach innen meist mehr als der auf den anderen. Diese fünf Fragen zeigen, wo du anfangen kannst.

1. Wie sprichst du mit dir selbst, wenn keiner zuhört?
Achte einen Tag lang auf deinen inneren Ton. Den Kommentar, der läuft, wenn etwas schiefgeht. Würdest du so auch mit einem Menschen reden, den du liebst? Wer ständig an sich rumärgert, macht sich selbst klein.

2. Wartest du auf Veränderung oder fängst du an?
„Der andere soll sich erst mal bewegen.“ Ein verständlicher Gedanke, der trotzdem nicht weiterbringt. Such dir eine Sache in deinem Verhalten und verändere sie diese Woche. Unabhängig davon, was der andere tut.

3. Woraus schöpfst du neue Energie und tust du es auch?
‚Viele wissen genau, was ihnen guttut, und kommen trotzdem nie dazu. Behandle das, was dich auflädt, wie einen Termin, den du nicht absagst. Nicht als etwas für später. Später ist nie.

4. Welches alte Muster führt heute noch Regie?
‚Die meisten Reaktionen sind älter als die Beziehung selbst. Geh einer Situation auf den Grund, die sich immer wiederholt: Woher kennst du dieses Gefühl? Wann hast du zum ersten Mal gelernt, so zu reagieren? Allein das Erkennen verändert schon etwas.

5. Bist du in Kontakt mit dir oder funktionierst du nur?
Bau kleine Pausen in deinen Tag ein, in denen du nichts leistest und kurz spürst, wie es dir geht. Wenige Minuten reichen. Wer den Kontakt zu sich hält, sucht ihn nicht verzweifelt beim Partner.

Corinna Starcke ist Paartherapeutin für Führungspersönlichkeiten und ihre Partnerschaften. Nach über fünfzehn Jahren in Führungspositionen und diversen Aus- und Weiterbildungen zur Paartherapeutin begleitet sie heute Paare und Einzelpersonen dabei, beruflich stark zu bleiben und privat wieder zueinanderzufinden.

Sie ist verheiratet, Mutter zweier Töchter und lebt mit ihrer Patchworkfamilie bei Hamburg. In ihrem Podcast „Leaders in Love“ spricht sie über Liebe, Führung und den Weg zu sich selbst.

Mehr unter corinnastarcke.de

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