Miteinander statt gegeneinander

Das tägliche Krisen-Stakkato zermürbt viele Menschen. Doch wie lässt sich trotz alledem ein gemeinsames Bild einer gelingenden Zukunft entwerfen? Die beste Therapie für eine dauer­gestresste Gesellschaft ist der Anstand, meint Florian Harms. Er stellt acht Prinzipien einer in Vergessenheit geratenen Tugend vor

m Osten und im Süden, Krisen hier und Konflikte da, Trump und Putin, Streit in der Regierung und Alarmrufe aus der Wirtschaft: Die Vielzahl täglicher Hiobsbotschaften zermürbt viele Menschen. Sie sind verunsichert und frustriert, ziehen sich ins Private zurück und überlassen die Öffentlichkeit den Egoisten und Schreihälsen. So verroht die Gesellschaft, das Trennende triumphiert über das Verbindende, der Gemeinsinn erodiert. Studien wie der Empathie-Report 2026 belegen die beunruhigende Entwicklung.

Aus der Psychologie stammt der Begriff der Selbstwirksamkeit. Der kanadische Wissenschaftler Albert Bandura prägte ihn in den 1970er Jahren, um die Überzeugung zu beschreiben, schwierige Situationen durch eigene Handlungen bewältigen zu können. Er wies nach, dass diese Eigenschaft zentral für die menschliche Resilienz ist, die wiederum Gesellschaften widerstandsfähiger macht. Leider scheint das Gefühl der Selbstwirksamkeit vielen abhandengekommen zu sein.

Der Schlüssel zu einem besseren Miteinander

Doch gerade weil sich die Welt immer schriller, brutaler, konfrontativer zu entwickeln scheint, sehnen sich viele Menschen nach verbindenden Werten. Nach mehr Gemeinsamkeit, nach Sinnstiftung, nach einem wertschätzenden Umgang miteinander. Auch dieser Trend spricht aus aktuellen Erhebungen, etwa der Studie „Deutsche Identität(en)?“ der Organisation „More in Common“.
Ist das ein Hoffnungsschimmer? Ließe sich durch die Besinnung auf gemeinsame Werte in einem vielfältigen Land wie dem unsrigen sicherstellen, dass alle Bürger gehört werden und mitwirken können, ohne die Rechte anderer zu verletzen? Dass wir öfter miteinander statt übereinander reden? Dass wir einander unterstützen, statt uns Steine in den Weg zu legen? Dass wir uns um Wahrhaftigkeit bemühen, statt Stuss zu verbreiten? Dass wir ein gemeinsames Bild einer gelingenden Zukunft entwerfen, statt im Untergangsgejammer zu verharren?
Ja, das ist möglich. Und der Schlüssel dafür ist der Anstand. Ein Begriff, der beim ersten Hören altbacken klingt, bei genauerem Hinschauen jedoch einen riesigen Resonanzraum für einen ganzen Wertekosmos offenbart. So verstanden, könnte Anstand als Wert gar nicht moderner sein.

Gegen den Sog der Verrohung

In diesem kleinen Wort mit sieben Buchstaben verbirgt sich viel mehr als nur ein Knigge für sittliche Umgangsformen. Ein zeitgemäß interpretierter Anstand ist der Kitt, der die polarisierte Gesellschaft reparieren kann. Eine sinnstiftende Selbstverpflichtung und die ausgestreckte Hand für die Mitmenschen. Das Stoppschild gegen Egoismus, Anonymität und Hass. Das Streben nach Aufrichtigkeit. In einer Welt, die Empathie zunehmend entwertet, entpuppt sich Anstand als Entscheidung, ein solidarischer, konstruktiver Mensch zu bleiben.

Zum Weiterlesen:
Florian Harms, Anstand. Eine Anleitung zum gelassenen Widerstand, Herder Verlag

Den ganzen Artikel findest du in unserer bewusster leben Ausgabe 6/2026

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