Erst in den stillen Momenten können wir wirklich lebendig sein. Wenn wir empfänglich werden für das Kostbare eines jeden Augenblicks, in dem Kleines ganz groß und Lautloses plötzlich hörbar wird. Sebastian Witte plädiert für eine Kunst der Vergegenwärtigung, die sich jederzeit und überall kultivieren lässt. Und die den Weg zu einer inneren Ruhe ebnet, die immer schon da ist
Es ist kein Zufall, dass wir immer noch ergriffen, ja beinahe kindlich entrückt zum Himmel schauen, wenn sich in den Wintermonaten zum ersten Mal helle, kleine Punkte im Grau der Wolken zeigen. Zunächst leicht zu übersehen – eine kaum wahrnehmbare Veränderung, wenig mehr als ein Verdacht. Dann aber bleibt der Blick hängen, folgt einer einzelnen Spur. In der Luft schwebt etwas, das keinen festen Kurs zu haben scheint. Es sinkt nicht geradlinig herab, es lässt sich treiben, taumelt, richtet sich neu aus. Eine Schneeflocke, oder genauer: etwas, das für eine Weile diese Form annimmt. Sie dreht sich um die eigene Achse, zögert, wird vom leisesten Luftzug verschoben. Nichts an ihr wirkt entschlossen, nichts zielgerichtet. Und doch bewegt sie sich unaufhaltsam weiter. Man kann sich ihrem Fallen kaum entziehen. Das Auge folgt der Flocke, verliert sie fast, findet sie wieder. Für einen Moment scheint alles andere stillzustehen: der nächste Schritt, der begonnene Gedanke, die Zeit selbst. Da ist nur dieses langsame Herabsinken, eine fragile Bewegung zwischen Himmel und Erde, die auf eigentümliche Weise fesselt. Instinktiv hebe ich die Hand. Nicht, um die Flocke zu fangen, eher, um ihr einen Ort anzubieten. Doch sobald sie auf der Haut landet, löst sie sich auf. Zurück bleibt ein kühler Punkt, fast unmerklich. Ein Hauch von Nässe, der gleich darauf verdunstet. Die Schneeflocke war da. Und ist es nicht mehr.
Ein feiner Teppich, der sich über Dächer und Parks, auf Fensterbänke und Hinterhöfe legt
Was mich an diesem Vorgang so fasziniert, ist weniger sein Ende als das, was er sichtbar macht. Die Flocke widersetzt sich jedem Versuch, sie festzuhalten. Sie lässt sich nicht betrachten wie ein Gegenstand. Sie duldet keinen Zugriff. Selbst das genaue Hinsehen scheint ihr mitunter zu nahe zu kommen. Man kann sie nur begleiten: wenn sie fällt, sich verwandelt, auflöst. Mit jeder weiteren weißen Erscheinung verändert sich allmählich die Umgebung.
Erst einzelne Flocken, dann ein dichteres Schweben, schließlich ein gleichmäßiges, lautloses Hinabgleiten. Ein feiner Teppich legt sich über Dächer und Parks, auf Fensterbänke und Hinterhöfe. Konturen werden weicher, Farben treten zurück. Die Welt wirkt plötzlich weniger kantig, weniger festgelegt. Geräusche verlieren an Schärfe, Schritte klingen gedämpft, Stimmen tragen nicht mehr so weit. Etwas im Außen wird ruhiger – und findet ein Echo im Inneren.
Warum wir stiller werden, wenn es zu schneien beginnt
Ich weiß, dass diese Flocken eine lange Reise hinter sich haben. Dass sie entstanden sind aus Wasserdampf, Kälte und winzigen Partikeln unter Bedingungen, die sich für einen kurzen Zeitraum genauso und nicht anders gefügt haben. Dass ihre Gestalt aus unzähligen kleinen Einflüssen hervorgeht, die weder geplant noch gesteuert sind. Und doch hilft mir dieses Wissen nicht, sie zu bewahren. Im Gegenteil: Es macht ihr Vergehen nur eindrücklicher. Denn was sich hier offenbart, ist nicht einfach ein Naturdetail. Es ist ein Prinzip, eine Begegnung mit dem, was der Soziologe Hartmut Rosa das Unverfügbare nennt: jene Dimension des Lebens, die sich unserem Willen verweigert und gerade deshalb unsere ganze Gegenwart verlangt. Sie existiert nur im Geschehen, im Moment. Und nur dort erreicht sie uns. Vielleicht erklärt das, warum wir mit einem Mal stiller werden, wenn es zu schneien beginnt. Warum Gespräche abbrechen, Blicke sich heben, Bewegungen langsamer werden.
Zum Weiterlesen:
Sebastian Witte, Vom tiefen Glück einer Schneeflocke beim Fallen zuzuschauen, Dumont Verlag
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