Aufbrechen, ankommen und bleiben

Wie viel Mut braucht es für Veränderung? Müssen Veränderungen, die sich im Rückblick als wahrgewordene Träume darstellen lassen, der große Neuanfang sein? Unsere Autorin Andrea C. Bayer hat in Schweden Menschen aus vier Nationen getroffen, die ihrem Leben auf unterschiedliche Weise neue Wendungen gegeben haben.

Roos Hogervorst (51) steht mit kurzer Hose, dickem Pullover und flauschiger Weste an der Wasserkante. Sie wirft einen letzten prüfenden Blick auf die voll beladenen Kanus, die in diesem Moment ablegen. Die Kanus gehören Roos und ihrem Mann Simon Kemsley (55). Die zehnköpfige Gruppe, die mit Regenjacken, Kapuzen und orangefarbenen Schwimmwesten in See sticht, kommt aus Dänemark. Die sommerliche Paddeltour hat Tradition zwischen Vätern und Kindern. Roos gibt noch etwas Starthilfe. Dann kehrt Ruhe ein am Strand von Agundaborg.

13 Hektar pures Glück

Seit 2019 ist das 13 Hektar große Anwesen mit Wohnhaus, Wald und Seezugang das Zuhause von Roos, Simon und den Söhnen Oliver, Jasper und Daan. „Als wir zum ersten Mal hier waren“, erinnert sich Roos, „standen wir lange am Strand. Während andere Interessenten das Haus anschauten, hat uns die Natur der Halbinsel in ihren Bann gezogen.“ Die Kinder tobten direkt los und spielten. So, wie sie alle auf ihre Art bis heute die Freiheit von ­Agundaborg nutzen und schätzen: Der 12-jährige Daan ist leidenschaftlicher Turner und geht auf Händen über den weichen Sand. Zusammen mit Jasper springt er regelmäßig in den See. Ihre Mutter frönt dem Eisbaden. Simon entspannt im Kajak. Und Oliver überrascht die Familie immer wieder aufs Neue, wenn er zusammen mit einem Freund angeln geht und im Anschluss leckere Fish’n’Chips für alle zubereitet.

Es ist diese Mischung aus viel Zeit an der frischen Luft, viel Wasser und einem Alltagsfokus auf gesundes Essen, gutes Miteinander und ein bewusstes Leben als Familie, die sich Roos und Simon nicht perfekter vorstellen können. Kennengelernt hat sich das niederländisch-britische aar in England. Beide wussten früh, dass sie eine Familie gründen wollen, aber nicht in einer Stadt und gerne mit einer für sie stimmigen Work-Life-Balance. 2007 zogen sie in ein schwedisches Haus im Wald. Ihre Jobs konnten sie mitnehmen. Heute ist nur noch Simon angestellt und Roos arbeitet für „Agundaborg camp & paddle“. Schritt für Schritt erfüllen sie sich ihren Traum von einem naturnahen Leben – und als Gastgeber.

Familienzeit und Gastfreundschaft

Die Familie teilt ihren Ort mit Menschen, die diesen, die Ruhe und die Natur schätzen. Immer wieder lacht Roos ihr so zufrieden wirkendes Lachen, mit dem sie bestätigt: „Das hier ist das perfekte Leben für uns.“ Zu dem gehören inzwischen ein paar Ferienhäuser und Baumzelte und eben der Verleih und ein Tourenangebot für Paddler. Die Flotte an robusten Kanus und bunten PE-Kajaks ist deutlich gewachsen, seit ich zum ersten Mal hier war. Auch ich genieße diesen Ort. In meinem kleinen Zelt, unten am See. Von dem aus geht es nord- oder südwärts weiter. Der Fluss Helgeå bietet schier unendliche Möglichkeiten für kurze und längere Touren. „Zu Beginn der Saison paddle ich die ganze Strecke einmal ab, um zu schauen, ob alle Abschnitte in Ordnung und gut befahrbar sind“, erzählt Roos.

Die Kombination aus innerer Ruhe, warmherzigem Kümmern und immer neuen Ideen ist ansteckend. Ich könnte den beiden und den Jungs stundenlang zuhören. Wenn sie von ihren Picknick-Ausflügen hinüber zur nächsten Insel und den Herausforderungen erzählen, die ein Leben als Auswanderer eben auch mit sich bringt: Die Familien sind weit weg, kommen aber gerne zu Besuch. Für die Kinder war von Anfang an klar, sie gehen auf eine schwedische Schule. „Wir haben nie über eine internationale Schule nachgedacht“, sagt Roos, die fest hinter ihrem Weg steht. Zu dem gehört auch, sich in das Dorf zu integrieren. Roos’ Strahlen wird noch intensiver, als sie mit zurückhaltendem Stolz in der Stimme erzählt: „Dieses Jahr wurde mir die Ehre zuteil, die Valborg-Rede zu halten.“ Diese Ansprache zur Walpurgisnacht, in welcher der Beginn des Frühlings gefeiert wird, ist in Schweden eine wirklich große Sache.

Den ganzen Artikel findest du in unserer bewusster leben Ausgabe 1/2026


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