Zurück zu dir

Wir sehnen uns nach Ruhe – und können sie doch kaum aushalten. Entsteht eine Pause, füllen wir sie sofort wieder mit Aufgaben. Warum das so ist und was wirklich hinter dem Wunsch nach einer Auszeit steckt, erklärt die Psychologin und NeuroEmbodiment-Expertin Britta Kimpel.

Du liegst im Urlaub am Strand. Sonne auf der Haut, Meeresrauschen im Hintergrund, eigentlich genau der Moment, auf den du dich wochenlang gefreut hast. Und trotzdem kannst du nicht wirklich abschalten. Dein Kopf ist noch zu Hause. Anstatt dass die Stille entspannend wirkt, tauchen plötzlich kreisende Gedanken auf oder du bemerkst erst dann, wie angespannt der Körper eigentlich die ganze Zeit war. Du kannst im Urlaub nicht abschalten, weil dein Kopf nicht einfach „Pause macht“, nur weil dein Kalender es sagt. Das Problem ist nicht der Urlaub. Dass wir so selten wirklich zur Ruhe kommen, liegt meist weniger am Willen als vielmehr daran, wie unser autonomes Nervensystem arbeitet.
Unser autonomes Nervensystem hat die Aufgabe, unser Überleben zu sichern. Es überprüft permanent, ob eine Situation sicher wirkt oder ob der Körper aufmerksam und handlungsbereit bleiben sollte. Dabei orientiert es sich weniger daran, was wir bewusst möchten, als vielmehr daran, welche Zustände unserem Nervensystem vertraut erscheinen.

Warum wir selbst in Pausen nicht zur Ruhe kommen

Viele von uns stehenständig unter Strom. Wir hetzen von Termin zu Termin, sind dauerhaft erreichbar und funktionieren oftmals einfach nur noch im Autopilot-Modus, um all den Anforderungen und Erwartungen aus dem Außen gerecht zu werden. Dabei bleibt meist keine Zeit für Pausen oder für Momente, in denen wir zumindest ein wenig vom Gaspedal gehen können. Wenn unser Körper jedoch über lange Zeit innerlich angespannt bleibt, beginnt das Nervensystem, genau diesen Zustand zunehmend als normal abzuspeichern. Mit der Zeit prägt sich dieser Zustand so stark ins Nervensystem ein, dass der Körper sich an das hohe Maß an Stresshormonen gewöhnt und auf eine gewisse Art davon abhängig wird. Ruhe fühlt sich dadurch für viele Menschen ungewohnt an. Vielmehr sucht das Nervensystem deshalb sogar automatisch wieder nach neuen Reizen oder mehr Intensität, sobald das Außen leiser wird und die gewohnte Anspannung nachlässt.

Ständig unter Strom

Viele greifen dann reflexhaft zum Handy, schalten den Fernseher ein oder beschäftigen sich sofort wieder mit irgendetwas, obwohl sie sich eigentlich nach Ruhe gesehnt hatten. Das funktioniert ähnlich wie ein Thermostat, das automatisch nachreguliert, sobald die Temperatur sinkt. Genauso reguliert auch der Körper häufig wieder in Richtung der Anspannung, die er kennt. Dadurch entsteht oft ein innerer Widerspruch. Einerseits wünschen wir uns mehr Ruhe und wollen uns entspannen. Andererseits hält das Nervensystem gleichzeitig daran fest, immer in Bewegung zu bleiben, weil dieser Zustand vertrauter geworden ist. Für den Körper kann Aktivität dadurch zeitweise sicherer wirken als wirkliche Ruhe. Deshalb reicht freie Zeit allein oft nicht aus, damit wir uns wirklich erholen. Wenn unser Nervensystem lange Zeit unter Spannung stand, kommen wir nicht automatisch zur Ruhe, nur weil wir gerade nichts zu tun haben.

Wir haben uns im Außen verloren

Wir haben oft schon früh in unserer Kindheit gelernt, uns an das anzupassen, was von uns erwartet wird. Vielleicht haben wir die Erfahrung gemacht, dass wir nur dann Anerkennung bekamen, wenn wir etwas Besonderes leisteten. Oder wir erhielten mehr Aufmerksamkeit und liebevollen Zuspruch, wenn wir brav, hilfsbereit und unkompliziert waren. Oft mussten wir genau dafür unsere eigenen Bedürfnisse oder Gefühle hintenanstellen, um Konflikte zu vermeiden und uns so zu verhalten, wie unser Umfeld uns brauchte. Sich selbst wahrzunehmen, geriet dabei immer weiter in den Hintergrund …
Britta Kimpel

Zum Weiterlesen: Britta Kimpel, Kein neues Ich, Komplett Media, 24 Euro

Den ganzen Artikel findest du in unserer bewusster leben Ausgabe 4/2026

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