Liebe dein Inneres Kind

Sheleana Aiyana zeigt, wie wir mit alten seelischen Verletzungen Frieden schließen, unsere Gefühle und Gedanken annehmen und bei uns selbst ankommen können.

Immer wenn ich in der Stadt unterwegs bin und fremde Menschen sehe, versuche ich mir vorzustellen, wie sie wohl als Kinder gewesen sein mögen. Waren sie albern und tobten laut herum, oder waren sie still und schüchtern? Auch wenn ich jemanden beobachte, der selbstzerstörerisch handelt oder sich verletzend verhält, denke ich, dass er oder sie einmal das geliebte Kind anderer Leute war. Irgendwann hat dieses unschuldige kleine Kind etwas erlebt, das es in seine jetzige Realität geführt hat. Wenn wir jeden Menschen, auch uns selbst, mit diesem zärtlichen Blick betrachten, entsteht Raum für Mitgefühl, Verständnis und ein tiefer spiritueller Zugang zu unser aller Verbundenheit.
Wir alle haben ein Inneres Kind. Das ist unser unschuldiges, verletzliches „kleines Du“ und der Anteil, der eher emotional als logisch ist und lieber fühlt, statt zu denken. Unser Inneres Kind staunt, ist neugierig und kreativ, hat aber auch verdrängte Traumata, Ängste und schmerzhafte Erinnerungen abgespeichert, die scheinbar in der Vergangenheit liegen, uns aber immer wieder in der Gegenwart einholen. Oft kapseln wir uns im Laufe des Erwachsenwerdens von diesem Kind ab und sind uns daher kaum unserer emotionalen Bedürfnisse und der Gründe für unser Verhalten bewusst.

Dein Inneres Kind ist neugierig und kreativ

Auch im Erwachsenenalter pflegen viele ihre Beziehungen immer noch aus der Sicht ihres Kindheits-Ichs. Emotionale ­Reife ist auch für Erwachsene keine Selbstverständlichkeit. Wir lernen es anhand von Vorbildern, etwa das unserer Bezugspersonen oder durch andere wichtige Menschen in unserem Leben, und durch liebevolle Begleitung, die wir alle für unser Wachstum benötigen. Wer mit Eltern aufgewachsen ist, die ihre eigene innere Welt nicht verstanden haben, hat keine Unterstützung erhalten, um die eigene Gefühlswelt zu hegen und zu pflegen. Unser Verhalten in Beziehungen ist Ausdruck unserer emotionalen Reife. Lang anhaltende Konflikte, Psychospielchen, dramatische Diskussionen und Wutausbrüche bei Erwachsenen gehen oft auf ein verletztes Inneres Kind zurück. Viele beginnen Beziehungen mit einer langen Liste an Erwartungen an ihre Partner, von denen manche vernünftig, andere wiederum unangemessen sind. Unsere Gier nach Aufmerksamkeit und Bestätigung zeigt an, wie genährt unser Inneres Kind im jeweiligen Moment ist.

Die Heilung deiner unerfüllten Bedürfnisse

Die Arbeit mit dem Inneren Kind ist ein Weg, unsere unerfüllten Bedürfnisse zu heilen, die uns in die Beziehungen als Erwachsene begleiten. Durch den Kontakt zum Inneren Kind in den verschiedenen Altersstufen können wir auf die emotionalen Erfahrungen der jeweiligen Lebensphasen zurückgreifen und neue Wege finden, um diese Anteile zu nähren.
Vergiss nicht, dass es für Eltern praktisch unmöglich ist, alle Bedürfnisse eines Kindes zu erfüllen. Was der eine als fürsorgliches Verhalten empfindet, kann ein anderer als erdrückend wahrnehmen. Selbst wenn deine Eltern liebevoll und zugewandt waren, kann es sein, dass du dennoch unerfüllte Bedürfnisse oder emotional belastete Anteile aus deiner Kindheit in dir trägst. Bei diesem Prozess geht es nicht darum, deinen Eltern oder anderen Leuten Schuld zuzuweisen. Vielmehr soll eine direkte Kommunikationslinie zwischen deinem kleinen und deinem erwachsenen Ich entstehen, damit du in deinen Beziehungen emotionale Reife und Weisheit erlangst. Auf diese Weise werden wir zu dem integrierten Erwachsenen, der in jedem von uns existiert.

Zum Weiterlesen: Sheleana Aiyana, Becoming the One, Integral Verlag

Den ganzen Artikel finden Sie in unserer bewusster leben Ausgabe 1/2023

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