Tschüß Perfektionismus!

Wer will nicht gerne perfekt sein? Und damit die Bewunderung anderer einheimsen. Doch Perfektionismus kann krank machen. Wenn wir zu unseren Fehlern und Schwächen stehen, werden wir für andere erst richtig liebenswert.

Es ist noch gar nicht so lange her, da ist Silvia jeden Morgen mit Magenschmerzen oder Migräne zur Arbeit gegangen. Ihre Leistungen in der Kreditabteilung einer großen Bank fand sie selbst nie gut genug. Es gab einige Kolleginnen, deren Arbeit sie bewunderte. Mit sich selbst war sie dagegen nie ganz zufrieden, weil sie die viel zu hoch gesteckten eigenen Ziele selten erreichte und Abstriche davon nicht zuließ. Fehler, die ihr unterliefen, wertete die 45-Jährige ausschließlich als eigenes Versagen. „Ich muss immer voll funktionieren“, lautete die Lebenseinstellung der zweifachen Mutter. So wurde das Gefühl der Überforderung immer stärker. Gleichzeitig vermisste Silvia die Anerkennung der Kollegen für ihr übermäßiges Engagement.
Die letzte Gehaltserhöhung lag auch schon vier Jahre zurück. Nachdem sie aufgrund einer Rationalisierungsmaßnahme die Arbeit einer entlassenen Kollegin auch noch mit übernehmen musste, litt sie mehr und mehr an Schlaflosigkeit, Depressionen und Erschöpfung. Als sie keinen Ausweg mehr aus ihrem Dilemma fand, unterzog sie sich einer psychologischen Behandlung. Für Monate ist sie nun krankgeschrieben und muss erfahren, dass sie mit ihrer Lebenseinstellung an eine gefährliche Grenze gestoßen ist. Noch heute bezeichnet sich Silvia als Perfektionistin.

Die meisten von uns kennen das: den Anspruch, perfekt zu sein. Und den gleichen Anspruch haben wir auch an andere. Wir wünschen uns zum Beispiel den perfekten Partner: beruflich erfolgreich, sexuell aktiv und einfühlsam im Umgang mit uns. Wir sehnen uns nach perfekten Eltern, perfekten Kinder, der perfekten Familie und einem perfekten Selbst. Instinktiv wissen wir zwar, dass es das alles nicht gibt, aber warum fällt es uns dann so schwer, unsere eigenen Grenzen, Schwächen und Unvollkommenheiten auszuhalten? Warum wollen wir immer der oder die Beste sein? Warum sind wir für uns selbst der gnadenloseste Kritiker?

Für einen überhöhten Perfektionsanspruch gibt es verschiedene Ursachen, aber immer geht es dabei um die Sehnsucht, von anderen geliebt zu werden. Schon früh als Kinder lernen wir, dass diejenigen das meiste Lob und die größte Anerkennung bekommen, die gute Leistungen bringen. Und was gute Leistungen sind, das legen die anderen fest. Wer brav und „pflegeleicht“ ist, gut rechnen kann oder ein schönes Bild malt, wird von den Eltern und Lehrern gelobt. So lernen wir von klein auf, den Wert unserer Leistungen an anderen zu messen. Wir glauben sehr schnell, dass wir nur dann, wenn wir so „gut“ wie die anderen sind oder sogar noch besser als die anderen, wirklich geliebt werden. So vergleichen wir uns ständig mit anderen, in der permanenten Angst davor, nur nicht schlechter als sie zu sein, nur nicht zu versagen. Und schließlich glauben wir selbst, dass wir es nur dann wert sind, auch geliebt zu werden.

Wir lernen also sehr früh, dass wir uns Liebe und Anerkennung verdienen müssen. Wenn man so will, hat keiner, der an einem übersteigerten Perfektionismus leidet, je erfahren, dass er um seiner selbst willen geliebt wird. Dem Perfektionismus liegt ein radikales Denken zugrunde, das Leistungen mit dem persönlichen Wert eines Menschen gleichsetzt. Und im Zeitalter von „Germanys next Top-Model“ ist auch das eigene Aussehen zu einer Leistung geworden, die unseren Selbstwert bestimmt. Nur wer perfekt aussieht, erhält die Anerkennung und Liebe, von der er träumt. Der Perfektionist ist davon überzeugt: Nur wenn ich es schaffe, vollkommen und fehlerfrei zu sein, ist mir die Liebe aller sicher. Er möchte sich Liebe um jeden Preis der Welt selbst verdienen. Ein folgenschwerer Irrtum, der sehr schwer wieder aus unseren Köpfen zu bekommen ist.

Ein aussichtsloser Kampf gegen sich selbst

Natürlich gäbe es ohne den Anspruch, etwas Außergewöhnliches zu leisten, auch viele begnadete Künstler, Unternehmer, Spitzensportler, Wissenschaftler oder sozial engagierte Menschen nicht. Das Setzen hoher Standards und ein gesunder Ehrgeiz macht also nicht in jedem Fall krank, es kann auch sehr positiv sein. Die Wissenschaft bezeichnet diese Form als gesunden oder funktionalen Perfektionismus. „Der Umgang mit Misserfolg entscheidet, ob Perfektionismus krank macht oder nicht“, sagt Christine Altstötter-Gleich von der Universität Landau. Erst wenn der Einzelne mit Misserfolgen nicht umgehen kann und er das Versagen stets auf sich selbst bezieht und sich selbst damit herabsetzt, stellt sich ein krankhafter Perfektionismus ein. In diesem Fall fokussieren wir allzu sehr die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit und sind außerstande, uns von unseren eigenen Ansprüchen auch einmal zu distanzieren.

Wer sich hingegen selbst eigene Fehler und Unvollkommenheit zugestehen kann, der bleibt weitgehend gesund. Der Perfektionist befindet sich quasi in einem ständigen Kampf mit einem Gegner, den er niemals schlagen kann. Auch wenn ich mich nämlich mit anderen vergleiche, so bin es in Wahrheit ich selbst, mit dem ich ringe. Überlegen wir doch einmal: Selbst wenn wir etwas besser gemacht haben als ein anderer, reicht es in der Regel nicht aus. Vielleicht fühlen wir uns für kurze Zeit gut. Wir werden aber trotzdem immer nur so gut sein, wie wir es eben gerade sind. Wir können nicht besser sein, als wir sind. Und genau das ist der Kampf, den wir nie gewinnen können. Der Perfektionist macht sich selbst zum Feind. Er liebt sich nicht und versucht diesen Mangel an Selbstliebe durch einen übermäßigen Leistungsanspruch zu kompensieren.

Und das kann, wie wir an dem Fall von Silvia gesehen haben, einfach nicht gut gehen. So fügt sich der Perfektionist immer wieder selbst Schmerz zu. Einmal durch den enormen Druck, den er sich selbst auferlegt, und zum anderen durch die ständige Konfrontation mit seinem Scheitern. Doch wie kann es uns gelingen, aus diesem Teufelskreis auszubrechen?

Machen wir uns einfach einmal bewusst: Liebe lässt sich nicht bestechen. Wir können sie auch durch noch so perfektes Verhalten nicht erlangen. Hohe Leistungen bringen uns vielleicht bewundernde Blicke, aber noch lange keine Liebe. Und die ist es doch, nach der wir uns sehnen. Und wenn wir einmal ehrlich sind: Wir wollen letztlich so geliebt werden, wie wir sind, mit all unseren Fehlern und Schwächen, die zu uns gehören. Aber deshalb ist es notwendig, dass wir uns selbst zuerst einmal so annehmen und lieben lernen, wie wir sind. Hinter einem krankhaften Perfektionsanspruch steckt eben zumeist ein verborgener Selbsthass. Wie sollen wir auch verstehen, dass wir um unserer selbst willen geliebt werden, wenn wir uns selbst hassen?

Um aus der Perfektionismusfalle herauszukommen ist es zunächst wichtig, dass wir uns klarmachen: Perfektion gibt es nicht. Sie ist schlicht unmöglich. Es ist einfach menschlich, Fehler zu machen.Wir sind keine Maschinen, sondern Wesen mit Stimmungen und Gefühlen. Wir können, wenn wir uns einmal nicht so gut fühlen, etwas vergessen oder uns richtig „blöd“ anstellen. Selbst wenn wir lernen,so gut wie ein anderer zu sein, wenn wir mehr Geld verdienen als andere oder den perfekten Partner haben – wir werden immer wir selbst bleiben. Wir müssen auch verstehen, dass unser Perfektionsanspruch uns selbst mehr schadet als nützt. In Julia Camerons Buch „Der Weg des Künstlers“ findet sich dazu der folgende Gedanke: „Perfektionismus ist die Weigerung, sich die Erlaubnis zu geben, sich vorwärts zu bewegen.“ Viele Menschen, die unter ihrem hohen Perfektionsanspruch leiden, haben so viel Angst davor, Fehler zu machen, dass sie kaum etwas Neues beginnen. Doch etwas Neues zu beginnen ist für unsere Entwicklung immer von Vorteil. Wer davor zu viel Angst hat, schadet sich also selbst. Wären alle Menschen Perfektionisten, gäbe es nämlich keine menschliche Entwicklung.

Und schließlich sollten wir begreifen, dass wir liebenswerter werden, wenn wir uns weniger perfekt zeigen. Wenn ein Perfektionist den Mut aufbringt, sich Fehler zuzugestehen, dann werden auch andere Menschen ihm gegenüber offener. Sie verlieren nämlich die Angst vor dem scheinbaren Übermenschen, als den sie ihn bisher wahrgenommen haben.

Sich auf keinen Fall mit anderen vergleichen

Es ist eben genau anders herum, als der Perfektionist glaubt: Nicht das Hervorbringen von außergewöhnlichen Leistungen, sondern das Bekenntnis zu eigenen Fehlern und Unvollkommenheiten macht einen Menschen erst liebenswert. Nicht perfekt zu sein macht uns erst zum Menschen und Menschen kann man lieben, Maschinen nicht. Doch was, wenn der Umstieg vom Perfektionisten zum Menschen nicht immer gelingen mag? Dann versuchen Sie es einmal damit: Wann immer Sie merken, dass Sie sich mit anderen vergleichen und sich fragen, wie viel besser Sie oder der andere in was auch immer sind, dann stellen Sie solche Gedanken ab. Fokussieren Sie sich auf sich selbst. Sie können dazu Ihre Hand auf Ihren Bauch legen, um sich selbst zu spüren. Atmen Sie dreimal ruhig und tief durch und sagen Sie sich: „Ich bin ganz bei mir.“ Und achten Sie ab sofort darauf, wie Sie mit sich selbst reden. Achten Sie darauf, wie unerbittlich Sie jedes Mal mit sich umgehen, wenn Sie wieder einmal nicht perfekt waren, vielleicht einen Fehler gemacht oder etwas Wichtiges übersehen haben. Halten Sie jedes Mal inne, wenn Sie merken, dass Sie kritisch mit sich selbst sind. Stoppen Sie mitten im Gedanken oder Satz und denken oder sagen Sie statt dessen: „Ich gebe in jeder Situation mein Bestes und das ist genug.“ Vielleicht wird Ihnen das etwas komisch vorkommen, aber seien Sie beruhigt: Sie sind auf dem besten Weg, mit sich selbst besser umzugehen und für andere liebenswerter zu werden.

Übrigens sieht Silvia ihre Zukunft heute wieder positiv. Sie ist dabei, sich ihren eigenen Talenten zu öffnen und über ihr inneres Bild einer Perfektionistin in aller Offenheit zu reden. „Ich versuche nun, meine eigenen Erwartungen mit meinen Stärken und Talenten in Einklang zu bringen und zu meinen Schwächen mehr zu stehen“, sagt sie. Demnächst will sie an ihren Arbeitsplatz zurückkehren.
Winfried Hille

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