Tempo raus, Sinne an!

Ein langsamer Start in den Tag. Eine Anreise per Schiff oder Zug. Das Eintauchen in Alltagskulturen, Yoga- und Kreativ Auszeiten, die nachwirken. Andrea C. Bayer teilt Beobachtungen und Erfahrungen zum bewusst entschleunigten Reisen

Es ist früh am Morgen. Mit nachtverwuschelten Haaren trete ich aus der Tür meines kleinen Apartments. Meine nackten Füße baden im taugetränkten Gras. Ich atme tief durch, den Blick auf die Bergkette gegenüber gerichtet. Es wird noch dauern, bis die Sonne über sie hinwegschaut. Bis dahin hüpfe ich hin und her zwischen drinnen und draußen. Ich rücke den Terrassentisch ein wenig schräg. So, dass ich die Obsthänge entlang blicken kann. Das Frühstück hat mir Gastgeberin Karin bereits auf die praktische Ablage vor meinem Auszeitzuhause gestellt. Die satten Farben der Marmeladen erzählen die Geschichten der Vorjahressaison, während ich mich kaum zwischen den frischen Brötchen und typisch Südtiroler Schüttelbrot entscheiden kann.

„Ob Alpen-Nachtzug oder Ostseefähre: Wer langsam reist,
bewahrt sich das Gefühl für Entfernungen“
Andrea C. Bayer

Der Morgen ist einer dieser Momente, die einfach passieren und dabei unbeschreiblich guttun. Noch gestern saß ich im Zug, bin über München, Innsbruck und den Brennerpass gefahren. Ich habe wahrgenommen, wie die Landschaft erst hügeliger, dann bergig und schließlich in höheren Lagen felsig wurde. Derweil stellte sich das ehrfürchtig-wohlige Glücksgefühl ein, das mich zuverlässig durchströmt, wenn ich mich den Alpen nähere. Da ist der Respekt vor ihrem Charakter, der die komplette Palette zwischen rau und sanft, fordernd und gutmütig umspannt. Da sind unvergessliche Erlebnisse meiner Kindheit und solche, die mich als Erwachsene zurückgeführt haben. All das bewegt sich in mir, als ich den ersten warmen Lichtstrahl über Tscherms erblicke. Im Etschtal, an dessen Westhang zwischen Lana und Meran mein Apartment liegt, beginnt ein neuer Tag. Ich begrüße ihn in Ruhe und mit großer Langsamkeit.

Wärme, Weite und Hüttenpausen

Es ist ein Geschenk, sich Raum und Zeit für solch leise und intensive Augenblicke zu geben. Für solche, in denen die morgentaufeuchten Füße Lebenszeichen ans Gehirn senden und in denen ich noch mehr als im heimischen Garten spüre, wie tief sich die frische Luft in meinem Körper breitmacht. Die ersten weißlich-rosaroten Blüten der Obstbäume bestätigen den Wechsel der Jahreszeiten. Oben am Berg liegt unterdes noch Schnee. Ich werde in den kommenden Tagen dort oben unterwegs sein. Mein Puls wird in die Höhe schnellen bei steilen Anstiegen und ich werde mir mehrmals am Tag eine neue Schicht Sonnencreme auflegen. Dazwischen werde ich Kaspressknödel und Apfelstrudel auf Berghütten essen und meinem Körper zum Ausgleich für die Anstrengung Dampfbäder und Saunagänge gönnen.

Den ganzen Artikel findest du in unserer bewusster leben Ausgabe 3/2026

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