Urlaub mit Mehrwert

Unsere Autorin Andrea Grießmann über den Wert von Reiseerfahrungen, die intensive Begegnung mit einem Reiseland und darüber, was „Wandern mit Eseln“ heißen kann.

Wer reist, kommt mit einem Plus nach Hause. Damit meine ich jetzt nicht die zusätzlichen Kilos an Übergepäck (das gute Olivenöl – nur ein kleiner Kanister!). Auch nicht die zusätzlichen Pfunde Hüftgold vom tollen Hotelbuffet, wo man doch wenigstens EINMAL alles probieren wollte. Ich meine das PLUS an Erlebnissen und Erfahrungen. Hautnahe Begegnungen mit anderen Menschen, Kulturen und Geschmäckern, die uns inspirieren. Die uns immer wieder dazu anregen, uns selbst, die Art wie wir leben und was wir denken auf den Prüfstand zu stellen. Ja, man kann sagen, Reisen kann uns zu einem besseren Menschen machen.

Eine Freundschaft fürs Leben

Wer sich nicht auf seinen Spürsinn oder den Zufall verlassen will, kann „Urlaub mit Mehrwert“ auch direkt buchen. Ich durfte das schon oft ausprobieren und habe dabei Dinge erlebt, die ich nie vergessen werde. Ich denke da besonders an „meinen“ Esel Vili, der mich einiges über mich gelehrt hat. Rückblende: Mein Weg der Demut führt durch das Mariazeller Land in Österreich, auf dem ich von meinen Kameras und einem Esel namens Vili begleitet werde. Hier steht eine Woche Eseltrekking für meine Fernsehsendung „Wunderschön“ auf dem Programm. Zusammen mit einer kleinen Gruppe will ich täglich zwischen acht und 16 Kilometer in den Bergen zurücklegen. Übernachtet wird in einfachen Gasthäusern und auf Bauernhöfen. Das Gepäck tragen die Esel in wasserdichten Packtaschen. Auf diese Tour hatte ich mich schon Tage zuvor wie ein kleines Kind gefreut, denn ich liebe nun mal Esel.

Streicheln müsste doch eigentlich helfen

Esel von weitem süß zu finden, ist ja auch wirklich kinderleicht. Die schönen samtigen Augen mit den langen geschwungenen Wimpern, die flauschigsten, wuscheligsten Ohren, die man sich vorstellen kann. Voller romantischer Vorstellungen stehe ich vor „meinem“ Esel und bin mir sicher: Das wird eine Freundschaft fürs Leben! Doch Vili stiert einfach nur stur in die Ferne und scheint sich nicht weiter für mich zu interessieren. Aber das kann ja noch kommen, denke ich. Ich flüstere mit Vili. Keine Reaktion. Ich lasse nicht locker. Streicheln müsste doch eigentlich helfen. Doch noch immer null Reaktion. Vili ignoriert mich komplett. Das kenne ich zwar auch von unserem Kater Puma, aber der war wenigstens kleiner. Als ich den Esel schließlich aus dem Stall führe, habe ich eher den Eindruck, dass Vili mich führt – und nicht umgekehrt. Das mit der Seelenverwandtschaft hat auch schon mal besser funktioniert. Immerhin: Das Striegeln scheint Vili zu mögen und dafür hält er auch schön still.

Wandern mit einem störrischen Esel

Am nächsten Morgen startet auf dem Hof in Halltal unsere 7-tägige Wanderung: Fünf Esel, fünf Menschen und die Steiermark. Die erste Etappe führt uns nach Mooshuben. Für unsere Reiseleiterin Judita sind die Esel so etwas wie Familienmitglieder. Sie kennt die Tiere seit Jahren, trainiert regelmäßig mit ihnen und weiß viel über die Psyche jedes einzelnen Esels und die Beziehungen der Esel untereinander.
Sie ist eine „Eselflüsterin vor dem Herrn“ und führt die Leitstute Bali, der die anderen vier Esel, zwei davon Balis Söhne, willfährig folgen sollen. Soweit zumindest der Plan.
Aber Vili, mein Esel, will nicht so wie ich will. Während wir bergauf und bergab durch die Wiesen und Wälder der Steiermark stapfen, hat das Tier seine eigene Agenda. Judita hat uns geraten, auf gar keinen Fall am Seil („NIEMALS!“) zu zerren, sondern den Tieren klare Anweisungen zu geben. Das hat Vili auch gehört. Und ich mache es ganz genau so wie Judita das gesagt hat. Aber wenn Vili zwischendurch Lust hat, ein Weilchen am Wegesrand zu grasen, dann macht er das einfach und zerrt mich an der Leine hinter sich her. Dabei soll nicht gezerrt werden! 200 Kilo Körpermasse aufzuhalten, zumal wenn sie noch in Schwung sind, ist für einen Menschen wie mich schlicht ein Ding der Unmöglichkeit. Da hilft auch alles gute Zureden meinerseits nichts mehr. Vili spürt meine Esel-Unerfahrenheit und nutzt sie schamlos aus. Wie ein Depp stehe ich da mit dem Seil in der Hand und warte, bis der gnädige Herr sich endlich dazu entschließt, weiterzugehen. Immer wieder heißt es: Stehenbleiben. Losgehen. Warten. Und nochmal Warten. Es ist zum verrückt werden!

Den ganzen Artikel finden Sie in unserer Ausgabe bewusster leben 2/2022

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