Zeit ist der Stoff aus dem unser Glück gemacht ist

Was brauchen wir wirklich für ein gutes Leben? Oft suchen wir die Antwort in Erfolg, Besitz oder Leistung. Wolf Küpers Erfahrungen weisen in eine andere Richtung: Mehr Zeit für Beziehungen könnte der Schlüssel zu Zufriedenheit und Lebensqualität sein

Als meine vierjährige Tochter Nina eines Abends beim Zubettgehen sagte: „Ach Papa, ich wünschte, wir hätten eine Million Minuten. Nur für die ganzen schönen Sachen, weißt du?“, begann das Abenteuer meines Lebens. Das war der Startschuss für unsere Weltreise, die eine Million Minuten, fast zwei Jahre, dauern sollte. Damals konnten wir noch nicht ahnen, wie prägend diese Zeit für uns werden würde.
Ausgehend von der Erkenntnis, dass gemeinsam mit unseren Kindern verbrachte Zeit oft wertvoller ist als beruflicher Erfolg oder äußere Anerkennung, machten wir uns auf den Weg.

Ist es normal, wenn wir für alles Zeit haben, nur nicht für das Allerwichtigste?

Unterwegs sammelten wir unzählige bereichernde Erfahrungen, begegneten inspirierenden Menschen und gewannen neue Perspektiven auf das, was im Leben wirklich zählt. Schließlich wurde aus meinem Reisetagebuch ein vielfach übersetzter Bestseller und sogar ein Kinohit mit Karoline Herfurth und Tom Schilling. Das lag sicher auch daran, dass unsere Grundfrage viele andere Menschen beschäftigt: Ist es wirklich „normal“, wenn wir für so ziemlich alles Zeit haben, aber nicht für die Dinge, die uns am Allerwichtigsten sind? Und was passiert eigentlich, wenn wir uns sehr viel Zeit nehmen für das Wesentliche?

Eine Million Minuten

Meine wichtigste Erkenntnis lautet bis heute: Zeit ist der Stoff, aus dem unser Glück gemacht ist. Ich war mir zu dem Zeitpunkt allerdings nicht sicher, ob das nur bei mir funktioniert. Inwieweit gilt das auch für andere? Wie wichtig ist Zeit für unser gutes (Zusammen-)Leben wirklich? Wieviel Lebensqualität ist ohne Zeit möglich? Also habe ich – immerhin bin ich von Haus aus Wissenschaftler – einen Faktencheck gewagt. Wie wichtig ist Zeit für unser gutes Leben wirklich? Wie viel Lebensqualität ist ohne Zeit überhaupt möglich?

Sich Zeit nehmen: Leichter gesagt als getan

Entscheidungen über unsere Zeit gehören zu den weitreichendsten Entscheidungen unseres Lebens. Zeit ist oft der eigentliche Verhandlungsgegenstand zwischen Partnern, mit Arbeitgebern und Kolleginnen, zwischen Tarifparteien, in Lieferketten und in der Preisgestaltung. Sie ist der Kern vieler persönlicher Entscheidungen im Hinblick auf Karriere, Kind, Partnerschaft, Träume, und Lebensqualität. Für die meisten von uns ist Lebenszeit die einzige Ressource, die wir in Geld umwandeln können, um unseren materiellen Lebensstandard zu finanzieren.
Unsere Gesellschaft honoriert vor allem jene Tätigkeiten, die sich in Geld, Erfolg oder Produktivität messen lassen – mit den bekannten Folgen für Care-Arbeit. Nicht zuletzt ist unsere Zeit der Rohstoff einer milliardenschweren Aufmerksamkeitsindustrie. Jede Minute, die wir vor einem Bildschirm verbringen, ist für irgendjemanden da draußen bares Geld.

Sich Zeit zu nehmen erfordert oft Mut

Wer versucht, sich Zeit zu nehmen, legt sich mit mächtigen Mechanismen an. Das erfordert Mut. Beispielsweise, den Mut, dem Partner zu sagen: Meine Arbeit bedeutet mir viel – ich bin nicht bereit, meine Stelle zu reduzieren. Den Mut, mit dem sich Frauen von einer unfairen Verteilung der Care-Arbeit abgrenzen und Dauerdiskussionen mit dem Partner riskieren und den, auf der Arbeit Nein zu sagen. Oder als Mann nachmittags mit seinem Kind auf dem Spielplatz zu sitzen und dort angeblich „nichts“ zu tun. Oder sich einzugestehen, dass man chronisch überlastet ist. Die Disziplin, sich den ständigen Ablenkungen und Verlockungen des Smartphones zu widersetzen. Die Kraft, dem zehnjährigen Kind noch immer kein Smartphone zu kaufen. Alles das braucht Mut.
Wolf Küper

Zum Weiterlesen: Wolf Küper, Nimm. Dir. Zeit., Ludwig Verlag, 20 Euro

Den ganzen Artikel findest du in unserer bewusster leben Ausgabe 4/2026

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