„Träume brauchen kein perfektes Timing“

Der frühere Pastor und spätere Weltenbummler Michel Malcin über die Kunst des Neuanfangs, die Stimme des Herzens und wie man spürt, dass es Zeit für eine Veränderung ist.

„Was hast du vor mit deinem einzigartigen und wilden Leben?“ Diese Frage trifft Michel Malcin mitten im Burnout – und sie verändert alles. Er kündigt, kauft einen alten Berliner Doppeldeckerbus und baut ihn ohne jegliches Fachwissen zum fahrenden Café um. Mit nichts als einer Wagenladung Vertrauen, Chaos und Kaffee bricht er auf – Richtung Santiago de Compostela. Unterwegs steigt Helene ein, die eigentlich nur einen Cappuccino im Bus trinken wollte. Sie bleibt und wird Teil dieses großartigen Abenteuers.
Zwischen Kaffeeduft und staubigen Straßen erzählen die beiden in ihrem Buch „Abgefahren“ von ihrer Reise und dem Mut, aufzubrechen und neu anzufangen. Sie stehen unter dem Eiffelturm und mitten im Nirgendwo auf dem Jakobsweg, geraten unter Raketenbeschuss und werden vom BND verhört. Doch das Besondere sind nicht die Orte, sondern die Menschen, die in den Bus eintreten und von ihrem Leben erzählen. Wir sprechen mit ihm über seine Erkenntnisse, die er bei seiner Tour gewonnen hat:

Herr Malcin, Sie schreiben in Ihrem Buch „Abgefahren“ von „einer Kraft, die uns aufbrechen und neu anfangen lässt“. Können Sie erläutern, was Sie damit meinen?

Für mich ist diese Kraft kein lauter Knall und kein heroischer Mut. Es ist eher ein stilles Drängen im Innern – eine Mischung aus Sehnsucht, Ehrlichkeit und der Ahnung, dass das Leben noch einmal neu beginnen könnte. Viele Menschen kennen dieses Gefühl: Etwas stimmt nicht mehr, etwas zieht einen weiter. Ich glaube, dass diese Kraft dann entsteht, wenn man den Mut hat, sich selbst wieder zuzuhören. Wenn man bereit ist, die unbequemen Fragen zu stellen und sich nicht länger mit einem „Es passt schon irgendwie“ zufriedenzugeben. Für mich war diese Kraft letztlich eine Einladung. Eine Einladung, meinem Herzen wieder zu vertrauen.

Erinnern Sie sich noch an den Moment, in dem Ihnen klar wurde: Jetzt muss sich etwas ändern?

Ja. Es war kein spektakulärer Augenblick, sondern einer dieser ganz normalen Tage, an denen man plötzlich merkt, dass man sich selbst verloren hat. Während meines Aufenthalts in der Burnout-Klinik wurde mir klar, dass ich nicht die Leinwand ändern muss, sondern den Film. Ich wollte mich wieder spüren und das tun, was zu mir und meiner Persönlichkeit passt. Ich spürte: Wenn ich jetzt einfach weitermache, verliere ich etwas in mir, das ich nicht wiederbekomme. Dieser Gedanke machte mir mehr Angst als jede Kündigung. Ich wusste: Ich kann nicht bleiben. Und ich wusste genauso wenig, wohin ich eigentlich will. Aber manchmal ist der erste Schritt nicht das Wissen – sondern das Aufhören, sich selbst etwas vorzumachen.

Warum fällt es uns oft so schwer, auf unser Herz zu hören?

Weil das Herz selten die bequemste Antwort gibt. Es verlangt Ehrlichkeit, und die kann wehtun. Außerdem sind wir Meister darin, Gründe zu finden, warum etwas nicht geht: zu spät, zu früh, zu unsicher, zu verrückt. Wir haben gelernt, Verantwortung mit Selbstverzicht zu verwechseln. Das Herz denkt nicht in Lebensläufen, finanziellen Risiken oder Erwartungen anderer. Es fragt: Was lässt dich leben? Und diese Frage macht uns angreifbar. Aber sie macht uns auch frei.

Zum Weiterlesen: Michel Malcin/Helene Volkensfeld, Abgefahren Vom Mut, aufzubrechen und anzufangen, Gütersloher Verlagshaus, 22 Euro

Das ausführliche Interview mit Michel Malcin findest du in unserer bewusster leben Ausgabe 1/2026

Diesen Artikel teilen

Weitere Beiträge

Botschaften heimischer Krafttiere

Ob Ameise, Biene oder Schmetterling: In jedem Tier steckt eine besondere Botschaft, die uns einen Hinweis und Antworten auf aktuelle Lebensfragen geben kann.

Diesen Artikel teilen

Das weibliche Zeitalter

Bestsellerautorin Jana Haas ist überzeugt davon, dass wir am Beginn einer großen Zeitenwende stehen.

Diesen Artikel teilen

Schreiben Sie einen Kommentar