Ein stiller Morgen am Fluss. Einschlafen mit kaum wahrnehmbarem Schaukeln. Unsere Autorin Andrea C. Bayer hat sich auf einer Hausboottour im französischen Burgund so richtig Zeit für sich genommen
Die intensivsten Auszeiten sind oftmals die, von denen wir wenig erwarten. Als ich in mein Hausbootabenteuer im Burgund einsteige, weiß ich so gar nicht, was da auf mich zukommt. In relativer Hektik habe ich meine Sachen gepackt. Für die Hausboottour hatte ich mich spontan entschieden. Ich wollte mal wieder richtig raus, etwas anderes erleben, ohne Bezug zu Alltag, Freunden und Familie – einfach mal wieder ganz bei mir sein. Soviel schon mal vorweg: Ich bin noch immer überrascht, wie gut mir das gelungen ist. Die Kraft einer Hausbootreise liegt im schlichten Dasein. Im gemächlichen Dahintuckern, im Erspüren kleiner Momente, im Beobachten sanfter Landschaften. Da ist kein innerer und kein äußerer Druck, nicht mehr das Bedürfnis, am besten zeitgleich an drei Orten zu sein. Während meiner Hausboottage habe ich wieder zu einer Balance zwischen mir und meiner Umwelt gefunden. Ich konnte mich auf die Menschen an Bord einlassen und auf mich, mit all meinen Gedanken und Gefühlen, die in mir auftauchten. Wie gut, dass ich mich für diese Miniauszeit entschieden habe.
Raus aus dem Alltag, rein ins Abenteuer
Dass sich vier Tage auf einem Hausboot anfühlen können wie ein ganzer Urlaub, habe ich im Vorfeld nicht kommen sehen. Das Tuckern des Motors, das Steuern, das Schleusen: Der schiere Gedanke löste noch auf dem Weg zu meinem Starthafen in Saint-Léger-sur-Dheune gemischte Gefühle in mir aus. Da waren Neugier und Vorfreude gepaart mit Respekt. Auch wenn ich es ohne Bootsführerschein mieten und steuern darf: 14 Meter Hausboot sind keine Kleinigkeit. Zum Glück ist das Revier, das ich mir ausgesucht habe, ein beschauliches. Selbst in der Hochsaison ist auf dem Canal du Centre in der französischen Region Bourgogne-Franche-Comté kaum etwas los, der Alltag schnell vergessen.
Ich atme tief durch und komme an
Meinen ersten Morgenkaffee an Bord trinke ich draußen an Deck. Ich balanciere die Reling entlang, stelle mich aufs Vorschiff und meinen Becher vor das Fenster des Fahrerstandes. Der Himmel ist blau, die Luft ist frisch. Es fühlt sich an, als wäre ich mit dem Einzug auf dem Boot in einer anderen, friedlich-sorglosen Welt gelandet. Meine Crew deckt drinnen fürs Frühstück. Der Duft der Croissants lockt mich wieder hinein.
Was ich in diesem Moment noch nicht weiß: Ungefähr so werden auch die vor mir liegenden Tage beginnen. Der Morgen ist symptomatisch für das, was ich im Burgund erlebe, und für das, was mir schließlich zeigen wird: Hausbooturlaub ist eine feine Sache. In der bunt zusammengewürfelten Reisegruppe habe ich erfahrene Freizeitkapitäne an Bord und wir alle haben ein Gespür dafür, wann eine extra Hand gebraucht wird. Schnell fasse ich Vertrauen, lehne mich zurück, atme tief durch und komme an. In diesem Urlaub, in dieser Landschaft, auf unserer „Pénichette“. So heißt der Bootstyp, mit dem ich unterwegs bin. Er ist alten Lastkähnen nachempfunden, die auf Französisch „péniches“ heißen. Da unser moderner Lastkahn etwas kleiner ist, bekommt er die verniedlichende Endung „-ette“.
Zeit für die Sinne
Vier Schlafzimmer, ein Wohnzimmer, drei Bäder, Küche, Balkon: So ließe sich die „Pénichette“ in einer Wohnungsanzeige ebenso knapp wie treffend beschreiben. Es ist alles da, was man braucht. Für mich ist das der pure Luxus: Ich bin Paddlerin und meine üblichen Auszeiten am und auf dem Wasser finden mit einem Seekajak von 5,20 Meter Länge, 50 Zentimetern Breite und einem kleinen Zwei-Personen-Zelt statt. Das Erlebnis auf dem Canal du Centre ist ein anderes und doch gar nicht so weit entfernt von den Augenblicken, die ich auch beim Kajakfahren liebe: Das langsame Tempo entschleunigt ganz von alleine – egal, was einen bis zur Anreise noch bewegt hat. Die Wahrnehmung verändert sich; die Sinne haben ihren Auftritt. Sie dürfen lauschen, gucken, riechen. Mein Burgund riecht leicht, frisch und überall dort, wo Blauregen und Flieder unsere Wege säumen, zart süßlich.
Andrea C. Bayer
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