In ihrer poetischen Parabel „Ein Schmetterling flog vorbei“ nimmt uns Yasemin Günay mit auf eine Reise voller tiefer Erkenntnisse und außergewöhnlicher Begegnungen. Dabei geht sie den großen Fragen des Lebens nach: Wie können wir mit Verletzungen und Verlust leben und wie entsteht neue Hoffnung? Wir haben Yasemin Günay nach ihren ganz persönlichen Antworten gefragt.
Frau Günay, der Schmetterling ist ein besonderes Bild. Welche Bedeutung hat er für Sie und die Geschichte?
Der Schmetterling symbolisiert für mich den stetigen Wandel. Zeitgleich steht er für das Ende und den Neubeginn, und in der höchst vollendeten Form für das Leben und den Tod: Ein zauberhaftes Wesen erwacht zum Leben, indem ein anderes sich dafür aus dem Leben verabschiedet. Diese Tatsache erinnert mich daran, dass mit jedem Verlust und Schmerz die Hoffnung verbunden ist. Manchmal müssen wir uns auf die Suche nach der Hoffnung begeben, in uns tief nach ihr graben, um sie zu spüren, vor allem dann, wenn die Trostlosigkeit uns blendet. Trotzdem ist sie nie ganz weg. Sie erhellt unseren Weg wie eine Laterne, damit wir sehen können. Aus ihr ist das Netz gestrickt, in das wir uns fallen lassen dürfen. Als ich mein Buch zu Ende geschrieben habe, war für mich sofort klar, den Schmetterling im Buchtitel als auch als Coverbild aufzugreifen. Sie gibt die Essenz der Parabel wieder. Die Illustration hat übrigens meine Schwester, Aysel Günay für mich gezeichnet, wie auch alle anderen Bilder im Buch.
Wie viel von Ihnen selbst steckt in der Parabel?
Meine Hauptfigur, Yaatree (Sanskrit für Reisender) hat seine große Liebe verloren. Er ist seither auf der Suche nach Antworten über das Warum, die sich bei ihm nicht finden wollen. Sein innerer Frieden ist daher aus dem Lot.
Yaatree kann bildlich für jeden von uns stehen. Da ich ein Teil von dem uns bin, steckt in der Geschichte einiges von mir drin. Wie alle anderen habe auch ich im Leben Erfahrungen gemacht. Eine davon war das Abschiednehmen. In dem Kontext denke ich vor allem an den Tod meiner Eltern: Es gab Momente, wo ich dachte, dass der damit verbundene Schmerz nie aufhört, ich an Ort und Stelle emotional verharre. Zeitgleich begab ich mich auf die Suche nach meinem inneren Frieden. An meinen großen Verlusten bin ich jedoch gewachsen. Sie haben mich gelehrt, dass das achtsame Innehalten im gegenwertigen Moment, das Dankbarsein um die Erinnerungen, und vor allem das Vertrauen in einen uns wohlgesonnenen Allmächtigen mich nähren.
Das Buch lädt zum Nachdenken ein: Welche Fragen über das eigene Leben möchten Sie bei den Lesenden anstoßen?
Mit der Geschichte möchte ich dazu anregen, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen. Allerdings geht es mir mehr als um die Fragen, vielmehr um die vergessenen Antworten an das Leben. Sie sind bereits da, und schlummern in uns. Sie wollen lediglich belebt werden.
Ihre Figuren stehen symbolisch für zentrale Themen des Lebens – für Schmerz, Hoffnung und das Loslassen. Was müssen wir Ihrer Meinung nach loslassen, um mit uns selbst in Frieden zu kommen?
Die Antwort darauf wird vielfältig ausfallen, da wir Menschen so unterschiedlich sind. Doch stellen wir uns vor, dass wir in unserer Faust etwas ganz festhalten, das uns sehr wichtig ist. Wo wir Sorge haben, es für immer zu vergessen bzw. zu verlieren, sobald wir die geballte Faust öffnen und es loslassen. Mit der Zeit wird diese Hand jedoch Taub, füllt sich mit Schwere und Schmerz, und schränkt uns letztendlich im Tun ein. Wie wäre es daher, wenn wir wie folgt handeln: Ich öffne meine Faust, schaffe für das, was in meiner Hand behütet liegt, Raum zum Atmen und Leichtwerden. Raum, um mit dem Universum Einszuwerden. Es somit freizugeben, ohne sofort loszulassen! Denn was ich loslasse, ist von jetzt auf gleich nicht mehr da. Das kann emotional ein harter Einschnitt sein. Was ich hingegen freigebe, erleichtert mit der Zeit mein Herz, und löst die unsichtbaren Fesseln in mir. Dadurch ebnet sich der Weg zum inneren Frieden. Und irgendwann stellt sich nicht mehr die Frage nach dem Loslassen, da ich längst gelöst bin, ohne vergessen zu haben.
Sie haben beruflich einen ganz besonderen Weg zurückgelegt – von der Bankkauffrau in die Hospiz- und Palliativarbeit. Was hat Sie das Leben über Abschied, Hoffnung und die wirklich wichtigen Dinge gelehrt?
Das Leben hat mich gelehrt, dass absolut nichts selbstverständlich, vielmehr alles vergänglich ist. Ich konzentriere mich darauf, die Gegenwart bewusster wahrzunehmen, intensive Momente mit meinen Liebsten zu verbringen. Vor allem schiebe ich nichts auf, sondern gehe meine Träume an. Nicht jeder Traum von mir mag sich zwar erfüllen, doch zumindest versuche ich mich daran. Wie mein Vater nämlich stets pflegte zu mir zu sagen: „Habe den Mut zu fragen. Mehr als ein Nein kannst du nicht hören.“ Ich habe gelernt, dass das Leben mit seinen Höhen und Tiefen gelebt werden will, und es vor allem auch verdient gelebt zu werden. Auch meine tagtägliche Begegnung mit der Endlichkeit erinnert mich immer wieder auf das Neue daran. Ich bin dankbar für dieses kostbare Geschenk, das sich Leben nennt.
Was ist für Sie das, was im Leben letztlich zählt?
Liebe! Sie ist der Nährboden für Frieden, Wohlwollen, Miteinander, Toleranz, Respekt, Gerechtigkeit und vieles mehr. Wo keine Liebe ist, verkommt meines Erachtens auf Dauer jegliche Form von Leben.

Yasemin Günay, 1976 in München geboren, begann ihre berufliche Laufbahn als Bankkauffrau. Seit 18 Jahren widmet sie sich der Hospiz- und Palliativversorgung – zunächst ehrenamtlich, heute als ausgebildete Palliative-Care-Fachkraft. Für ihr langjähriges Engagement wurde sie 2022 mit dem Bayerischen Verdienstorden ausgezeichnet.
Yasemin Günay
„Ein Schmetterling flog vorbei“
Buch&Media
104 Seiten, 19,90 Euro



