Worauf es letztlich ankommt

Unsere Autorin Ellen Kuhn macht sich auf die Suche nach dem, was ihr im Leben wichtig ist. Sie lädt dazu ein, innezuhalten, und zeigt, wie wir den Blick auf das Wesentliche richten und dabei neue Perspektiven entdecken können.

Seit fast 13 Jahren bin ich mit meinem Mann in der Welt zu Hause. Wir leben und arbeiten in unterschiedlichsten Ländern und Kulturen rund um den Globus, wechseln Perspektiven, Gewohnheiten und Lebenswirklichkeiten. Man könnte meinen, daraus hätte sich längst eine klare Antwort auf die Frage ergeben, worauf es im Leben letztlich ankommt. Tatsächlich ist meine Antwort über die Jahre immer vielschichtiger geworden. Aber der Reihe nach.
Wie bei so vielen großen Fragen taucht die interessanteste Antwort selten auf Anhieb auf. Man muss, um es mit Rainer Maria Rilke zu sagen, eine Frage eine Weile lieb-haben und lebt dann irgendwann in die Antwort hinein. Ich habe diese Lebensfrage einige Zeit mit mir herumgetragen und möchte ein paar prägende Erfahrungen teilen.
Ich beginne mit einer Begegnung, die bis heute zu den erschütterndsten meines Lebens gehört. Danach wird es – versprochen – auch wieder leichter.

Das Leben ist endlich, das sollte uns bewusst sein

Vor einiger Zeit lief ich auf dem Weg zum Einkaufen durch die Straßen Phnom Penhs, der Hauptstadt Kambodschas. Vor den Mauern eines buddhistischen Tempels hörte ich schon von weitem ein verzweifeltes, markerschütterndes Weinen. Als ich näher herantrat, sah ich eine Mutter, die ihr totes Kind in den Armen hielt. Es war drei oder vier Wochen alt geworden. Dieser Anblick hat sich tief in mir festgesetzt und meine hochsensible Seele auf eine Weise getroffen, die bis heute nachwirkt und sich nur schwer in Worte fassen lässt. Plötzlich wird unmittelbar, wie fragil ein menschliches Leben sein kann und wie wenig selbstverständlich vieles ist, das wir im Alltag als gegeben hinnehmen.
Tod und Sterben gehören für mich seit vielen Jahrzehnten zu den existenziellen Fragen, mit denen ich mich bewusst auseinandersetze. Die Präsenz unserer Endlichkeit hilft mir, das Leben aktiver und bewusster zu gestalten. Diese Begegnung erreichte dennoch eine andere Schicht. Sie ließ mich einmal mehr auf eine neue Weise darüber nachdenken, was einem Leben Wert und Bedeutung geben kann, was letztlich zählt, wenn die Verletzlichkeit unserer Existenz ebenso zu ihm gehört wie seine glücklichen und erfüllten Episoden.

Die eigenen Möglichkeiten entfalten

Auch deshalb schätze ich den Philosophen Karl Jaspers sehr. Für Erfahrungen dieser Art prägte er den Begriff der Grenzsituation. Tod, Leid, Schuld und Kampf gehören für ihn zu den Erfahrungen, in denen der Mensch an die Grenzen seiner Verfügungsmöglichkeiten gelangt. Sie lassen sich weder planen noch vollständig beherrschen und verlangen von uns dennoch eine Antwort. Wie wir mit dem umgehen, was uns widerfährt, prägt am Ende auch die Art, wie wir leben.
Dieser Gedanke ist mir besonders nah, weil ich selbst erlebt habe, wie schnell sich der eigene Handlungsspielraum verändern kann. Vor einigen Jahren führte eine Nervenentzündung meiner rechten Hand dazu, dass ich noch nicht einmal mehr am Laptop arbeiten konnte. Irgendwann konnte ich mir kaum noch die Haare binden oder einen Hosenknopf schließen. In eben dieser Zeit vergrub ich mich in philosophische und psychologische Bücher. Dort entstand auch der Impuls, aus dem ich später selbst zum Schreiben fand. Damals stieß ich auf Aristoteles’ Begriff der Eudaimonia. Damit bezeichnet er ein gelungenes Leben, das sich unter anderem darin verwirklicht, die eigenen Möglichkeiten im Handeln zu entfalten. In meiner damaligen Situation wurde diese Vorstellung plötzlich sehr konkret, weil ich unter veränderten Bedingungen andere Seiten und Potenziale in mir entdeckte und daraus neue Spielräume entstanden.

Was zwischen Menschen entstehen kann

Einige der größten Bereicherungen in meinem Leben hatten mit dem Aufeinandertreffen mit bestimmten Menschen zu tun. Keine Begegnung hat es so grundlegend verändert wie die mit meinem Mann. Vor etwa 15 Jahren traf ich ihn zum ersten Mal und empfand dabei eine unglaubliche Wucht. Ich wusste noch nie in meinem Leben so deutlich, dass dies einer dieser seltenen Momente war, in denen sich das eigene Leben radikal verändern kann. Ich spürte, dass etwas völlig Neues beginnen würde, wenn ich mich auf diese Beziehung einließ. Ungelogen: Bis heute bin ich jeden Tag dankbar für diese damalige Entscheidung.
Natürlich hatte ich Glück, diesem Menschen überhaupt zu begegnen. Unsere erfüllende Partnerschaft aber allein einer glücklichen Fügung anzulasten, greift für mich trotzdem zu kurz. Was daraus entstanden ist, hat sich über viele gemeinsame Jahre entwickelt, in denen wir immer wieder herausgefunden haben, wie wir miteinander leben wollen.
Ellen Kuhn
Den ganzen Artikel findest du in unserer bewusster leben Ausgabe 6/2026

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