Lieben heißt verwundbar sein

Die buddhistische Sicht auf Beziehungsfragen kann uns die Augen öffnen. Sie geht davon aus, dass wir nur dann ans Ziel gelangen, wenn wir es nicht ansteuern. Dass wir Probleme in der Außenwelt nur lösen, wenn wir etwas in uns ändern. Susan Piver über das Wesen der Liebe.

Wenn Sie in einer Buchhandlung die Beziehungsratgeber durchgehen, werden Sie feststellen, dass 99 Prozent sich darum drehen, wie man zur Liebe kommt: wie man sie findet, bewahrt oder wiederbelebt. Die wenigsten schreiben darüber, wie man Liebe geben kann oder ein liebevollerer Mensch wird. Und falls dieser Aspekt doch einmal thematisiert wird, dann nur als Strategie, um selbst mehr Liebe abzubekommen – nicht als Streben, das an sich einen Wert hat. Die Suche nach Liebe bleibt in diesen Darstellungen ein einseitiges, ziemlich eigennütziges Unterfangen.

Lieben heißt verwundbar zu sein – so verwundbar wie niemals sonst

Der Buddhismus verschiebt hier den Schwerpunkt: Glück wird nicht als Ergebnis der Befriedigung eigener Wünsche betrachtet. Was uns glücklich macht ist, auf die Bedürfnisse einzugehen. Aber nicht, weil wir selbstlose Gutmenschen sind, sondern weil die Freude des Verbundenseins, egal ob mit Mensch, Tier, Blume, einem Gedanken oder einem Gefühl, die tiefste aller Freuden ist. Oder mit den Worten meines Lehrers Sakyong Mi-pham: „Willst du glücklich sein, dann denk an andere. Willst du unglücklich sein, denk an dich selbst.“ Das hat er nicht nur aus Höflichkeit gesagt. Und doch gehen wir selten auf diese Weise an das Thema „Liebe“ heran.

In einem ersten Schritt sollten wir einmal in Erwägung ziehen, dass wir vielleicht nicht wirklich meinen, was wir sagen, wenn wir behaupten, wir suchten nach Liebe. Die „Beziehung“ ist für uns nicht diese verrückte, alle Grenzen sprengende, verstörende, Kraft gebende, gewöhnliche und außergewöhnliche Erfahrung, die sie in Wahrheit ist, sondern wir sehen sie eher als einen schützenden ­Kokon. Das ist verständlich. Lieben heißt nämlich, verwundbar zu sein – so verwundbar wie niemals sonst. Deshalb wollen wir so viele Sicherheitsmaßnahmen wie möglich installieren, um unser Herz zu schützen.

Es gibt nichts, was unsicherer wäre als die Liebe

Doch in dem Augenblick, in dem Sie versuchen, die Liebe zu einem sicheren Hort zu machen, hört sie auf Liebe zu sein. Es gibt nichts, was un-sicherer wäre als die Liebe. Liebe heißt, dass Sie sich Ihrem Partner, sich selbst und Ihrer Umwelt immer wieder öffnen und sehen, was dann geschieht. Was das ist, können Sie vorher nicht wissen. Wellen der Verbundenheit weichen Wellen der Distanz. Ein heiterer Himmel bringt noch mehr Sonne – oder Sturm. Sturmwolken verziehen sich und geben den klaren Himmel wieder frei. Oder eben auch nicht. Sie wissen einfach nicht, was als Nächstes passiert, und Sie brauchen viel Präsenz und Mut, um sich den Wogen der Veränderung zu stellen. Und diese Wogen können Sie nie völlig glätten, Sie können sie nur erfahren.
Sie können nicht vorhersehen, in welche Richtung Ihre Beziehung sich entwickeln wird, und wenn Sie sich noch so sehr für alle Eventualitäten wappnen, Ihre Bedürfnisse und Erwartungen klar formulieren und aufmerksam auf die Wünsche Ihres Partners lauschen. Wenn wir uns an einen Menschen binden, machen wir Versprechungen und fordern Garantien ein: „Ich werde dich immer lieben. Ich verspreche, dass ich dich immer schätzen werde. Nichts wird je zwischen uns treten.“

Beziehungen stabilisieren sich nie

Und dennoch: Manchmal lieben wir einander und manchmal kochen wir vor Wut. Manchmal lieben und schätzen Sie Ihren Partner, dann wieder wünschen Sie sich nichts sehnlicher, als dass er, nun, sagen wir mal: aus Ihrem Blickfeld verschwindet. An jedem einzelnen Tag gibt es Dinge, die zwischen Sie und Ihren Partner kommen: Arbeit, Familie, persönliche Ambitionen, depressive Verstimmungen, mangelnder Klarblick, unterschiedliche Vorstellungen vom Leben. Angefangen beim Geld und der Frage, wie viel davon genug ist. Weiter über die persönlichen Werte, die man teilen sollte, bis hin zur richtigen Art und Weise, wie man die Wäsche faltet.

Man kann es nicht oft genug sagen: Sich auf eine langfristige Beziehung einzulassen heißt, das Reich des Ungewissen zu betreten. So mutig und schön und manchmal erheiternd das sein mag, sonderlich gemütlich ist es nicht immer.

Irrwege der Liebe: die „drei Herren“ des Materialismus

Der tibetische Meditationsmeister Chögyam Trungpa spricht in seinem Buch „Spirituellen Materialismus durchschneiden“ von den „Drei Herren“ des Materialismus. Der Herr der Form, der Herr der Sprache und der Herr des Geistes, so ihre Namen, stehen für eine materialistische Haltung im Umgang mit unserem Körper, unserer Gefühlswelt und unserer Spiritualität. Sie suggerieren uns, wir müssten uns nur bestimmte Gegenstände oder Eigenschaften zulegen, dann könnten wir Leid und Kummer vermeiden und dauerhaftes Glück finden.

Der Herr der Form erklärt uns, dass bestimmte Besitztümer, bestimmte Fertigkeiten, ein bestimmter Lebensstil kurzfristig oder sogar auf Dauer alle Trauer aus unserem Leben verbannen werden. Wenn Sie nur ein Haus in der richtigen Gegend, ein Diplom von der richtigen Uni, so und so viel Geld auf der hohen Kante, ein neues Smartphone, ein neues Auto, einen anderen Job, eine andere Frisur hätten, dann wären Sie glücklich. Nicht, dass all dies nicht toll wäre. Ganz im Gegenteil. Aber sie retten Sie nicht aus der Misere. (Na ja, eine neue Frisur vielleicht schon …)

Der Herr der Sprache regiert über das Reich der Gedanken, Überzeugungen und Philosophien. Er versichert Ihnen, dass Sie nichts zu fürchten haben, sobald Sie Ihre kindlichen Traumen präzise festmachen können, die richtige Ideologie haben oder alles immer ganz exakt analysieren. Nicht, dass so etwas nicht toll wäre. Ganz im Gegenteil. Aber es rettet Sie nicht aus der Misere.

Der Herr des Geistes nun, ist der Hinterlistigste der drei. Er will Sie überzeugen, dass Meditation und andere spirituelle Techniken Sie vom Leiden befreien und Sie unter den Menschen sodann eine Sonderstellung einnehmen. Wenn Ihre Meditation perfekt wäre und Sie nur noch „gute“ Gedanken hegten, dann endlich hätte alles Leid ein Ende. Nicht, dass das nicht toll wäre. Ganz im Gegenteil. Aber es rettet Sie ebenfalls nicht aus der Misere.

Von Märchenprinzen und Prinzessinnen

Diese drei Herren weisen Ihnen samt und sonders den falschen Weg. Jeder von ihnen möchte unseren engen Geist und unsere gewohnte Sicht auf die Dinge bewahren, indem er uns drängt, uns in einen Kokon einzuspinnen, der uns vor den diversen Formen des Leidens schützt. Alle drei würden sie gern Ihre höchste Weisheit und Ihre wahre Natur vor Ihnen verschleiern. Denn dazu finden Sie nur Zugang, wenn der Kokon zerreißt.
An dieser Stelle möchte ich mir die Freiheit nehmen, diesen „drei Herren“ einen vierten zur Seite zu stellen: den Herrn der Romantik. Er schlägt Ihnen eine andere Taktik vor, um in höhere himmlische Gefilde zu gelangen – nicht den Erwerb von Besitz, Wissen oder spiritueller Verwirklichung. Nein, in seinen Augen wird Ihnen „dort oben“ Zugang verschafft, indem Sie Ihren Märchenprinzen oder Ihre Prinzessin finden und sich unsterblich in sie verlieben.

Er versucht, unsere Herzensbindung an einen anderen Menschen als Fluchtweg aus dem Leiden zu nutzen. Beziehungen, so sein Argument, bieten sicheren Schutz vor Kummer, Wut, Frust und Enttäuschung und vor allen Arten von materiellem, emotionalem und spirituellem Verlust. Er paktiert mit dem Herrn der Form, wenn er uns einredet, wir sollten uns einen wohlhabenden Partner suchen, der uns ein schönes Haus und ein Leben ohne finanzielle Sorgen bieten kann. Er bildet ein Tandem mit dem Herrn der Sprache, wenn wir an bestimmten Überzeugungen festhalten: dass der beziehungsweise die Richtige kommt, wenn wir unsere kindlichen Traumen geheilt haben; dass es die Pflicht und Schuldigkeit unseres Partners ist, unsere Bedürfnisse zu erfüllen, uns unseren Freiraum zu lassen und jeden Tag mit uns zu Abend zu essen – und was dergleichen nicht hinterfragte Annahmen über die
Liebe mehr sind.

Wunsch und Realität

Wenn die Herren der Romantik und des spirituellen Materialismus eine Koalition bilden, dann ist Chaos angesagt. Dann denken wir vielleicht, dass unsere Beziehung dazu da ist, uns Schutz vor allen Stürmen zu bieten, unseren Kummer zu heilen, unsere Sehnsüchte zu stillen und uns ein Leben nicht enden wollender Glückseligkeit zu schenken. Wenn Sie da-rauf hoffen, dass Ihnen eine Wunschbeziehung in den Schoß fällt, die all Ihren Selbstzweifeln ein Ende bereitet, sodass Sie nur noch liebkost und geherzt werden, so sprechen daraus eher die Dünste des romantischen Materialismus als der Wunsch nach wahrer Liebe (die gewöhnlich auf dem Boden der Tatsachen gefunden und nicht herbeigeplant wird).

Verschwenden Sie keine Zeit damit, den Wunschpartner mit geistigen Tricks anzuziehen

Es ist nichts Schlimmes daran, sich einen Haufen Geld zu wünschen, philosophischen Klarblick, spirituelle Verwirklichung oder die wahrste aller wahren Lieben. Ich meinesteils hoffe, dass Sie all das und noch mehr bekommen. Dass Ihre Beziehung Ihnen ein Leben voller Liebe, voller Herz-zu-Herz-Erfahrung und tiefgreifender Heilung auf allen Ebenen schenkt.
Doch wenn Sie mehr auf Sicherheit aus sind als auf Liebe, dann lassen Sie sich wohl eher von materialistischen Beweggründen leiten als von wahrer Güte sich selbst und anderen gegenüber. Der Herr des romantischen Materialismus übernimmt das Ruder immer dann, wenn Sie denken, dass irgendwo da draußen ein Mensch herumläuft, der für Sie bestimmt ist, so wie Sie für ihn bestimmt sind. Und wenn Sie einander erst gefunden hätten, dann würden alle Probleme sich in Wohlgefallen auflösen. Dieser Herr hat immer dann die Finger im Spiel, wenn Sie sich vorstellen, Sie müssten den Wunschpartner nur klar genug visualisieren, und schon träte diese Person in Ihr Leben und erlöste Sie.

Wenn Sie die Überzeugung nähren, durch das Heilen kindlicher Traumen würden sich die unsichtbaren Blo-ckaden lösen, die Ihren Seelenpartner daran hindern, zu Ihnen zu finden, dann legen Sie diesem Herrn gerade wieder einen roten Teppich aus, denn er zieht seine Energie aus solcherart Wunschdenken.
Je wichtiger Ihnen etwas ist, desto wahrscheinlicher ist es, dass Sie versuchen, das Gewünschte mit magischen Mitteln herbeizuzaubern. Gerade wenn es um die Liebe geht, übertrumpfen sich Bücher und Seminare mit der Behauptung, Sie könnten lernen, den Wunschpartner mit geistigen Tricks anzuziehen. Bitte verschwenden Sie damit weder Zeit noch Geld. Erforschen Sie stattdessen lieber gründlich Ihren Geist. Analysieren Sie die verschiedenen Linsen, durch die Sie die Welt betrachten, und versuchen Sie, die Illusionen und Projektionen zu verstehen, die so entstehen. Das ist von größter Wichtigkeit.

Hören Sie auf, nach Liebe zu suchen

Die Liebe kommt nicht zu Ihnen, indem Sie sich vorstellen, wie Liebe aussieht. Statt gegen alle Hoffnung zu hoffen, dass die wahre Liebe an Ihre Tür klopfen wird, öffnen Sie besser Ihr Herz und Ihren Geist. Hören Sie auf, nach Liebe zu suchen. Bieten Sie Ihre Liebe stattdessen allen Geschöpfen an. Auf diese Weise gehen Sie eine Beziehung mit der Liebe selbst ein. Es geht darum, Ihr Herz immer weiter zu machen, statt auf jemanden zu warten, der es ganz ausfüllt. Wenn Sie Ihr Herz immer wieder im Großen wie im Kleinen schenken, werden Sie feststellen, dass Sie nicht mehr auf die Liebe warten müssen, weil Sie die Liebe längst leben.

Zum Weiterlesen:

Susan Piver, “Vier Wahrheiten über die Liebe”, Arkana Verlag, 18 Euro

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