Eine Freundin, die nie widerspricht

Immer mehr Menschen erzählen einer künstlichen Intelligenz, was sie bewegt. Darin zeigt sich eine verständliche Sehnsucht nach Nähe. Doch es kommt darauf an, den digitalen Zuhörer so zu nutzen, dass er Freundschaften stärkt statt ersetzt. Christoph Koch über Beziehungen im Zeitalter der Chatbots.

Mit wem hast du zuletzt über etwas gesprochen, das dich wirklich beschäftigt hat? Vielleicht mit deiner besten Freundin beim Spaziergang, vielleicht mit deinem Partner beim Abendessen. Vielleicht aber auch, spät abends, mit einer App. Wenn dir das bekannt vorkommt, bist du in guter Gesellschaft: Drei von vier Erwachsenen in Deutschland haben KI-Chatbots wie ChatGPT, Gemini oder Copilot schon für private Anliegen genutzt, 43 Prozent tun das sogar jede Woche. Und dabei geht es längst nicht mehr nur um Kochrezepte oder Reisetipps. Fast die Hälfte der Befragten findet es inzwischen normal, mit einer KI über persönliche Dinge zu reden. Jeder fünfte Nutzer hat seinem Chatbot sogar einen Kosenamen gegeben.

Wenn man solche Zahlen zum ersten Mal liest, kann einen das irritieren. Ein Programm als Vertrauter? Doch ich beschäftige mich nun schon eine Weile mit dem Thema und habe gelernt, dass es dabei weniger um modernste KI-Technik geht. Sondern vielmehr um eine sehr alte und zutiefst menschliche Frage: Wonach suchen wir eigentlich, wenn wir jemanden zum Reden brauchen?

Warum die Maschine so gut zuhört

Die Antwort ist überraschend einfach. Wir wollen uns gehört fühlen, ohne Angst haben zu müssen, bewertet zu werden. Und wir freuen uns, wenn jemand immer dann Zeit hat, wenn es uns gut passt. Beides erfüllt ein Chatbot mit gnadenloser Zuverlässigkeit. Er ist auch um drei Uhr nachts wach und ansprechbar. Er verdreht nicht die Augen, wenn du zum vierten Mal vom selben Ärger im Job erzählst. Und beim vierzigsten Mal immer noch nicht. Er fragt nach, freundlich und interessiert, wie ein guter Freund am Telefon. Und er erinnert sich auch an das kleinste Detail, das du ihm vor Wochen einmal erzählt hast, jedenfalls solange du in derselben App bleibst.

Die Psychologin Jessica Szczuka erforscht an der Universität Duisburg-Essen, wie digitale Technik unsere Beziehungen verändert. In einer Langzeitstudie hat ihr Team über Wochen beobachtet, wie Menschen mit ChatGPT sprechen. Ihr Fazit: „ChatGPT gibt, was emotionale Kommunikation angeht, wirklich alles. Es ist grenzenlose Akzeptanz, es ist positives Feedback, es ist immer da.“ Das ist kein Vorwurf an uns Menschen. Emotional zugewandt zu kommunizieren ist anstrengend, und niemand hat dafür 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche die Kraft. Für einen KI-Chatbot hingegen ist das kein Problem.

Szczuka fasst den Reiz so zusammen: Ein Gespräch mit einer KI bietet „soziale Stimulanz ohne das Risiko der negativen sozialen Konsequenz“. Du kannst dich öffnen, ohne befürchten zu müssen, dass es peinlich wird oder dass du zu viel verlangst. In einer Welt, in der wir ständig bewertet werden, mit Daumen hoch und Daumen runter, ist das ein verlockendes Angebot. Und in einer Welt, in der wir Serien und Podcasts dann streamen, wann es uns passt, Essen bestellen und eine Fahrgelegenheit per Smartphone rufen, passt eine „On-Demand-Freundschaft“ mit einer App auch gut ins Bild. Aber ab wann wird es gefährlich? Und kann eine solche KI-Freundschaft echte Bindungen ersetzen oder verdrängen?

Was Menschen mit KI bereits machen

Bei den Recherchen für mein Buch habe ich mit vielen Menschen gesprochen, die sich regelmäßig einer KI anvertrauen. Das kann über Allzweck-KIs wie ChatGPT, Gemini oder Claude geschehen. Oder über spezialisierte „Companion-Apps“, in denen man sich ein virtuelles Gegenüber basteln kann, inklusive Aussehen, Eigenschaften, Namen und so weiter. Fast alle der Menschen, die ich interviewte, haben trotzdem noch menschliche Freunde. Die meisten sagen ungefähr so etwas: „Meine Freundinnen und Freunde sind mir wichtig, aber ich kann sie nicht zweimal die Woche nachts anrufen, wenn ich eine Panikattacke habe oder meine Gedanken kreisen

Zum Weiterlesen:
Christoph Koch, Hallo, wie fühlst du dich heute? Wie künstliche Intelligenz unsere Beziehungen verändert, Kein & Aber Verlag

Den ganzen Artikel findest du in unserer bewusster leben Ausgabe 6/2026

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