Hier bin ich richtig

Wie lange wir oft unterwegs sind, um das Glück des Ankommens zu erfahren! Doch allein für diesen Moment hat sich die Anstrengung gelohnt.

Ein Ziel zu erreichen ist zweifellos etwas Befriedigendes. Doch um richtig anzukommen, braucht es noch eine weitere Zutat: Das Gefühl, da zu sein, auch innerlich. Im Idealfall ist es sogar ein Seinszustand, der erfüllender nicht sein kann. Angekommensein ist wie Heimat. Man fühlt sich geborgen, spürt die wohlige Wärme des Vertrauten: Hier bin ich sicher, hier bin ich richtig! Das ist der Platz, an dem ich einfach nur sein darf. Nichts weiter als atmen, loslassen, die Weite im Herzen spüren. Floskeln kommen einem in den Sinn: die Seele baumeln lassen, das Leben mit allen Sinnen genießen, ganz bei sich im Hier und Jetzt. Oft gehört, immer wieder gelesen, der Traum von der Leichtigkeit des Seins. Aber Hand aufs Herz: Wie oft konnten wir so etwas wirklich erfahren? Meistens nur in Augenblicken, die wir an einer Hand abzählen können. Aber sie haben sich in unser Körpergedächtnis eingebrannt, als Maßstab für erfahrenes Glück.

Ein Ort, an dem wir uns wohlfühlen

Wie es scheint brauchen wir bestimmte äußere Bedingungen, um dieses Gefühl zu erleben. Auch deshalb zieht es in diesem Sommer wieder viele in die Ferne. Nach Monaten des Eingesperrtseins endlich raus aus der Enge des Alltags – in der Hoffnung, irgendwo hinzukommen, wo wir zu uns kommen. Für die einen geschieht das beim Surfen auf Hawaii, für die anderen ist es das gesellige Beisammensein auf dem Campingplatz. Manche brauchen das gepflegte Ambiente des Wellnesshotels, andere das durchgesessene Sofa der Freundin im Haus am Wald. Selbstverständlich funktioniert es auch windgeschützt im Strandkorb an der Ostsee mit einem Gläschen Prosecco in der Hand. Interessant nur, dass wir selbst im Urlaub noch dazu neigen, immer dieselben Plätze aufzusuchen, an denen wir uns einmal wohlgefühlt haben. Der Hauch von Wärme und Vertrautheit wirkt gerade im unbekannten Land ungemein anziehend. Da war doch diese kleine Taverne, wo uns der Wirt so herzlich und nett willkommen geheißen hat. Wir kamen sofort mit den Leuten ins Gespräch. Umstandslos konnten wir uns zu ihnen an den Tisch setzen – vollkommen Fremde, die uns das Gefühl gaben: Du gehörst dazu. Ein großartiger Moment!

Heimat ist überall, wo wir Wärme erfahren

Auch der Philosoph Wilhelm Schmid, der sich bei seinen Vortragsreisen in ferne Länder oft verloren fühlte, beobachtete dieses Phänomen an sich. Er bewegte sich am Ort der Ankunft automatisch nur in einem bestimmten räumlichen Rahmen, um damit vertraut zu werden und sich heimisch zu fühlen. Er definierte Lieblingsplätze, suchte Anschluss, indem er versuchte, mit anderen ins Gespräch zu kommen. Nur wieder das Gefühl von Heimat spüren! Wir kennen das alle: Wie dankbar nehmen wir zur Kenntnis, wenn uns der Kellner in der Anonymität der Hotelbar am zweiten Abend erkennt oder sogar mit Namen anspricht.

„Das Leben so zu gestalten, dass bei aller Erfahrung der Fremdheit und Befremdung Vertrautheit und Geborgenheit entstehen kann, ist ein Element der Lebenskunst“, schreibt Wilhelm Schmid in seinem neuen Buch „Heimat finden“. Nach seiner Definition findet sich Heimat überall dort, wo Wärme erfahrbar ist. Heimat sei „das warme Gefühl, angekommen zu sein, bei wem oder was auch immer.“ Wir können es drehen und wenden wie wir wollen. Egal aus welchem Grund wir die Heimat verlassen – bei allem Wunsch nach Abenteuer und Inspiration suchen wir selbst in der fremdesten Ferne immer den Ort, an dem wir uns zuhause fühlen – oder besser noch, gerade dort. So mancher Weltenbummler hat, von einer unbestimmten Sehnsucht getrieben, die Länder rund um den Globus bereist und kam mit einer einzigen Erkenntnis zurück: Heimweh ist das schlimmste Gefühl von allen. Nie erfährt man den Wert von Heimat so deutlich wie weit weg von daheim.

Den ganzen Beitrag finden Sie in unserer Ausgabe bewusster leben 4/2021

Zum Weiterlesen: Veronika Schantz, “Bei sich selbst ankommen”, Klett-Cotta Verlag, 14,95 Euro

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